THE MEMORY OF SNOW im Interview (2/2)

Wir sprechen in unserem zweiteiligen Interview mit Albin Wagener über sein neues Album „Inside“ und verfolgen dabei eine spannende Detektivgeschichte. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.

Orkus: Auch „Pandora“ greift den Zeitgeist auf. Gab es einen konkreten Auslöser für den Song oder ist er einfach eine traurige Reflexion unserer von sozialen Medien geprägten Gesellschaft?
Albin Wagener: Ich wollte verdeutlichen, dass sich bei einem solchen Verbrechen – einem schrecklichen Mord an einem misshandelten Mädchen – soziale Medien und Fernsehsender sofort darauf stürzen, um darüber zu berichten, zu kommentieren und mehr Aufmerksamkeit und Zuschauer zu gewinnen. Es geht um den zynischen und kannibalistischen Prozess unserer Mediengesellschaft: Jemand stirbt und alle versuchen, ein Foto, Interview, Blutproben oder irgendetwas anderes zu bekommen, das sie ihrem Publikum präsentieren können. Wir sind eine kranke Gesellschaft, besonders wenn es um den Respekt vor solchen Situationen geht. Also ja, es ist eine traurige Reflexion, aber gleichzeitig eng mit der Geschichte von „Inside“ verbunden. Das war eigentlich ziemlich praktisch, denn diese Geschichte gab mir die Möglichkeit, gesellschaftliche Kommentare über die Art und Weise einzubauen, wie wir kollektiv funktionieren … und das ist, gelinde gesagt, nicht immer schön.

O: „A Man in Every Monster“ sagt es bereits im Titel … denkst du, dass das tatsächlich auf uns alle zutrifft?
AW: Das ist eine schwierige Frage! Wenn ich mit Ja antworten würde, würde das bedeuten, dass auch ich als Mann darunter falle … Ich dachte dabei hauptsächlich an Männer, nicht an Frauen – was natürlich nicht bedeutet, dass manche Frauen nicht auch Monster sein können. Im Video zu dem Song habe ich Bilder von Männern wie Elon Musk, Donald Trump, Franco, Mussolini und anderen verwendet. Das sind beziehungsweise waren alles mächtige Männer, die zu Monstern wurden. Manchmal denke ich tatsächlich, dass das Monster immer da ist, irgendwo im Dunkeln lauert und auf die richtige Gelegenheit wartet, die Kontrolle zu übernehmen. Vielleicht liegt das an der Erziehung von Männern, und ich hoffe wirklich, dass es nichts Biologisches ist. Denn sonst würde das bedeuten, dass unsere Spezies dem Untergang geweiht ist … oder etwa nicht? Haha, entschuldige den düsteren Ton dieses Interviews. Aber ehrlich gesagt halte ich immer an der Hoffnung fest, weil ich hoffe, dass die Welt am Ende doch eine bessere werden kann. Allerdings muss die Hoffnung heutzutage verdammt stark sein.

O: Wie gehst du mit deiner dunkleren Seite um?
AW: Die Antwort ist einfach: Ich mache Musik. Ich versuche, mich so gut wie möglich durch Musik auszudrücken. Eigentlich ist es ziemlich lustig, denn die meisten meiner Freunde kennen diese dunkle Seite gar nicht. Wenn du einige Zeit mit mir verbringen würdest, würdest du wahrscheinlich denken, dass ich fröhlich bin, viel lächle, Witze mache und neugierig auf die Welt bin. Das ist wahrscheinlich meine hoffnungsvolle Seite, denn letztlich geht es im Leben vielleicht um Hoffnung. Aber ja, ich habe diese dunkle, verzweifelte Seite, die mich manchmal denken lässt, dass das Leben ein absurder Haufen Unsinn ist. Ich versuche, Texte zu schreiben, Melodien zu erschaffen und Klanglandschaften zu entwickeln. So gehe ich mit dieser dunkleren Seite um. Es ist wirklich ein Glück, dass ich diese Möglichkeit habe – die meisten Menschen können sich nicht auf diese Weise kreativ ausdrücken. Wenn man diese Möglichkeit nicht hat, kann man in Abhängigkeiten abrutschen …

O: Das Ende ist bedrückend und zugleich nachvollziehbar … Wann war dir klar, dass die Geschichte so enden musste, der Ermittler selbst zum Täter wird?
AW: Ehrlich gesagt wusste ich nicht, dass die Geschichte so enden würde. Das Ende kam plötzlich und brutal, als ich den Song „Into the Eyes of a Stranger“ schrieb. Ich hatte die Melodien, arbeitete an der musikalischen Produktion und entwickelte gleichzeitig den Text – etwas, das ich nur selten mache. Normalerweise arbeite ich zuerst an der Musik oder am Text, nie an beidem gleichzeitig. Doch während die Musik voranschritt, kam mir plötzlich der Gedanke, dass dies das richtige Ende für das Album sein musste. Es musste tragisch sein. Es ist ein tragisches Album, also kann diese schmutzige Geschichte kein Happy End haben. Das wäre unmöglich.

O: Du lebst ja in Frankreich. Wie würdest du die Dark-Alternative-Szene dort beschreiben?
AW: Ehrlich gesagt mache ich mein eigenes Ding, wie ein Mönch in seiner Abtei. Ich gehe nicht mehr auf besonders viele Konzerte – außer zu älteren Bands, die ich mag. Aber die Dark-Alternative-Szene erlebt seit einigen Jahren wieder einen Aufschwung. Manchmal höre ich Musik, die mir gefällt, und so habe ich beispielsweise Thalie Nemesis online kennengelernt. Wir haben beide unser eigenes Label gegründet, Meridian Noir Records, und darüber ist auch das Album erschienen. In Frankreich passiert eine Menge, besonders im Norden, aber nicht nur dort – Thalie Nemesis lebt beispielsweise im Süden. Außerdem gibt es viele Dark-Alternative-Medien, die großartige Arbeit leisten, etwa Obsküre. Ich würde sagen, die Szene ist sehr experimentierfreudig und versucht, verschiedene Elemente miteinander zu verbinden – Metal, Drone, synthetische Melodien und so weiter. Sie ist nicht besonders homogen: Es gibt viele unterschiedliche Welten zu entdecken, und das ist großartig. Ich selbst sehe mich allerdings als Teil einer bestimmten Nische innerhalb dieser Szene. Als ich jünger war, war ich Teil der Goth-Szene. Heute schätze ich meine Unabhängigkeit, je älter ich werde.

O: Inwiefern hat dein Heimatland dich persönlich und musikalisch geprägt?
AW: Wie gesagt, ich bin in Luxemburg geboren und aufgewachsen, einem eher germanisch geprägten Land. Als Teenager hörte ich daher viel dunklere Alternative-Musik aus Mittel- und Nordeuropa: De/Vision, Wolfsheim, Zeromancer, And One und so weiter. Gleichzeitig erinnern mich ältere Post-Punk- und New-Wave-Bands an meine Kindheit, etwa The Chameleons, Depeche Mode, The Sound oder The The. Ich höre sehr unterschiedliche Musik, und das beeinflusst auch die Ideen für die B-Seiten meiner Singles. Ich liebe es, Coverversionen aufzunehmen und Künstlern Tribut zu zollen, die ich mag. Während der Sessions zu „Inside“ habe ich beispielsweise Gary Numans „Stormtrooper in Drag“, Suzanne Vegas „Solitude Standing“ und A-Has „I’ve Been Losing You“ gecovert. Ich liebe diese Auseinandersetzung mit Coverversionen – die Möglichkeit, in den Song eines anderen Künstlers einzutauchen und ihn in das eigene musikalische Universum zu überführen. Und was die persönliche Seite betrifft: Ich würde sagen, dass ich nicht wirklich weiß, woher ich komme und welches mein Land ist. Ich wurde in Luxemburg geboren und lebe in Frankreich, fühle mich aber mit keinem der beiden Länder vollständig verbunden. Manchmal ist das ein Geschenk, manchmal wird es zu einem existenziellen Problem.

O: Was liebst du besonders an Lille?
AW: Ich liebe es, dass man so nah an so vielen Ländern ist! Brüssel, London und Amsterdam kann man problemlos erreichen – perfekt, wenn man gerne in verschiedene Länder reist. Nun, das sagt wahrscheinlich mehr über meinen Wunsch zu entkommen aus als über Lille, sorry! Was Lille betrifft: Ich liebe diese nordfranzösische Lebensart. Die Menschen sind wirklich freundlich, immer bereit, sich zu unterhalten und zu helfen. Es ist eine Freude, hier zu leben. Außerdem gibt es im Norden Frankreichs so viele Biersorten und so viele Konzerte! Auch kulturell ist die Gegend großartig. Und weil Lille eine größere Stadt ist, findet man dort Essen aus aller Welt. Wenn du Lille noch nicht kennst, kann ich dir nur empfehlen, die Stadt zu besuchen – sie liegt schließlich nicht weit vom Meer entfernt!

Claudia Zinn-Zinnenburg

Sieh Dir das Video zu „A Man in Every Monster“ an:

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