DAMIEN CAIN im Interview (3/3)

Über sein aktuelles Album „Standarte“ haben wir in der Vergangenheit bereits ausführlich berichtet. Der in Deutschland geborene und heute in Irland lebende Alternative-Rock- und Metal-Künstler wurde vor kurzem mit dem InterContinental Music Award 2026 in der Kategorie „European Metal“ ausgezeichnet. Prämiert wurde der Titelsong „Standarte“. Das Label stellte uns ein Interview zur Verfügung, in dem er nochmal ausführlich über „Standarte“ spricht.
Der Text wechselt ständig zwischen Deutsch und Englisch. War das lediglich eine künstlerische Entscheidung, oder lassen sich mit den beiden Sprachen unterschiedliche Seiten des Songs ausdrücken?
Damien Cain: Die beiden Sprachen spiegeln einen weiteren Aspekt von Konflikten: wie schwierig es sein kann, einander wirklich zu verstehen. Wenn alle Menschen dieselbe Sprache sprächen, ließen sich Konflikte vielleicht leichter lösen. Stattdessen sind wir auf Dolmetscher und Übersetzungen angewiesen, und es bleibt die Frage: Verstehe ich wirklich, was mein Gegenüber meint, und umgekehrt? Natürlich steckte auch ein handwerklicher Reiz darin. Einen deutschen Reim auf ein englisches Wort zu finden wurde zu einer wunderbaren Herausforderung, die mir großen Spaß gemacht hat. Manche Gedanken, Widersprüche und Nuancen kommen mir auf Deutsch noch immer natürlicher, weil es meine Muttersprache ist. Eine Zeile wie „Lass die Andersdenker mit der Mehrheit zieh’n“ hat für mich einen ganz bestimmten Klang. Ich könnte sie nicht spontan ins Englische übertragen, ohne einen Teil ihrer Mehrdeutigkeit und ihres Rhythmus zu verlieren. Sprache hat mich immer fasziniert. Ich begann ungefähr mit vierzehn zu schreiben; damals nannte ich es Gedichte. Shakespeare inspirierte mich im Englischunterricht, und ich versuchte mich selbst an Sonetten. Einer dieser frühen Texte überlebte und wurde später zu einem Songtext für Celtic Crypt. In der Band haben wir übrigens sogar ein Lied auf Französisch geschrieben. Zwischen Sprachen zu wechseln, hat sich für mich nie seltsam angefühlt. Sprache sollte keine Barriere sein, sondern im besten Fall eine Brücke. Die Zweisprachigkeit von „Standarte“ fordert dazu auf, einander weiterhin verstehen zu wollen, auch wenn wir nicht dieselben Worte benutzen.
Im Text stehen bewusst seltsame und widersprüchliche Bilder: „dekadent, doch liberal“, ein „Bataillon der Philosophen“, ein „Neonkreuz“ am Himmel. Wie weit sollen die Hörer diese Bilder entschlüsseln? Gibt es überhaupt eine richtige Interpretation von „Standarte“?
Damien Cain: Ich habe ja schon ein bisschen erzählt, warum ich „Standarte“ geschrieben habe und woher viele der Gedanken stammen. Für mich persönlich haben die Bilder eine sehr konkrete Bedeutung. Ich möchte aber niemandem vorschreiben, was man darin sehen soll. Das würde ja dem Anliegen des Songs komplett widersprechen. Mir ist lieber, die Menschen denken selbst, lesen zwischen den Zeilen und hinterfragen die naheliegende Deutung. Die Widersprüche sind bewusst gesetzt, ebenso ein Bild wie das Neonkreuz. Diese Vorstellung lässt sich bis zu dem Dalí-Gemälde zurückverfolgen, über das wir gesprochen haben, auch wenn Dalís Kreuz natürlich nicht aus Neon bestand. An dieser Stelle sollte ich vermutlich aufhören zu erklären. Ich lade lieber alle dazu ein, sich mit dem Text zu beschäftigen und eine eigene Deutung zu entwickeln. Mich interessiert ehrlich, was sie darin entdecken. Wahrscheinlich finden manche Bedeutungen und Verbindungen, an die ich beim Schreiben überhaupt nicht gedacht habe.
Du machst seit mehr als drei Jahrzehnten Musik, von Cain und „Age of Darkness“ über die Zusammenarbeit mit Sir Christopher Lee bis zum Gewinn eines InterContinental Music Award. Fühlt sich die Auszeichnung für gerade diesen Song anders an als die Anerkennung für einen geradlinigeren Rocksong?
Damien Cain: Absolut. Ich hatte das Glück, mit zwei Songs im ICMA-Finale zu stehen: „Standarte“ und „Fascinating Face“. „Fascinating Face“ ist wahrscheinlich der geradlinigere Rocksong. Auch er ist sehr persönlich, aber auf eine viel unmittelbarere Art. Dass am Ende „Standarte“ gewonnen hat, fühlt sich wie ein kleiner Traum an. Offenbar hat die Jury darin etwas gehört, das über die Musik selbst hinausgeht. Von den beiden Songs ist er vermutlich der schwierigere, nicht unbedingt musikalisch, aber in dem, was er sagen möchte. Mir war auch bewusst, dass die Zweisprachigkeit das Publikum begrenzen könnte. Deutsch ist keine Weltsprache wie Englisch oder Spanisch. Heute kann jedoch jeder, der sich wirklich interessiert, einen Text innerhalb weniger Sekunden übersetzen und herausfinden, worum es geht. Diese Mühe, einen anderssprachigen Menschen zu verstehen, gehört selbst zum Thema des Songs. Ich bin sehr stolz darauf, dass „Standarte“ ausgewählt wurde, denn in diesem Song steckt mehr von mir als in vielem, was ich früher geschrieben habe. „Fascinating Face“ liebe ich ebenfalls, und der Song beruht auf sehr persönlichen Erfahrungen. Aber wenn man im Leben nur eine Handvoll dieser wirklich großen Songs schreibt, dann gehört „Standarte“ für mich dazu. Auf den Text war ich immer besonders stolz, und ich glaube, dass die Musik ihm schließlich ebenbürtig geworden ist. Dass das Gesamtwerk auf diese Weise Anerkennung findet, bedeutet mir sehr viel. Außerdem passt es, dass diese Auszeichnung von den InterContinental Music Awards kommt. Die ICMA sprechen von Musik als universeller Sprache und davon, Kulturen über Grenzen hinweg zu verbinden. Damit passt diese Auszeichnung besonders gut zu einem zweisprachigen Song über Kommunikation, Konflikt, Glauben, Trennung und den Wunsch, einander zu verstehen. Ja, ich bin sehr glücklich und dankbar, dass gerade dieser Song gewonnen hat.
Sieh Dir das Video zu „Standarte“ an:
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