ENDZUSTAND  im Interview (2/2)

Photo: Falk Rentsch

Endzustand verbinden kompromisslosen EBM mit kritischen Blicken auf unsere Gegenwart. Auf „Macht Gesellschaft“ geht es um Künstliche Intelligenz, soziale Medien, Krieg, Ressourcen und den alltäglichen Wahnsinn – mal düster, mal bissig, mal mit schwarzem Humor. In unserem zweiteiligen Interview erzählen Ralle und Rudi, wie aus diesen Themen Songs entstehen, warum Technologie nicht nur Segen sein kann und weshalb es manchmal besser ist, den Touchscreen beiseitezulegen und einfach „Ich geh leben“ zu gehen. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, hier kannst du ihn nachlesen.

Orkus: Wie geht ihr mit den „neuen Medien“ um?
Ralle: Natürlich nutzen wir Facebook, denn die meisten Leute aus der EBM-Szene sind dort vernetzt. Das war es aber auch mit neuen Medien, okay YouTube noch für unsere Video-Präsenz. Mehr braucht es aber nicht. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Zeit die Leute da draußen an ihren Handys hängen, auf der Jagd nach der neuesten Story, irgendwelchen Klicks und Likes … Ich selbst brauche das nicht. Da beschäftige ich mich lieber in meinem Studio oder höre mal ein schönes Hörbuch.
Rudi: Sie sind anstrengend, aber damit eher die User, die der Meinung, dass sie alles, was sie sehen können, auch wissen. Oder ich erlebe es oft, dass Leute enttäuscht sind, weil man das Daumenkino ihres WhatsApp-Status nicht komplett gesehen und deshalb auch dann nicht „geliked“ hat. Schön finde ich auch als DJ, dass Songwünsche aus dem Social-Media-Screenshot vorgehalten werden, mit der Info, dass man das doch kennen muss, es läuft doch immer auf dieser oder jeder Plattform. Ist doch kein Radio, das alle gleichzeitig hören können. 

O: Sehr wirkungsvoll ist auch „Trash TV“. Gab es einen konkreten Auslöser, eine bescheuerte Sendung ZU VIEL, die jetzt einfach das Fass zum Überlaufen gebracht hat, dass dieser Song entstehen musste?
Ralle: Nein, nicht direkt. Das sogenannte „Hartz IV-TV“ gibt es ja bereits seit den Neunzigerjahren. Ich fand es immer unglaublich, wieviel Müll da ausgestrahlt wurde. Und das Sahnehäubchen bildeten dann die sogenannten Abend-News auf den privaten TV-Kanälen.
Rudi: Ich habe seit Jahren keine TV-Sender mehr an, mal einen Film auf DVD. Denn es reicht schon mal eine Auswärtsübernachtung mit Hotelfernseher und man hat das Gefühl, dass nur Unsinn läuft. Reality mit Stressmenschen. Die Abweichungen sollen die Normalität darstellen. Reine Nachrichtensender bestehen nur aus Glamour, Kriegskonflikte, Luxusirrsinn und Naturkatastrophen. Unterbrochen von Menschen, die sich bei allerlei Schwachsinn einer Reality-Doku filmen lassen. Bildungs-TV ist scheinbar fast weg und was schlimm ist, niemand scheint es zu vermissen.Nachrichten kann man über Tageszeitungen erhalten.

O: Nach einem intensiven Ritt heißt es dann nur mehr: „Ausgebrannt“. Gibt es eine Entstehungsgeschichte dahinter?
Ralle: Die Energieressourcen auf unserem Planeten sind nun mal endlich. Die große Frage ist, wie geht es weiter ohne fossile Brennstoffe?
Rudi: Ich sehe darin auch das Ausgebrannte, das jeden Tag durch Wahnsinn auf der Welt übrigbleibt. Wir werden alle auf Sparsamkeit hingewiesen, aber für die Konflikte auf der Erde ist es egal, da wird verbrannt, gesprengt, vernichtet. Ressourcen und Geld spielen scheinbar keine Rolle. Leben erst recht nicht.

O: Wann fühlt ihr euch einfach nur mehr ausgebrannt, und wo tankt ihr dann doch wieder Energie?
Ralle: Der Song „Ausgebrannt“ kann natürlich auch auf uns selbst projiziert werden. Nach langen Arbeitstagen, Stress usw. fühlt man sich wirklich mal ausgebrannt. Und es gibt ja die anerkannte Krankheit Burnout-Syndrom. Ich habe damit aber keine Probleme und wenn ich mal abschalten möchte, höre ich entspannt Musik oder ein Hörbuch. Energie tanke ich aber auch gerne bei irgendwelchen EBM-Live-Events … Eigentlich das Gegenteil von Auftanken, aber es macht Spaß, setzt Energie frei und gute Laune oben drauf!
Rudi: Ich fühle mich manchmal abends ausgebrannt, wenn zu viele Menschen mit irgendwelchen Dingen kommen, die ihnen nur durch mein Zutun weiterhelfen, ohne Rücksicht auf Uhrzeit oder was ich zu tun habe, sehen sie nur ihre Ziele. Rudi kann ja mal machen. Das passiert sehr oft. Und natürlich soll es immer umsonst sein. Freunde und Kollegen aus meinem Umfeld machen das zum Glück aber nie. Ich mache dann irgendwann alles aus und versuche mich abzuschotten, auf dem Lande geht das zum Glück ganz gut. Bei Endzustand ist das anders. Ralf bittet mich immer mal etwas zu tun, was ihm eben nicht möglich ist. Und da ist die Zeit egal. Denn ich habe diese Zusammenarbeit ja im ersten Gespräch angestrebt und mir war klar, dass es immer spontane Aktionen geben wird. Onlinerecherche, Werbung, Kurzvideos erstellen. Es gibt daher keinerlei Widerstreben, nur eventuelle zeitliche Taktung, da ich ja viel unterwegs bin. Und wenn ich dann meine Zuarbeit rasch übersenden konnte, bin ich zufrieden und das gibt mir auch Energie, weil ich weiß, dass Ralf weiterkommt und seine Dankbarkeit mir auch viel bedeutet. Allein nutze ich Kabarettaufzeichnungen, um abzuschalten, auch wenn da brisante Themen eine Rolle spielen.

O:  Damit es dann aber doch nicht so düster mit einer zur Asche zerronnenen Welt endet, gibt es das letzte Lied „Ich geh leben“. Wie ist es entstanden?
Ralle: Der Song sollte zum Abschluss des Albums noch mal ein Statement setzen!
Rudi: Ja, geht leben. Draußen, denn das Leben findet nicht auf dem Touchscreen statt. Da ist nur das Abbild des Lebens der anderen.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Mehr über Endzustand erfährst Du auch in unserer Oktober/November-Ausgabe.

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