So war es beim Berlin Darknights Festival

30. –31. Januar 2026
Wo Kälte endet und Klang zu leuchten beginnt
Berlin im Januar ist kein Versprechen. Es ist Atem in der Luft, Eis auf Asphalt, ein Himmel ohne Trost. Und doch brennt im Festsaal Kreuzberg an diesen zwei Nächten ein anderes Licht – kein grelles, kein lautes, sondern eines, das von innen kommt. Warm. Elektrisch. Schwarz und sehr tanzbar. Das erste Berlin Darknights Festival fühlt sich nicht wie ein Anfang an, sondern wie etwas, das lange gefehlt hat. Synthpop und Darkwave finden hier keinen Rückblick, sondern Gegenwart. Gespielt im fließenden Wechsel zweier Bühnen – der weiten Main Stage im großen Saal und der näheren, intimen Second Stage. Dazwischen Menschen, die treiben wie Schatten im Takt, getragen von Bass, Erwartung und diesem stillen Wissen: Hier geschieht gerade etwas Echtes: Elektronische Melancholie bekommt hier zwei Tage Raum zum Atmen. Draußen zwingt Schnee die Stadt in Langsamkeit. Drinnen widersetzt sich Bewegung der Kälte.
Freitag – Erinnerung, Energie, Aufbruch
Am Nachmittag öffnen Fictional die Tür in diese zwei Nächte. Gerrit Thomas (Funker Voigt, Eisfabrik) steht nicht allein im Licht, sondern gemeinsam mit David Erdmann (Digital Energy) und Christian Schottstädt (Forced to Mode) – ein Wiedersehen nach langer Zeit, das sich wie eine Heimkehr anfühlt. Kühle tanzbare Elektronik fließt durch warme Erinnerung, Melodien tragen Gewicht. Selten beginnt ein Festival so leise – und zugleich so bedeutend. Eine Eröffnung, die kaum stimmiger hätte sein können.
Auf der Second Stage treiben End of Transmission den Puls unmittelbar nach oben. Ihr kantiger, rhythmisch fokussierter Sound setzt erste Körper in Bewegung und schärft die Aufmerksamkeit im Raum. Wiegand tauchen den Abend danach in konzentrierte Intensität, verdichten die Luft, ziehen Aufmerksamkeit nach innen. Zwischen Zurückhaltung und innerer Spannung entsteht eine dichte, fast greifbare Atmosphäre. Mit Electronic Frequency zieht wieder Druck durch den Raum – klare Sequenzen, kaltes Licht, kompromisslose Tanzbarkeit. Der Fluss zwischen beiden Bühnen beginnt zu wirken, Bewegung wird selbstverständlich.
Future Lied to Us verändern die Temperatur spürbar – nicht durch Ruhe, sondern durch Vorwärtsdrang. Treibende Beats, große Hooks und ein durchgehend tanzbarer Puls tragen den Saal, angeführt vom charismatisch präsenten Damasius Venys (Mental Exile), der jede Zeile spürbar lebt. Hinter den elektronischen Strukturen stehen mit Vasi Vallis (NamNamBulu, Frozen Plasma, Reaper) und Krischan Wesenberg (Rotersand) zwei prägende Architekten der Szene, deren Handschrift zwischen Druck, Melodie und clubtauglicher Eleganz jederzeit hörbar bleibt. Ein Auftritt, der Melancholie nicht festhält, sondern sie tanzen lässt. Digital Energy knüpfen daran nahtlos an. Rhythmus wird Körper, Bass wird Herzschlag – der Raum schließt sich im gemeinsamen Takt. Bei Rroyce verdichtet sich der Abend hörbar. Dunkle Eleganz, klare Dramaturgie und starke Präsenz zwischen den Zuschauern formen einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Parallel verwandeln Rabia Sorda die Second Stage in einen vibrierenden Maschinenraum. Roh, körperlich, energiegeladen – ein Set, das fordert, statt zu gefallen und genau dadurch zündet. Dann wird das Licht warm: Melotron betreten die Bühne. Ihre Songs tragen Jahrzehnte Szenegefühl, ohne je stehen geblieben zu sein. Zwischen Nostalgie und Gegenwart entsteht eine Nähe, die man nicht inszenieren kann – sie passiert einfach. Zeit löst sich für einen Augenblick auf, Erinnerungen werden Gegenwart. Stimmen im Publikum tragen die Songs weiter, als wollten sie sie festhalten. Blind Passenger halten die Tanzfläche danach mühelos in Rotation. Dunkle Clubenergie trifft auf eingängige Hooks – Bewegung ohne Widerstand. Zum Abschluss übernehmen Solar Fake die Kontrolle über Raum und Stimmung. Druckvolle Elektronik, emotionale Spannungsbögen und eine intensive Verbindung zum Publikum lassen den Festsaal kollektiv pulsieren. Refrains werden zu gemeinsamen Bekenntnissen, Lichtblitze zu Herzschlägen. Als nach zwei Stunden der letzte Ton verklingt, bleibt kein Ende. Nur Erwartung. Wie ein Versprechen für den nächsten Tag.
Samstag – Begegnungen, Schnee, Ekstase
Der zweite Tag beginnt fokussiert mit Knights, deren klare Strukturen ruhig zurück in den Festivalfluss führen. Antibody treibt auf der Second Stage sofort vorwärts, erhöht unmittelbar Intensität und Tempo – kompromisslos, wach, direkt. Druck statt Distanz. Mit Eklipse senkt sich Dunkelheit wie Samt in den Raum.
Dunkle Streichklänge, klassische Dramatik und szenische Eleganz öffnen einen Raum zwischen Konzertsaal und Clubnacht. Schönheit bekommt hier Schwere. Pseudokrupp Project brechen diese Ruhe bewusst auf. Roh, laut, lebendig – der Besuch der [x]-Rx-Frontmänner wirkt wie ein Funke im Pulverfass. Als Alienare die Bühne betreten, öffnet sich der Klang wieder in melodische Weite. Doch der Moment gehört nicht ihnen allein: Mitglieder von Eklipse kehren zurück, und gemeinsam entsteht ein intensiver Song zwischen elektronischer Wärme und klassischer Tiefe – einer jener seltenen Festivalaugenblicke, in denen Zeit kurz stillsteht. Destroy Me Again zeigen sich anschließend verletzlich, direkt und nahbar.
Ihre ungeschützte Emotionalität trifft spürbar. [x]-Rx-zünden danach ihr rhythmisches Feuer – hart, schnell, kompromisslos tanzbar. Der Saal verwandelt sich in Bewegung und kollektiven Puls. Dann betreten Eisfabrik die Main Stage – kühl im Namen, glühend im Herzen. Beat trifft Gefühl, Licht trifft Nebel, Bewegung trifft Erinnerung – und plötzlich beginnt es zu schneien. Zwei Schneekanonen wirbeln weiße Flocken durch Licht und Nebel, während Beats und Melodien zugleich Kälte und Wärme erzeugen. Ein visuell überwältigender Moment, der Musik fast greifbar macht. Zwischen tanzbarer Energie und emotionaler Tiefe entsteht ein Auftritt, der gleichermaßen tanzen lässt und berührt. Ganz am Ende taucht sakrales Rot den Raum in Erwartung: Blutengel. Große Gesten treffen auf echte Nähe, Pathos auf spürbare Verbundenheit. Der Saal singt, atmet, fühlt gemeinsam. Für einen Augenblick scheint alles still zu stehen – bevor der letzte Refrain die Nacht endgültig schließt. Ein Finale von würdiger Größe, ohne Distanz.
Nachglühen
Als sich die Türen öffnen, wartet draußen noch immer der Winter. Doch niemand verlässt diesen Ort leer. Unter Mänteln, in Stimmen, in leisen Gesprächen trägt jeder ein Stück tanzbare Wärme hinaus in die kalten Straßen Berlins. Das Berlin Darknights Festival hat mit seiner ersten Ausgabe mehr getan, als nur Konzerte zu veranstalten. Es fühlt sich nicht wie ein Versuch an, sondern wie ein Anfang, der zeigt, wie lebendig diese Szene klingen kann. Zwei Tage voller Klang, Nähe und Szene-Energie beweisen, dass Synthpop und Darkwave in Berlin nicht nur Erinnerung sind, sondern Gegenwart. Und während Schritte im Schnee verhallen, bleibt ein Gedanke zurück – ruhig, sicher, schön: Wir sehen uns im Januar 2027 wieder.
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann




















































































