DIE ANSTALT im Interview (1/2)

Zwischen Aufbruch und Verdrängung, DIY-Kultur und schwindenden Freiräumen bewegt sich Die Anstalt durch das heutige Berlin. Die Hauptstadt prägt nicht nur den Sound des Trios, sondern auch dessen Haltung: gesellschaftlich wach, politisch aufmerksam und fest verwurzelt im Underground. In unserem zweiteiligen Interview geht es um Berlin als Lebensgefühl, persönliche und politische Texte, internationale Bühnenerfahrungen und die Frage, was von der ursprünglichen Unabhängigkeit bleibt, wenn aus der Anstalt längst mehr als ein Geheimtipp geworden ist.
Berlin als Herzschlag
Berlin ist für Die Anstalt weit mehr als ein Wohnort. Die Stadt ist Inspiration, Reibungsfläche und der Grund, warum es die Band überhaupt gibt. „Ohne Berlin in dieser Form würde es uns nicht geben“, sagt Jakob. Gemeinsam mit Carmen ist er hier aufgewachsen, Emanuele zog später in die Hauptstadt – angezogen von einer Szene, die für sie noch immer von echter DIY-Kultur lebt. Gleichzeitig sehen sie mit Sorge, wie Freiräume verschwinden und Subkultur immer stärker unter Druck gerät. Für sie ist die berühmte Berliner Luft deshalb kein romantisches Klischee, sondern ein Lebensgefühl.
Klartext
Bei ihrem Debüt stehen Songs, die gesellschaftliche Spannungen genauso aufnehmen wie persönliche Erfahrungen. Besonders „Kriegen“ liegt der Band am Herzen. Jakob beschreibt den Titel als einen Song gegen Aufrüstung und die politische Entwicklung unserer Zeit. Die neue Veröffentlichung ergänzt das Album außerdem um „Kalter Schweiß“. Warum genau dieser Song ausgewählt wurde? Seine Antwort ist herrlich unverkopft: „War irgendwie Bauchgefühl.“ Carmen erzählt, dass viele Texte schon existierten, bevor es Die Anstalt überhaupt gab. Sie lagen als Notizen auf ihrem Handy – Gedanken, die endlich einen Platz brauchten. „Der Mann“ sei ihr als Frau besonders wichtig, während „Kriegen“ für sie zum lautesten Aufschrei des Albums geworden ist.
Haltung statt Businessplan
Dass Die Anstalt heute international tourt, hat ihren Blick auf die Musikszene verändert – ihre Wurzeln aber nicht. „Die Berliner Underground-Szene ist weiterhin unser Zuhause“, sagt Jakob. Früher wurden Konzerte selbst gebucht, Tapes aufgenommen, Shirts gedruckt und Tonträger verschickt. Heute arbeiten sie mit Milk Me und City Slang zusammen, bewusst mit Partnern, die ihre Unabhängigkeit respektieren. Die vielen Auftritte in Großbritannien haben die Band geprägt. Einen besseren Musikgeschmack sehen sie dort trotzdem nicht. Die Reaktionen des Publikums unterscheiden sich zwar, doch die Verbindung zwischen Bühne und Menschen sei in Manchester, London, Dublin oder Berlin dieselbe. Hier finden sie Kraft und Bestätigung, die Musik kann Grenzen leichter überwinden als vieles andere. Bleibt die vielleicht kürzeste Antwort des Interviews. Auf die Bitte, den Satz „Die Anstalt ist …“ zu vervollständigen, musste niemand lange überlegen: „Die Anstalt ist gut – hört sie euch an.“
Jan Schütz (Meersein)
In Kürze setzen wir unser Interview fort.
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