FADING LIGHT im Interview (1/2)

Wir sprechen in unserem zweiteiligen Interview mit Simon Bossert über sein Debütalbum „The Spell of a New Dawn“ und die dahinterstehende künstlerische Vision seines Soloprojekts Fading Light. Zwischen schwindendem Licht und innerer Dunkelheit, apokalyptischen Szenarien und audiovisuellen Welten entsteht ein Werk, das weit über seine düstere Ästhetik hinausgeht. Simon erzählt, wie persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Beobachtungen und die Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten zu Musik und Bildern werden – und warum gerade die Dunkelheit Raum für Ehrlichkeit, Erkenntnis und neues Wachstum schaffen kann.
Orkus: Beginnen wir doch am Anfang. Was waren für dich die Punkte, die Fading Light zum passenden Namen für dein Projekt gemacht haben?
Simon Bossert: Ist ja schon etwas kurios: Fading Light – das schwindende Licht, welches für mich Vergänglichkeit und eher einen Endpunkt symbolisiert, wird zum Anfang für etwas Neues – in diesem Falle ein neues „Flaggschiff oder Banner“, unter welchem ich nun meine kreativen Ausflüchte, Reflektionen oder Auseinandersetzungen in die Welt tragen darf. Aber das beantwortet deine Frage nicht. Fading Light empfinde ich als den Ausdruck eines Gefühls, das auf der einen Seite einst stark war – symbolisch für das lodernde Licht des Lebens, nun aber im Zustand des Erlöschens steht. Es ist also dieser Übergangs- und Dämmerungsmoment, welcher eben für die Vergänglichkeit steht. Licht steht für mich trotzdem, wie Dunkelheit auch, für Ehrlichkeit, Essenz und Weisheit.
O: Wann war (zumindest in Gedanken) die Geburtsstunde für Fading Light?
SB: Das ist interessant – ich würde sagen, es gibt immer wieder diesen kuriosen Moment im Leben eines Musikers, der in einer Band spielt und dann an den Punkt kommt, an dem er alles hinschmeißen und den Satz „Dann mach ich eben mein eigenes Soloprojekt“ herausschreit. Ich würde sagen, dass ich im Jahr 2018/2019 während meiner Zeit mit meiner selbst gegründeten, nun ehemaligen Band, Totengeflüster immer stärker diesen Wunsch verspürt habe. Ich habe mittlerweile erkannt, dass Totengeflüster eine gute Spielwiese war, um Erfahrungen zu machen – z. B. was das Touren bzw. Live-Spielen anbelangt , und konnte dort zahlreiche Momente erleben, welche ich auch nicht missen möchte. Trotzdem habe ich immer wieder schmerzlich bemerkt, dass dieser Rahmen – möge er noch so schön sein – mir zu klein war und ich deutlich mehr Freiraum für meine Ideen benötigte. Das soll nun aber nicht nach „Kontrollfreakiness“ klingen, aber es gab trotzdem sehr viele Erwartungshaltungen, was Totengeflüster nun sein durfte und auf keinen Fall sein sollte. Genau das zu ändern, ermöglicht mir Fading Light – einfach viel authentischer genau das zu tun, was mir guttut bzw. was ich für künstlerisch „richtig“ erachte.
O: Dann sprechen wir doch über das Debütalbum, bleiben aber noch beim Thema Namen: Wie kamst du auf die Idee, dass „The Spell of a New Dawn“ der perfekte Albumtitel ist?
SB: Ja, ich finde auch, dass er wirklich sehr gut passt. Ich hatte vor kurzem überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, das Album „The Spell of a New Awakening“ zu nennen. Dann habe ich aber noch mal über den Unterschied zwischen „Awakening“ und „Dawn“ nachgedacht. Ein Beispiel: Im Kernmotiv ist „Dawn“ ein neuer Anfang, während „Awakening“ eher ein inneres Erwachen ist. Der Fokus bei „Dawn“ liegt also eher auf einer neuen Ära, einer neuen Welt, die sich eröffnet – während sich „Awakening“ auf das Bewusstsein, das eigene Selbst, bezieht. Natürlich entsteht alles bei Fading Light aus meinem Selbst – aber es geht bei „Dawn“ darum, dass eine neue Ära, also die Zeit, in der das Fading-Light-Banner weht, beginnt.
O: Das Albumcover ist auch grandios! Ich denke, dir ist der visuelle Aspekt genauso wichtig wie der musikalische. Wie entstehen deine Artworks und Animationen, und beeinflussen diese die Kompositionen oder umgekehrt?
SB: Es ist schwer, dort zu gewichten – ich würde sagen, es ist halt alles ein Teil des Gesamten. Klar, wenn die Musik jetzt Mist wäre, würde ein gutes Cover das auch nicht mehr retten. Umgekehrt genauso. Trotzdem ist mir der Fokus auf der Musik sehr wichtig. Ich würde sagen, zwischen dem Visuellen und dem Auditiven gibt es natürlich Überschneidungen und auch klare Eigenheiten. In der Regel ist es aber schon so, dass zuerst die Musik geschrieben wird und dann das Bild dazu entsteht. Ich schraube oft sehr lange an den musikalischen Kompositionen herum, bis sie das sind, was man dann auf dem Album hört. Manchmal beginnt es als Solo-Piano-Stück, welches ein Outro werden soll, und endet dann aber als Banger-Blastbeat-Song, in dem nur noch 10 Prozent des ursprünglichen Songs übrig geblieben sind – das aber dann die melodische Essenz, dessen Fundament, geworden ist. Erst wenn für mich der Song abgeschlossen ist, sehe ich vor meinem inneren Auge auch das passende Artwork, welches dann die Stimmung des Songs einfängt. Und dann mache ich das Artwork so lange, bis es mit dem Musikalischen übereinstimmt. Das Gleiche gilt dann auch für die Animationen bzw. weiteren Ausarbeitungen in Videomaterial des zugrunde liegenden Artworks. Es ist immer eine Erweiterung des Bewegungsumfangs des jeweiligen Mediums.
O: Sehr vielversprechend beginnt das Debütalbum mit dem Intro „A Gathering of Souls“ und geht nahtlos in „Crowned with Might“ über. Wie entstanden diese Songs?
SB: Das Intro eröffnet in klassischer „Danny Elfman“-Manier diesen Zauber, welcher dann mit „Crowned with Might“ durchmarschiert. Mir sind eindrucksvolle „Opener“ immer sehr wichtig. Sie legen die Grundmaterialien auf den Tisch, mit welchen man sich nun über die Länge des Albums auseinandersetzt. „Crowned“ war ursprünglich inhaltlich so gedacht, dass es um das Thema der Bedürfnisunterdrückung geht – also darum, was mit einem Lebewesen passiert, welches permanent dazu gezwungen ist, nicht es selbst sein zu können. Ich habe es dann aber in etwas anderes umgebaut: die kritische Auseinandersetzung damit, was und wie es sich anfühlt, wenn eine übermächtige Kraft auf einen wirkt bzw. die Kontrolle übernimmt. Was passiert, wenn absolute Herrschaft ausgeübt und gnadenlos regiert wird?
Claudia Zinn-Zinnenburg
Wir setzen unser Interview in Kürze fort.
Sieh Dir das Video zu „Seeds of Death“ an:
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