BEAT NOIR DELUXE im Interview (1/2)

Photo: Maruizio Pacini

Mit „Tempus Fugit“ veröffentlichen Beat Noir Deluxe ihr drittes Album. Wir sprechen mit Sascha Giacomuzzi in unserem zweiteiligen Interview über das Spiel mit Kontrasten, einem Dämon namens Einsamkeit und Luftschlösser.

Orkus: Wie kam es zum Albumtitel „Tempus Fugit“?

Sascha Giacomuzzi: Der Titel hat sich für mich sehr natürlich ergeben. Mit zunehmendem Alter bekommt man immer stärker den Eindruck, dass die Zeit schneller vergeht. Ich habe drei Kinder, die heute 12, 15 und 17 Jahre alt sind – und wenn man sie aufwachsen sieht, wird einem das sehr bewusst. Es gibt sogar wissenschaftliche Erklärungen dafür: Je mehr wir erlebt haben, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. „Tempus Fugit“ bringt dieses Gefühl perfekt auf den Punkt.

O: Wie schnell das Leben vorbei sein kann, hast du ja 2017 am eigenen Leib erfahren, und das hat schließlich zwei Jahre später zur Gründung von Beat Noir Deluxe geführt. Zunächst einmal: Wie geht es dir heute? Konntest du den Autounfall und alles, was damit verbunden war, mittlerweile hinter dir lassen? Oder „hängt“ dir das in gewisser Weise immer noch nach?
SG: Bei dem Frontalzusammenstoß waren meine Frau und meine drei Kinder mit im Auto. Jeder von uns ist auf seine eigene Weise mit dem Erlebten umgegangen, und es war für uns alle ein sehr schwerer Einschnitt. Körperliche Verletzungen heilen – Knochen wachsen zusammen, Narben verblassen. Aber die Verarbeitung im Kopf ist ein viel längerer Prozess. Themen wie posttraumatische Belastungsstörung begleiten einen noch lange. Es ist ein Weg, den man Schritt für Schritt gehen muss.

O:  Hinter dem Albumcover zu „Tempus Fugit“ gibt es auch eine Geschichte, oder?
SG: Das Bild zeigt einen Tropfstein, den ich selbst vor einigen Jahren in der Neptun-Grotte auf Sardinien fotografiert habe. Der Gedanke dahinter ist sehr eng mit dem Albumtitel verbunden: Für uns Menschen vergeht Zeit – „Tempus Fugit“ – aber genau diese Zeit ist es, die in der Natur etwas Dauerhaftes erschafft. Strukturen entstehen extrem langsam, Veränderungen sind kaum sichtbar, werden aber im Rückblick deutlich. Das Bild spiegelt damit die zentrale Stimmung des Albums wider: Vergänglichkeit und Beständigkeit, Bewegung und Stillstand, Erinnerung und Verlust.

O: Das Album beginnt mit „The Shining Armour“. Ausnahmsweise ist hier nur eine weibliche Stimme zu hören. Entstand das Stück von Anfang an mit dieser Idee? Und wie kam es zur Zusammenarbeit mit Sara?
SG: Ich hatte das Glück, mit großartigen Sängerinnen wie Annika Borsetto und Doris Warasin gearbeitet zu haben. Gleichzeitig war ich auf der Suche nach einer festen Stimme, die langfristig zu Beat Noir Deluxe passt und sich wirklich mit dem Genre identifizieren kann. Über mehrere Umwege habe ich schließlich Sara, aka Sarita Devi, kennengelernt. Die Zusammenarbeit mit ihr fühlt sich sehr stimmig an – sie ist eine hervorragende Musikerin.

O: Musikalisch macht „All the Scars Inside Me“ gute Laune … aber textlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Spielst du gerne mit Kontrasten?
SG: Es ist für mich als Künstler immer spannend zu sehen, wie Songs wahrgenommen werden. Die treibende Synth-Sequenz hier ist stark vom Track Mason – „Exceeder“ inspiriert. Aus diesem Einfluss hat sich dieser energetische Sound entwickelt. Inhaltlich geht es allerdings um das sogenannte „Schattenkind“ – also die verletzten Anteile in uns, ein Konzept aus der Psychologie, mit dem ich mich in den letzten Jahren intensiv beschäftigt habe. Ich arbeite tatsächlich gern mit solchen Kontrasten. Es gibt auch Studien, die zeigen, dass düstere oder melancholische Musik positive Effekte haben kann: Sie hilft vielen Menschen, Emotionen zu verarbeiten und sich selbst besser zu verstehen. Mich fasziniert dieses Paradoxon besonders – dass Musik gleichzeitig traurig und schön sein kann. Genau diese Mischung empfinde ich als besonders intensiv und manchmal sogar befreiend.

O: Was würdest du Menschen raten, die sich auch oft ausgeschlossen fühlen, nicht dazugehören?
SG: Ich denke, der erste Schritt ist, sich ehrlich mit diesem Gefühl auseinanderzusetzen und zu verstehen, woher es kommt. Oft liegen die Ursachen tiefer, als man zunächst denkt.

O: „Not the First Time“ ist auch ein starker wie tiefgründiger Song. Welche Geschichte steckt dahinter?
SG: Die Inspiration war überraschend konkret: Ich habe alle Staffeln der Serie „Shameless geschaut und mich stark von der Figur Frank Gallagher inspirieren lassen. Auch Sarita liebt diese Serie. Der Song beschäftigt sich mit wiederkehrenden Mustern und destruktiven Kreisläufen – Situationen, aus denen manche Menschen scheinbar nicht herausfinden.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Wir setzen unser Gespräch in Kürze fort.

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