DAMIEN CAIN im Interview (2/2)

Damien Cain hat in seiner mehr als 30-jährigen musikalischen Vergangenheit die unterschiedlichsten Projekte realisiert. Mit seinem aktuellen Album „Standarte“ meldet er sich zurück. Im ersten Teil sprachen wir bereits über Melancholie, das Arbeiten mit einem Idol und vieles mehr. Dort setzen wir nun weiter an.

Von der Seele schreiben

Orkus: Das Album beginnt mit „Fascinating Face“, zu dem es auch ein tolles Video gibt. Das Gefühl, sich gefangen zu fühlen zwischen Sehnsucht und nicht-wahrhaben-wollen, dass es eigentlich längst vorbei ist, kennen sicherlich viele. Wie persönlich ist dieser Song tatsächlich?
Damien Cain: Oh, er ist einer der persönlich-biografischsten Songs auf dem Album. Ich kann sehr konkret Ort und Zeit und sogar das Wetter benennen (nebliger Nieselregen, natürlich), als ich mich selbst angeschrien habe mit den Worten „Hör auf, dir was vorzumachen, du bist immer noch verliebt!“ … das war eine so starke Emotion, die lange nachgewirkt hat und ich mir das schließlich von der Seele schreiben musste. 

Werkzeuge

O: Für die jüngsten Videos nutzt du KI. Ein Thema, das momentan in aller Munde ist. Einerseits ein nützliches Werkzeug, andererseits durchaus mit Kritik behaftet, wenn wir an KI und Kunst denken. Wie siehst du das?
DC: Es ist wie bei so vielem im Leben, alles hat zwei Seiten. Die letzen Videos von Cain oder eben auch „Fascinating Face“ oder „Standarte“ wären als reale Umsetzung für einen Indi-Künstler nicht finanzierbar gewesen (zumindest nicht bei den Bildern, die ich für die Videos im Kopf habe). Was KI (noch) nicht kann, ist Songs eine Seele zu geben. Das gilt auch für das Schreiben von Songtexten, ja sogar von Büchern usw. Als Helfer und Unterstützer bin ich mit KI einverstanden, einen kompletten kreativen Prozess damit zu ersetzen, macht mich nur sehr traurig, weil wir irgendwann feststellen werden, wie sehr die Qualität leidet.

Berührend

O: Besonders berührend habe ich „Caleb“ empfunden. Entstand der Song schon mit dem Wissen, dass er eine zusätzliche Stimme braucht, die dann Jamie Wiltshire beisteuerte? Oder entwickelte sich das erst?
DC: Ganz ehrlich: Eigentlich wollte ich den Song abgeben an Jamie, weil ich finde, dass er ihn fantastisch interpretiert. Ganz im Stil von Cain, hier hatte Kirstin ja auch ein paar Solo-Songs. Da meine Vocals aber aufgenommen waren, haben wir ein bisschen herumgespielt im Studio und so ist aus Caleb (auch eine echte Erinnerung – allerdings mit anderem Realnamen, dem Schlussreim zuliebe) ein male/male-Duett geworden, das für mich durch die zwei Stimmen ganz einfach an Tiefe und Glaubwürdigkeit gewonnen hat.

Hommage an EBM?

O: Musikalisch besonders überrascht hat mich „Mountaineers“. Wie ist dieses Stück entstanden?
DC: Eigentlich sollte „Mountaineers“ musikalisch eine Hommage an EBM werden, auch ein Musikstil, den ich sehr mag. – Eben sehr technisch und tanzbar. In Anlehnung an meine „Age of Darkness“-Vocals (gedoppelt, verfremdet, tief, verzerrt und ein bisschen „überproduziert“) sollte es zwar kein Nachfolger, aber eine Erinnerung an den alten Song werden. Aber als die ersten Soundspuren mit harten Gitarren kamen, fand ich die so überzeugend, dass sich die Tanzbarkeit auf den Basslauf und das Arpeggio-Keyboard beschränken musste.

25 Jahre „Age of Darkness

O: Zu seinem 25-jährigen Jubiläum gibt es auch noch einmal eine neue Version von „Age of Darkness“. Der Song ging damals ja durch die Decke! Konntest du das bereits ahnen, als du ihn geschrieben hast?
DC: Dass der Song damals so eingeschlagen ist, war nicht planbar, aber er hat mein Leben nachhaltig verändert.

Auf „Standarte“ ist „nur“ die Remastered-Version des Songs aus dem Jahr 2000 zu hören. Wir haben eine neue Version ja schon auf dem Album „Moonstruck“ veröffentlicht und ich wollte jetzt keine persönliche TikTok-Challenge daraus machen, den Song immer wieder neu zu erfinden. Aber weil er im Streaming nicht mehr verfügbar war, habe ich die Chance wahrgenommen, das alte Original zum Jubiläum neu zu veröffentlichen. Der Erfolg des Songs war vollkommen ungeplant. Natürlich fanden wir ihn super, als wir ihn damals produziert haben, aber das geht ja vermutlich jeder Band bei jedem neuen Song so. – Leider kein Garant für Erfolg. Aber wenn du zum ersten Mal deinen eigenen Song in der Disko hörst (es war die Matrix in Bochum), dann ahnst Du, dass das mehr als Liebhaberei sein könnte. Aber das kannst du weder planen noch ahnen, aber die Hoffnung ist natürlich allgegenwärtig.

Leben in Irland

O: Seit einigen Jahren lebst du in Irland, oder? Ich glaube, da haben viele ein romantisiertes Bild mit Pubs und Irish Folk Musik und denken vielleicht an die Serie „Guinness“. Wie können wir uns „die Szene“ und das Leben im Vergleich zu Deutschland vorstellen?
DC: Seit ich 1991 zum ersten Mal in Irland war, war ich schockverliebt in Land und Leute. Und ja, es gibt diese Romantik wirklich, nicht nur für Touristen. Klosterruinen, keltische Rundtürme im Nebel, einsame Strände, meilenweite Einsamkeit – das ist alles real! Insbesondere die Pubs funktionieren anders als deutsche Kneipen, denn hier sitzen Alt und Jung selbstverständlich beisammen und genießen ein Pint. Und ja, es kommt auch durchaus vor, dass ein Gast zur Gitarre greift und spontan eine Session startet. Die Iren sind wirklich außergewöhnlich musikalisch und an Musik interessiert, natürlich nicht nur Folk, und die Anzahl an kleinen und großen Konzerten, die Iren pro Jahr besuchen, ist enorm. Allerdings muss man lange suchen, um einen Club zu finden, der Rock oder gar Gothic spielt. Vielleicht ändert sich das ja nach Bambie Thugs Überraschungserfolg beim letztjährigen ESC.

Aussterbende Gattung?
O: „Standarte“ einen Stempel in Form eines Genres aufzudrücken wäre schwierig, aber das muss es auch nicht. In dem Zusammenhang hast du gefragt, wer denn heutzutage noch ein Album von Anfang bis zum Ende hört. Also dass es durchaus diese große Abwechslung geben darf. Machst du das denn selbst auch nicht (mehr?) Alben wirklich vom ersten bis zum letzten Song durchhören?
DC: Ja, das mache ich und dachte, ich gehöre deshalb zu einer aussterbenden Gattung. (zwinkert) Ein kleiner Seitenhieb auf die Generation TikTok mit der Aufmerksamkeitsspanne von fünf Sekunden. Ich bin z. B. ein großer Fan von Konzeptalben. Wenn du so willst, war auch das Cain-Album „Moonstruck“ eine Art Konzeptalbum, die Songs sind inhaltlich verwoben und werden durch die gesprochenen Einleitungen von Wayne Hussey als durchgehende Geschichte eingeordnet. Inspiration dazu kommt z. B. von Marillions „Misplaced Childhood“ oder Queensryches „Operation Mindcrime“. Für mich wäre es ein Verbrechen, von diesen Alben nur einen Song ohne Kontext zu hören. Am besten mit Kopfhörern bei Sonnenuntergang am einsamen Atlantikstrand, ein Guinness in der Hand.

Zukunftsblick

O: Wie sieht die nahe Zukunft von Damien Cain aus? Was ist als nächstes geplant?
DC: Also ein paar Songs haben es nicht auf „Standarte“ geschafft, an denen ich also noch arbeiten muss – und ich schreibe schon an weiteren Songs, also insgesamt Stoff für ein weiteres Album. Tja, und dann ist da die Frage nach „live“. – Mit meinen Gastmusikern natürlich unmöglich umsetzbar, aber es juckt in den Fingern, wieder auf die Bühne zu gehen. Ich muss mir nur noch über das „wie und wann“ klar werden. Aber weitergehen wird es auf jeden Fall!

Claudia Zinn-Zinnenburg

Sieh Dir das Video zu „The Last Dance“ an: