ENDZUSTAND im Interview (1/2)

Endzustand verbinden kompromisslosen EBM mit kritischen Blicken auf unsere Gegenwart. Auf „Macht Gesellschaft“ geht es um Künstliche Intelligenz, soziale Medien, Krieg, Ressourcen und den alltäglichen Wahnsinn – mal düster, mal bissig, mal mit schwarzem Humor. In unserem zweiteiligen Interview erzählen Ralle und Rudi, wie aus diesen Themen Songs entstehen, warum Technologie nicht nur Segen sein kann und weshalb es manchmal besser ist, den Touchscreen beiseitezulegen und einfach „Ich geh leben“ zu gehen.
Orkus: Wie kam es denn eigentlich ursprünglich zum Namen Endzustand?
Ralle: Anfang der 2000er Jahre entstanden auf einmal so viele EBM-Projekte, da wollte ich auch mitmischen. Und bevor überhaupt ein Song fertig war, musste natürlich ein Bandname her! Lange habe ich damals überlegt und irgendwo habe ich den Begriff „Endzustand“ aufgeschnappt. Ursprünglich entstammt dieser Begriff aus der Steuertechnik (Maschinen) und beschreibt den Zustand, den eine Maschine oder Anlage nach Abschluss eines Ablaufs oder Prozesses erreicht.
O: Mit „Macht Gesellschaft“ wurde Endzustand nun endgültig zum Duo. Was schätzt ihr am Arbeiten mit dem jeweils anderen?
Ralle: Rudi ist quasi mein kreativer Gegenspieler. Und da wir uns nicht so oft sehen, kommunizieren wir über das Internet und tauschen Songideen aus. Der Hauptteil der musikalischen Arbeit lastet auf meinen Schultern, aber Rudi sagt mir immer offen und ehrlich, ob ihm eine Songidee gefällt, was seiner Meinung nach geändert werden sollte, bringt auch mal eigene Sounds ein oder er hat einen anderen Vorschlag für eine Textzeile. Und da ergänzen wir uns wirklich gegenseitig. Rudi ist durch seine berufliche Tätigkeit als Veranstalter und DJ ein absolutes Organisationstalent!
Rudi: Ich schätze Ralfs Geduld, seine angenehme gelassene Art, wenn viele Dinge auf uns zukommen. Diese Einstellung und dieser Umgang geben mir Zeit um konzentriert umzusetzen, was an Aufgaben ansteht. Dadurch wird es auch immer gut, oder zumindest ordentlich.
O: Was war anders bei den Arbeiten daran im Vergleich zum ersten Album „Werk des Krieges“?
Ralle: Beim Album „Werk des Krieges“ habe ich jede Entscheidung alleine getroffen. Es gab niemanden, der mich unterstützt hat und ich war von den musikalischen Ergebnissen wirklich überzeugt. Heute finde ich das Album ok, aber der eine oder andere Track klingt aus heutiger Sicht irgendwie steif und holzbeinig. Natürlich darf man dabei nicht vergessen, dass ich blind bin. Ich habe im Verlauf der letzten Jahre mir die Arbeit mit der Musiksoftware am Computer beigebracht. Und ja, ich habe mich weiterentwickelt und schöpfe alle Möglichkeiten aus, die mir die moderne Technik bietet.
O: Wie kam es zum Albumtitel „Macht Gesellschaft“?
Ralle: Ich bin ja ein Freund von Konzeptalben. Ich mag es nicht, wenn ein Künstler alle 4 bis 6 Wochen einen neuen Song veröffentlicht. Die Idee zu „Macht Gesellschaft“ entstand irgendwie vor 3 oder 4 Jahren. Ich wollte einige Songs machen über unsere Gesellschaft. Und so blieb dieser Albumtitel immer als große Überschrift für jeden Song, der dann auf dem Album Platz gefunden hat. Ich mag die Doppeldeutigkeit der Worte „Macht Gesellschaft“.
O: Das gesamte Album ist gesellschaftskritisch, aber zeigt durchaus auch Humor. Warum war euch diese Mischung wichtig?
Ralle: Alle Songs entstanden im Verlauf von etwa zwei Jahren und dabei habe ich mir nicht zum Ziel gesetzt, dass ein Song humorvoll sein soll und der nächste äußerst gesellschaftskritisch. Es hat sich einfach so ergeben. Manchmal war es nur die Idee zu einem Thema und so nach und nach entstanden die Textzeilen.
Rudi: Diese Komposition ist aus dem unterschwelligen Zynismus, den man in der Kunst kritische Songs zu schreiben plötzlich verspürt, entstanden.
O: Das Album beginnt stark mit „Maschinenangst“. Wann kam in dir das Bewusstsein auf, dass wir uns von der Technologie doch hüten sollten?
Ralle: Eigentlich bereits in meiner Jugendzeit. Jeder kennt „Terminator“ I & II“, oder die „Matrix“-Trilogie … Damals Science-Fiction, heute oder morgen vielleicht die Realität.
Rudi: Die Menschen verlassen sich oft unbeschwert auf Technologie, und vergessen dabei, was passiert, wenn sie außer Kontrolle gerät. Und was Erschreckende ist, dass jeden Tag in den Schlagzeilen gefeiert wird, welche Drohnen und andere gegen das Leben gerichtete Technik „Erfolge“ erzielt haben. Gerade im aktuellsten Konflikt wird das immer mehr als Strategiespiel der Technik runtergespielt. Man sieht die neueste Drohne, die hat irgendwo eingeschlagen. Was sie da verursacht hat, sieht man nicht. Nur ein paar Strichlinien auf ’ner Landkarte. Zurückerobert heißt es dann. Und mal sehen, wann die ersten Panzer und Raketenwerfer allein losfahren und Menschen töten. Das ist ja das, was passiert, und niemanden scheint das zu beunruhigen. Aber Drohnen filmen ja auch Posings auf Hochzeiten, also sind sie ausschließlich was Gutes.
Claudia Zinn-Zinnenburg
In Kürze setzen wir unser Interview fort.
Mehr über Endzustand erfährst Du auch in unserer Oktober/November-Ausgabe.

Die Oktober/November-Ausgabe bestellen:
Höre Endzustand in unserer „Current Issue“-Playlist auf Spotify:
Schon unseren Newsletter abonniert?
Hier kannst Du das gedruckte Orkus!-Magazin abonnieren: