EIVØR im Interview (1/2)

Die digitale Welt kann ein Fluch sein. Für Eivør und unseren Gesprächstermin zum kommenden Album „Tungl“ ist sie ein Segen. Denn die färöische Künstlerin schaltet sich nach einem Auftritt mit einem Symphonieorchester in Wien aus ihrem Hotelzimmer zu. Sie ist gut gelaunt und scherzt, dass sie bestmöglich versuchen wird, das übliche Reisechaos im Zimmer zu verbergen. Schnell zeigt sich, wie offen, warm und inspirierend Eivør über ihre Kunst und ihr Leben spricht. In den kommenden Minuten geht es um innere Kraft und darum, warum beim Arbeiten auch schon einmal ein Abendessen kalt wird …
Orkus: Du hast die Färöer-Inseln verlassen, als du jung warst, und viele Jahre im Ausland gelebt. Warum bist du zurückgezogen?
Eivør Pálsdóttir: Ich habe am Ende einfach so großes Heimweh bekommen. Das ist so eine typische Sache. Als ich ein Teenager war, habe ich immer davon geträumt, so weit weg wie möglich zu kommen. Du lebst an diesem kleinen Ort und fühlst dich sehr isoliert vom Rest der Welt und bist neugierig darauf, die Welt zu bereisen und neue Kulturen und Orte zu sehen. Irgendwann fängst du an, deine Wurzeln und den Ort, aus dem du kommst, zu erkennen. Je älter ich wurde und je länger ich im Ausland lebte, desto stärker wurde dieses Heimweh – obwohl ich es wirklich genossen und so viele neue Freunde gefunden und Erfahrungen gesammelt habe. Ich habe mir immer gesagt, dass ich eines Tages zurückgehen würde. Als die Zeit sich einfach richtig anfühlte, war ich bereit zurückzuziehen.
O: Wie hat das Aufwachsen in Syðrugøta die Art verändert, wie du die Welt erlebst?
EP: Ich schätze den Kontrast jetzt sehr: Das Feuer und das wilde Sozialleben des Tourens, das sehr nach außen gerichtet ist und bei dem man sein Herz mit Menschen teilt und immer von einem Ort zum anderen unterwegs ist. Und dann der Kontrast von zu Hause, das einfach ruhig und friedlich ist. Ich habe gemerkt, dass das für mich ein sehr guter Kontrast ist. Auch für meine Kreativität. Diesen ruhigen Raum zum Erschaffen zu finden, wenn ich zu Hause bin.
O: Du musstest ein Haus mieten, um das Album „Tungl“ aufzunehmen, weil das einzige Tonstudio auf den Färöer-Inseln geschlossen hatte …
EP: Es war eine Herausforderung. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich irgendwo ins Ausland gehen sollte, um es aufzunehmen. Nach Island oder Dänemark oder irgendwohin. Aber ich habe entschieden, dass ich dieses Album wirklich auf den Färöern aufnehmen wollte, weil ich finde, dass der Klang dieses Albums die Färöer ist. Es ist sehr von dieser Umgebung inspiriert. Also haben mein Tontechniker und ich überlegt, wo wir es aufnehmen. Seine Mutter lebt in diesem runden Haus in meinem Dorf. Es ist geformt wie ein Iglu und innen wunderschön aus Holz. Sie hat angeboten, ihr Haus zu vermieten, während sie für zwei Wochen ausgezogen ist. Wir haben unser ganzes Equipment dorthin gebracht und ihre Küche in ein Aufnahmestudio verwandelt. Der Raum hatte einen großartigen Klang.
O: Ein großes Thema ist der Mond. Er wirkt wie ein Begleiter. Warum hast du dieses Symbol für dein Album gewählt?
EP: Es ist eine Art emotionale Reise. Ich fand, dass der Mond sehr gut zu all den Themen des Albums passte. Die wechselnden Gezeiten, des Lebens der Liebe und des Verlusts. Man geht durch all diese Phasen im Leben. Ich habe das Wort „Tungl“ immer geliebt, es ist ein sehr altes Wort für „Mond“ auf Färöisch. Ich mag die Idee, dass der Mond unser Leuchtfeuer am Himmel ist. Er ist immer da, egal wie verloren wir sind. Ein kleines Licht am Himmel in unserer Nacht, am schwarzen Himmel.
O: Sowohl „tungl“ als auch „máni“ heißen „Mond“ auf Färöisch. Gibt es einen Unterschied in der Bedeutung?
EP: Es gibt nicht wirklich einen Unterschied. „Máni“ ist einfach Mond, und es ist das gebräuchlichere Wort, das die Leute auf den Färöern benutzen. „Tungl“ wäre etwas, das du in einem Gedicht benutzen würdest.
O: Denkst du beim Schreiben und Komponieren bewusst in Bildern, oder passiert das eher auf natürliche Weise?
EP: Ich denke sehr visuell, wenn ich Songs schreibe. Ich bekomme meine Ideen oft, wenn ich allein bin bei meinen Spaziergängen im Regen oder am Abend. Es ist oft sehr visuell. Ich verbinde gern die inneren und die äußeren Landschaften. Es ist oft wie ein Gespräch zwischen dir und der Umgebung. Oft beginnt es mit einer einfachen Idee, in die ich dann versuche, tiefer hineinzubohren. Ich weiß am Anfang nicht immer, wo es enden wird.
O: „Healer“ handelt von Heilung, vermittelt musikalisch aber Unbehagen. War es beabsichtigt, den Song nicht komplett tröstlich klingen zu lassen?
EP: Dieser Song handelt stark von der rauen Reise, einfach ein Mensch zu sein. Du wirst in dieses Leben geworfen und musst durch all diese Dinge hindurch. Und das ist nicht leicht, besonders wenn du vielleicht deinem Herzen, deinen Träumen folgen willst, was die Inspiration für diesen Song war. Um das volle Potenzial deiner selbst zu entfalten oder an den Ort zu gelangen, an dem du im Leben sein willst, ist es nicht immer ein leichter Weg. Ich wollte diese Reise einfangen: Es ist nicht leicht, du gehst diese steilen Hügel entlang, es ist kalt, und du wirst viele Male fallen, aber gib niemals auf. Du wirst verletzt werden, aber die Zeit wird dich auch heilen, dich stärker und weiser machen.
In Kürze setzen wir unser Interview fort.
Katrin Hemmerling
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