DAMIEN CAIN im Interview (2/3)

Photo: joeconroy.ie

Über sein aktuelles Album „Standarte“ haben wir in der Vergangenheit bereits ausführlich berichtet. Der in Deutschland geborene und heute in Irland lebende Alternative-Rock- und Metal-Künstler wurde vor kurzem mit dem InterContinental Music Award 2026 in der Kategorie „European Metal“ ausgezeichnet. Prämiert wurde der Titelsong „Standarte“. Das Label stellte uns ein Interview zur Verfügung, in dem er nochmal ausführlich über „Standarte“ spricht.

„Standarte“ ist mit „Wallenstein“ verbunden, einem Song, den du vor mehr als dreißig Jahren geschrieben hast. Was verbindet die beiden Stücke, und wie hat sich deine Sicht seit den frühen 1990er-Jahren verändert?
Damien Cain: Beiden Songs liegt dieselbe Grundidee zugrunde. Im ursprünglichen „Wallenstein“ gibt es einen kleinen Kniff: Der Name Wallenstein kommt im gesamten Text nicht vor. Das habe ich bei „Standarte“ geändert. Diesmal stehen sowohl das Wort „Standarte“ als auch der Name Wallenstein tatsächlich im Songtext. Der ältere Song war zumindest teilweise von Billy Joels „We Didn’t Start the Fire“ beeinflusst. Er wurde zu einer Aufzählung schrecklicher Ereignisse jener Zeit, darunter Dinge, die schon wenige Monate später beinahe wieder vergessen waren. Lockerbie oder auch der Flugzeugabsturz in Remscheid (wer erinnert sich?) kommen zum Beispiel im Wallenstein-Text vor. Solche Ereignisse beherrschen die Nachrichten. Sie erschrecken und frustrieren uns, machen uns wütend und verschwinden dann erstaunlich schnell aus unserem gemeinsamen Bewusstsein. Das war eine der Ideen hinter „Wallenstein“: Die Katastrophe von gestern wird zur Geschichte, oftmals ohne viel aus ihr lernen. Ich habe den Song mit Anfang zwanzig geschrieben. Heute kommen weitere, ziemlich ereignisreiche dreißig Jahre hinzu. Die Welt selbst hat sich leider nicht wesentlich verändert. Verändert hat sich mein Blick darauf. Ich sehe heute Zusammenhänge, die ich mit zwanzig nicht sehen konnte. Einige Zeilen und Gedanken, aus denen später „Standarte“ entstand, lagen jahrelang herum. Ich bekam den Song einfach nicht fertig. Vermutlich brauchte ich diese zusätzlichen Jahre, um zu wissen, was ich wirklich sagen wollte. Statt neue Katastrophen der Reihe nach aufzuzählen, tritt „Standarte“ einen Schritt zurück und betrachtet die Mechanismen dahinter: Macht, Glaube, Gehorsam, Wut und menschliches Verhalten. Aber im Grunde stellt der Song dieselbe Frage wie „Wallenstein“, nur aus größerer Entfernung. Als ich den Song dann fertig produziert hatte, war völlig klar, dass er der Titelsong des Albums werden musste.

Im Refrain heißt es immer wieder „Hope for Wallenstein“. Wer oder was ist Wallenstein in diesem Song: eine historische Figur, ein Symbol, ein Retter oder etwas Widersprüchlicheres?
Damien Cain: Wallenstein war ein Feldherr im Dreißigjährigen Krieg, der große Teile Europas verwüstete. Außerdem ist er die zentrale Figur in Friedrich Schillers berühmter Dramentrilogie. Mir ging es allerdings nie um die historische Person. Er steht für den Kriegsherrn als Archetyp, für den (militärischen) Anführer, an den sich Menschen wenden, wenn sie glauben, Gewalt sei die Antwort. Hinter dem Refrain steckt außerdem eine kleine gedankliche Volte. Ich spiele mit dem berühmten Satz, der mit der Schlacht von Waterloo verbunden wird: „Ich wünschte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen.“ Gemeint ist im Grunde: Hoffentlich kommt jemand und bringt dieses Chaos in Ordnung. Bei mir wird daraus „Hope for Wallenstein“. Das ist bewusst widersprüchlich. Ich rufe einen Kriegsherrn, um eine vom Krieg geschaffene Situation zu beenden. Ist eine weitere Armee wirklich die Antwort auf eine Armee? Kann zusätzliche Gewalt die Gewalt beenden? Diese hilflose Widersprüchlichkeit durchzieht den ganzen Song. Darin zeigt sich auch der Einfluss des Surrealismus. Ich mag Bilder, bei denen man zunächst ein paar Male um die Ecke denken muss, bevor sie einen Sinn ergeben. Das verbinde ich stark mit Salvador Dalí: Vertraute Gegenstände und Gedanken treffen in zunächst unmöglichen Kombinationen aufeinander und entwickeln doch eine eigene Logik. Wallenstein ist also weder ein eindeutiger Bösewicht noch ein Retter. Er ist der Widerspruch selbst. Vielleicht drückt „Hope for Wallenstein“ eher Hilflosigkeit als Hoffnung aus: den Moment, in dem alles so gründlich schiefgegangen ist, dass wir wieder eine mächtige Figur um Rettung bitten, obwohl Macht und Gewalt von Anfang an Teil des Problems waren.

Du hast Salvador Dalís „Christ of St. John of the Cross“ als wichtige visuelle und philosophische Inspiration genannt. Was hat dich an diesem Gemälde so beschäftigt, und wie fand es seinen Weg in die Welt von „Standarte“?
Damien Cain: Dalís Gemälde war einer der ursprünglichen Auslöser für „Wallenstein“. Ich sah das Gemälde in Glasgow und war von seiner Größe, seinen Details und seiner Ausdruckskraft überwältigt. Ich saß vor dem Bild und schaute es einfach an, fast zwei Stunden lang. Damals kam mir die Frage: Was genau sieht Jesus eigentlich von dort oben? Auf dem Gemälde befinden sich unter ihm Fischer und ihre Boote. In meiner Vorstellung wurde diese Perspektive sofort viel größer. Wenn man aus dieser Höhe herabblickt, und erst recht, wenn man sich die Perspektive eines Gottes vorstellt, dann sieht man alles. Und zu diesem „Alles“ gehört auch jeder Schrecken, der sich auf der Welt abspielt. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher nahm der Text von „Wallenstein“ Gestalt an. Der Gedanke blieb bei mir und fand schließlich auch Eingang in „Standarte“. Und besonders eine surrealistische Perspektive erlaubt es, Bilder einzusetzen, ohne sie wörtlich auszuerzählen. Vielleicht erschließen sie sich nicht sofort, aber die Hörer können zwischen den Zeilen lesen und eigene Verbindungen herstellen. Meine Faszination geht über dieses eine Gemälde hinaus. Der Surrealismus bricht mit den festen Formen, die wir zu akzeptieren lernen. Als Kinder erfahren wir, dass eine Linie eine Linie und eine Kurve eine Kurve ist, dass alles eine bestimmte Form und Bedeutung haben soll. Der Surrealismus fragt: Warum? Für mich gibt er uns die Freiheit, in eine andere Richtung zu denken, das scheinbar Feststehende zu hinterfragen und uns sogar vorzustellen, dass etwas Erdachtes oder Geträumtes Wirklichkeit werden kann. Diese Freiheit ist eine der stärksten künstlerischen Verbindungen zwischen „Wallenstein“ und „Standarte“.

Die Frage „Was sieht Jesus von dort oben?“ klingt religiös. Du beschreibst deinen Blick darauf jedoch als philosophisch. Wo liegt für dich der Unterschied?
Damien Cain: Vielleicht sollte ich zuerst die Frage zwischen den Zeilen beantworten: Ja, ich bin gläubig. Aber ich glaube nicht an die Kirche, genauer gesagt an organisierte Religion als Institution. Damit tue ich mich erheblich schwerer. Denn was ich erlebt habe und immer wieder sehe, ist das Handeln religiöser Institutionen und Autoritäten, wenn sie behaupten, den „wahren“ Glauben zu verteidigen oder durchzusetzen. Damit bin ich unmittelbar bei den Fragen aus „Standarte“: Woher kommen Aggression, Krieg und blinder Hass? Was sollte einen Menschen grundsätzlich besser machen als einen anderen? Ich glaube nicht, dass diese Impulse zwangsläufig aus dem Glauben selbst entstehen. Häufig entstehen sie aus Auslegungen des Glaubens, vorgenommen von Menschen, die sich als seine Hüter darstellen und diese Auslegungen benutzen, um andere zu beeinflussen, zu spalten oder zu mobilisieren. Dieser Mechanismus zieht sich durch die Geschichte, von antiken Zivilisationen und den Kreuzzügen bis zu Konflikten, die unserer Gegenwart sehr viel näher sind. Wer in Irland lebt, sieht zwangsläufig, wie eng Religion, Identität, Politik und Konflikte miteinander verwoben sein können. Das finde ich beängstigend. Wenn ich Jesus in Dalís Gemälde betrachte und mich frage, was er unter sich sieht, stelle ich daher keine theologische Frage. Mich beschäftigt, wie viel von unserem Handeln auf etwas beruht, das wir wirklich verstehen, und wie viel lediglich auf dem, was man uns zu glauben beigebracht hat. Die Kurzantwort auf die Frage lautet aber vermutlich: Glauben wir zu viel?

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