DAMIEN CAIN im Interview (1/3)

Photo: joeconroy.ie

Über sein aktuelles Album „Standarte“ haben wir in der Vergangenheit bereits ausführlich berichtet. Der in Deutschland geborene und heute in Irland lebende Alternative-Rock- und Metal-Künstler wurde vor kurzem mit dem InterContinental Music Award 2026 in der Kategorie „European Metal“ ausgezeichnet. Prämiert wurde der Titelsong „Standarte“. Das Label stellte uns ein Interview zur Verfügung, in dem er nochmal ausführlich über „Standarte“ spricht.

„Standarte“ ist für dich einer der wichtigsten Songs des Albums. Was bedeutet dir der Titel über seine wörtliche Bedeutung als Fahne oder Feldzeichen hinaus?
Damien Cain: Für mich ist „Standarte“ ein Statement. Es geht darum, Flagge zu zeigen, ganz wörtlich und in mehr als einem Sinn: Das Albumcover leuchtet in allen Farben des Regenbogens, und auch die Musik ist vielseitig. Dasselbe gilt für die Gefühle und Erfahrungen, die in das Album eingeflossen sind, besonders in diesen Song. Nach mehr als dreißig Jahren Musik war für mich der Zeitpunkt gekommen, Farbe zu bekennen und für etwas einzustehen, das mir wichtig ist. Der Titel sagt: Das bin ich, daran glaube ich und darum geht es mir. Deshalb wurde „Standarte“ zum Namen des Songs und des Albums. In diesem Sinn ist es tatsächlich meine Standarte.

Im Song tauchen Armeen, Propheten, Religion, Gehorsam und Auflehnung auf. Ist „Standarte“ in erster Linie ein Antikriegslied, oder geht es um etwas Größeres?
Damien Cain: Auf den ersten Blick ist es ein Antikriegslied. Aber nicht mehr in der Art, wie ich es vielleicht mit Anfang zwanzig geschrieben hätte: mit dem Finger auf die Welt zeigen und erklären, was richtig und falsch ist. Ich glaube nicht, dass mir das zusteht. Natürlich habe ich meine eigene Meinung. Mich interessieren jedoch vor allem die Gründe hinter den Ereignissen. Warum greifen Menschen zu Gewalt? Warum reagieren wir mit blinder Wut? Warum gehorchen wir Autoritäten, und wann sollten wir uns verweigern? Wenn ich die Nachrichten verfolge, scheint eine schreckliche Geschichte die nächste abzulösen. In dieser Hinsicht fühlt sich die Welt nicht wesentlich anders an als vor dreißig Jahren. Ich frage mich immer wieder, ob viele Konflikte mit einigen wenigen Kräften beginnen: Angst, Wut, Macht, Gehorsam, dem Wunsch dazuzugehören und der Bereitschaft zu folgen. Was an der Oberfläche rein politisch aussieht, kann von ganz anderen Motiven angetrieben werden. Deshalb springt der Song zwischen Armeen, Religion, Philosophie, Gehorsam und Auflehnung. Die Bilder unterscheiden sich, führen mich aber zu demselben Schluss: Gewalt erzeugt neue Gewalt. Frieden erzeugt sie nicht. Das ist meine Sicht. Der Song will sie jedoch nicht predigen, sondern fragt, warum wir immer wieder am selben Punkt ankommen.

Du sprichst von Angst, Wut, Macht, Gehorsam und dem Wunsch dazuzugehören. Sind Menschen von Natur aus gewalttätig, oder können bestimmte Umstände fast jeden anfällig für Hass und Manipulation machen?
Damien Cain: Ich glaube nicht, dass Menschen böse oder gewalttätig geboren werden. Die Umstände formen uns. Sie beeinflussen, was aus uns wird, wie wir handeln und welche Entscheidungen wir treffen. Ich möchte nicht allein der Religion die Schuld geben. Trotzdem glaube ich, dass sie auch heute noch ein wesentlicher Auslöser für Gewalt sein kann. Dabei meine ich nicht unbedingt den Glauben selbst. Gefährlich wird es, wenn aus Glauben Autorität und Macht wird. Menschen lassen sich erstaunlich leicht manipulieren, besonders von echten oder falschen Propheten, die zu wissen behaupten, was nach uns kommt, woher wir stammen, welchen Zweck unser Leben hat, wann unsere Reise endet und wohin sie führen soll. Ich höre mir solche Vorstellungen durchaus an, behalte mir aber vor, mein eigenes Bild und meine eigene Meinung zu entwickeln. Ich wünschte, mehr Menschen würden gelegentlich innehalten und sich fragen: Ist das, was ich gerade tue oder glaube, wirklich richtig? Ist es so wichtig, wie man mir gesagt hat? Was sollte ich hinterfragen, bevor ich es einfach übernehme?

Sieh Dir den Clip zu „Standarte“ an:

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