DEATĦ B¥ LØVE: Kakerlaken, Ketchup und Schattenaustreibung

Der Videoclip zu „Sellenno“ ist besonders stark. Wir haben mit Peter Guellard und Inga Habeba gesprochen:

Orkus: Wie habt ihr den Dreh erlebt? Und was hat es mit den Kakerlaken auf sich?
Peter Guellard: Lass mich mit den Kakerlaken beginnen. In verschiedenen Kulturen gelten sie als Symbole für Veränderung, Widerstandsfähigkeit und sogar Auferstehung. Biologisch gesehen gehören Kakerlaken zur Familie der Käfer, und Käfer stehen allgemein für Metamorphose. Ihr Auftreten deutet oft darauf hin, dass eine Verwandlung bevorsteht.
Angesichts der globalen Situation, in der wir uns derzeit befinden und die an der Schwelle zu tiefgreifenden Veränderungen steht, erschien uns diese Symbolik passend. Visuell sorgt der Kontrast zwischen Ingas beeindruckender Bühnenpräsenz und der wahrgenommenen Hässlichkeit einer Kakerlake für einen zusätzlichen visuellen Schockeffekt, den wir bewusst eingesetzt haben.
Das Video wurde in einem historischen Heinz-Fabrikgebäude im Norden von Pittsburgh gedreht. Dies ist genau der Ort, an dem Heinz-Ketchup geboren wurde, der durch Andy Warhols Werk berühmt wurde. Zufälligerweise wurde Warhol ebenfalls in Pittsburgh geboren, was für uns eine weitere subtile Ebene lokaler kultureller Resonanz hinzufügte.

O: Und wie ist der Song entstanden?
Inga Habeba: Die Entstehung von „Sellenno“ war nicht nur ein Akt des Komponierens. Es war eine Austreibung der Schatten, die sich im Herzen des Herbstes entfaltete. Als die Welt draußen zu verwelken begann und sich in Rost und Kälte hüllte, verspürte ich das dringende Bedürfnis, dem formlosen Schmerz in mir Gestalt zu geben. Ich schrieb diesen Text, während die Blätter fielen wie Erinnerungen, die nicht mehr festgehalten werden können. Zu dieser Zeit befand ich mich in einer intensiven Therapie, die mich mit brutaler Ehrlichkeit zwang, mich mit Wahrheiten auseinanderzusetzen, denen ich jahrelang ausgewichen war.
Ich begriff, dass meine Kindheitsfreude nicht verschwunden war. Ich hatte sie selbst begraben und in dem kalten Keller meiner Seele versteckt. Es war ein Überlebensmechanismus. Ich verbarg dieses Licht, damit es die Augen nicht störte, die sich längst an die Dunkelheit des Traumas gewöhnt hatten. Dieser Song wurde zu einem Bekenntnis der Verdrängung, zu einem Versuch, das zu reinigen, was brennt, selbst auf Kosten emotionaler Leere.
Sellenno ist ein Porträt komplexer PTBS. Wenn ein Trauma das Herz erstarren lässt und eine Rüstung aus Taubheit schmiedet, beginnt man, den Schmerz als letzten Beweis dafür zu suchen, dass man lebt. In den Texten schneide ich die metaphorischen Rosen aus den Paradiesgärten meiner Kindheit, den Gärten, die vielleicht existiert haben, aber nie existierten. Ich habe nur die Dornen übrig gelassen, denn in der Landschaft des Traumas wird Schuld oft zum einzigen Kompass und Schmerz zur einzigen authentischen Empfindung.
Dieser Song ist sowohl eine Litanei der Abwesenheit als auch eine Hymne des Überlebens. Indem ich dieses innere Chaos kartographierte, erlaubte ich mir endlich, in diesen dunkelsten Keller hinabzusteigen und aufzuhören, mich vor dem zu fürchten, was dort lebte.

Mehr erfährst Du auch in unserer März/April-Ausgabe, in der wir ausgiebig über das Album „444“ sprechen.

Aber sieh Dir erst mal den Clip zu „Sellenno“ an: