So war es bei SHE PAST AWAY

Hamburg, Markthalle, 09. Mai 2026
Support: Isla Ola

Tanzmusik für die schönste Form von Verlorenheit

Die Markthalle kann viele Farben. An diesem Abend trägt sie wieder Schwarz. Nicht das laute, plakative Schwarz der Pose, sondern dieses matte, tiefe Schwarz, das Licht schluckt und Menschen näher an die Bühne zieht. She Past Away kommen mit ihrer „Mizantrop Tour 2026“ nach Hamburg und bringen jene Form von Dark Wave mit, die nicht auf Nostalgie angewiesen ist, obwohl sie tief in der DNA der Achtziger wurzelt. Das Duo aus der Türkei, bestehend aus Volkan Caner und Doruk Öztürkcan, verbindet Post-Punk, Dark Wave, Gitarrenkälte und synthetischen Druck zu einem Sound, der längst international funktioniert – auch, weil die türkische Sprache hier nicht als Exotik erscheint, sondern als zusätzlicher Schatten.

Nebelwave aus kalten Räumen

Isla Ola passen an diesem Abend nicht nur als Support. Das deutsche Duo aus Dortmund bewegt sich im Feld von Coldwave, Darkwave und Post-Punk; Stefan legt die synthetischen und gitarrengetriebenen Strukturen, Jesmari gibt den Songs mit ihrer tiefen, melancholischen Stimme eine besondere Schwere. Ihr Sound wird oft mit Nebel, Isolation und emotionaler Kälte beschrieben – und ja, genau das trifft es ziemlich gut. Der Einstieg mit „Warum kommst Du nicht vorbei zu mir?“ und „Alles Grau“ wirkt wie eine offene Tür in einen schlecht beleuchteten Raum. Danach ziehen „Augen Körper Herz“ und „Gelaufen“ die Stimmung tiefer in diese kühle, fast traumverlorene Richtung; der Beat bleibt stoisch, die Stimme hängt darüber wie Atem an kaltem Glas.

Mit „Durch den Nebel“ und „Nebelmond“ trifft Isla Ola den Kern des eigenen Kosmos. Im Anschluss bringt „Rob Me of Desire“ etwas mehr englischsprachige Distanz hinein, bevor „Versinken“ wieder diesen schönen, dunklen Sog öffnet. „Zerteil mein Herz!“ klingt schon dem Titel nach nicht nach Versöhnung, und live bekommt der Song eine rauere Kante. Zum Schluss steht „Wo bist Du hin?“ wie eine Frage im Nebel.

Beton, Nebel, Körper

Dann She Past Away. Kein langes Herantasten. Kein überflüssiges Anfüttern. „İçimdeki Düşman“ eröffnet den Abend mit dieser typischen Mischung aus kalter Gitarre, trockenem Beat und Stimme wie aus einem Raum ohne Fenster. Danach zieht „Durdu Dünya“ die Markthalle tiefer hinein; der Titel wirkt fast programmatisch, als würde die Welt draußen tatsächlich kurz stehen bleiben. Mit „Katarsis“ und „Mizantrop“ wird die Atmosphäre dichter. Später folgt „Asimilasyon“, und der Sound bekommt mehr Schärfe. „Ritüel“ setzt danach einen der frühen Fixpunkte des Abends. Man tanzt nicht aus Freude. Man tanzt, weil der Körper keine andere Antwort findet.

Mit „Sessiz Orman“ zeigt sich kurz ein anderer Schatten. Weniger Angriff, mehr verlorene Weite. Danach kommt „Kasvetli Kutlama“, und schon der Titel trägt diese widersprüchliche Schönheit in sich: eine düstere Feier, eine schwarze Zeremonie, ein Fest ohne Licht. In Hamburg funktioniert das gnadenlos gut. „İnziva“ zieht den Abend anschließend in die Isolation. Der Song wirkt wie ein Rückzug nach innen, ohne die Tanzfläche loszulassen. Es folgt „Ruh“, einer jener Momente, in denen She Past Away ihre Stärke besonders klar zeigen: wenig Mittel, große Wirkung. Mit „Kaygan Kayalıklar“ wird es wieder kantiger, beinahe unruhig. Der Song schiebt die Markthalle über rutschigen Boden, genau wie der Titel es verspricht. Im Anschluss beendet „İnsanlar“ den regulären Teil mit bitterer Klarheit. Menschen. Stimmen. Schatten. Körper. Für einen Moment wirkt der Raum wie eine einzige dunkle Silhouette.

Zugabe – der letzte Gang durch den Nebel

Dann kommen sie zurück. „Bozbulanık“ eröffnet die Zugabe nicht wie ein freundliches Wiedersehen, sondern wie ein weiterer Abstieg. Der Song hat diese trübe, aufgewühlte Farbe, als hätte jemand Asche in Wasser gerührt. Live wirkt er besonders stark, weil She Past Away hier nicht auf große Explosion setzen. Sie lassen den Druck arbeiten. Langsam. Trocken. Unbarmherzig. „İzole“ zieht die Vereinzelung noch enger. Ein Song wie eine Glasscheibe zwischen Mensch und Welt. In der Markthalle wird daraus kein stiller Moment, sondern eine dunkle Bewegung: viele Menschen, derselbe Takt, jeder für sich und doch zusammen. Mit „Sanrı“ kippt die Zugabe ins Fiebrige. Der Song hat etwas Halluzinatorisches, Flackerndes. Die Gitarre kratzt, die Synths ziehen, der Rhythmus hält alles zusammen wie ein eiserner Draht. Hier zeigen sich She Past Away von ihrer vielleicht gefährlichsten Seite: nicht laut im klassischen Sinn, sondern zwingend.

Und dann „Hayaller?“. Ein Finale mit Fragezeichen. Passender kann man so einen Abend kaum schließen. Der Song wirkt wie ein letzter Blick in einen Traum, der längst nicht mehr schön sein will. Kein warmer Abschied, kein versöhnliches Ausleuchten. She Past Away lassen Hamburg im Dunkeln stehen – aber mit einem Beat unter der Haut. Genau dort gehört diese Musik hin.

Fazit – Dunkelheit, die sich bewegt

She Past Away haben in Hamburg keinen Retro-Abend gespielt. Sie haben gezeigt, warum ihr Sound weltweit funktioniert: weil er nicht nach einer Kopie klingt. Die Wurzeln liegen hörbar im Post-Punk und Dark Wave, aber das Ergebnis steht fest in der Gegenwart. Minimalistisch, kalt, tanzbar, unbestechlich. Isla Ola öffneten den Abend mit deutscher Nebelkälte und melancholischem Coldwave, She Past Away machten daraus später eine schwarze Bewegungsmaschine. Zwischen „İçimdeki Düşman“, „Ritüel“, „Kasvetli Kutlama“, „Ruh“, „İzole“ und dem finalen „Hayaller?“ entstand eine Nacht, die nicht trösten wollte. Sie wollte ziehen. Nach unten. Nach innen. Auf die Tanzfläche. Und Hamburg ging mit.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrman

Setlist She Past Away:
„İçimdeki Düşman“ • „Durdu Dünya“ • „Katarsis“ • „Mizantrop“ • „Asimilasyon“ • „Ritüel“ • „Sessiz Orman“ • „Kasvetli Kutlama“ • „İnziva“ • „Ruh“ • „Kaygan Kayalıklar“ • „İnsanlar“ ••• „Bozbulanık“ • „İzole“ • „Sanrı“ • „Hayaller?“

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