So war es bei EVANESCENCE

20. September 2026, Dortmund, Westfalenhalle
Wer kennt sie nicht – diese Sehnsucht nach einer Zeit, in der alles leichter erschien? Als die Tickets für die Tour von Evanescence in den Verkauf gingen, kannte noch niemand ihr neues Album „Sanctuary“ – schließlich erschien es erst am 05. Juni 2026. Und dennoch war die Dortmunder Westfalenhalle seit gut einem halben Jahr restlos ausverkauft. Rund 12.000 Menschen brachten Erinnerungen an eine Band mit, deren Album „Fallen“ viele durch prägende Lebensjahre begleitet hatte. Doch würde allein der Blick zurück ins Jahr 2003 diesen Abend tragen? Die Antwort verbarg sich im Albumtitel, der mitten in die Gegenwart wies: „Sanctuary“ steht für Musik als Refugium inmitten des digitalen Dauerrauschens einer immer lauteren Welt.
Ein Ort der Zuflucht erwacht
Um 21.20 Uhr kroch Bodennebel durch das rote Scheinwerferlicht über die weitläufige Bühne, und die Halle schien den Atem anzuhalten. Vom erhöhten Podest des opulenten Drumsets senkte sich eine breite Videofläche zur ebenen Vorderbühne ab, von der ein kurzer Steg in den Innenraum führte. Auf der monumentalen Leinwand erschien eine Kirche. Mit dem Titelstück ihres neuen Albums öffneten Evanescence die Türen zu ihrem „Sanctuary“. Amy Lees maßgefertigter, reliefartig gearbeiteter und beinahe biomechanisch anmutender Bühnenlook erinnerte an Rippen und stilisierte Federn. Für die Tour entstand gemeinsam mit Designer Ashton Michael eine Reihe individueller Kreationen, die von Abend zu Abend wechselten. Der magentafarbene Lidschatten schien ein feines Echo der „Fallen“-Ära in sich zu tragen – doch Amy blickte nicht zurück. Ihre Stimme füllte die Halle mit dunkler Wärme und kristallener Klarheit. Mal schien sie schwerelos, dann erhob sie sich mühelos über die Gitarren. Die Sängerin wirbelte ihre lange Mähne durch die Luft und ließ sich vom aufbrandenden Jubel tragen. Die elf an diesem Abend gespielten Stücke des neuen Albums besaßen live eine mitreißende Körperlichkeit. „Rapture“ türmte massive Gitarrenwände auf, während Amys Gesang verwundbar und unerschütterlich zugleich klang. Von Beginn an zog die Sängerin ihre Fans mit ihrer ungebrochenen Aura in ihren Bann.
Als die Stille Feuer fing
Herzlich begrüßte Amy ihre treuen Fans. Sie habe viel zu lange auf ein Wiedersehen mit ihnen gewartet. Mit „Going Under“ rückte eine längst vergangene Zeit plötzlich wieder ganz nah und hüllte die Halle in wohlige Vertrautheit. Tausende Stimmen fielen ein, während Lee und Troy McLawhorn Rücken an Rücken spielten. Zu „Lithium“ erhob sich der Flügel aus dem Boden, Handylichter wanderten durch das Rund, und unter Amys zart melancholischem Gesang wurde die eben noch jubelnde Halle mit einem Mal ganz weich. Wechsel wie diese ließen den Abend atmen. Zum 20. Geburtstag von „The Open Door“ erklang erstmals live „Like You“. Amy schrieb den Song über ihre mit drei Jahren verstorbene Schwester – aus Sicht des sechsjährigen Kindes, das sie damals war. Während das Stück anwuchs, verdichtete sich die Stille. „I long to be like you, sis. Lie cold in the ground like you did. There’s room inside for two.“ Der darin formulierte, verzweifelte Wunsch der sechsjährigen Amy, bei ihrer Schwester im Grab zu liegen, ließ die Trauer so ungefiltert und radikal hervortreten, dass sich unweigerlich ein Kloß im Hals bildete. Wenig später kniete die Fronterin bei „Self Destruct“ am Steg nieder und schüttelte ihr Haar zu den harten Riffs. „Calm Down“ setzte die Bühne gar in Brand: Über mehrere Ebenen zogen sich lodernde Flammenbänder, während die Gitarristen und Will Hunt samt Drumset auf Scherenliften empor- und hinabfuhren. Sein präzises Drumming verlieh dem Spektakel seinen Herzschlag
Wo der Schmerz seine Schwere verlor
Bei „Call Me When You’re Sober“ verwandelte sich die Leinwand in ein Mosaik aus Fernsehgeräten, auf denen sich Ausschnitte des damaligen Musikvideos mit Livebildern aus Dortmund mischten. So kehrte jener Trotz zurück, mit dem viele einst der Welt entgegengetreten waren – nur dass nun zwei Jahrzehnte Leben darin mitschwangen. Vor „Forever Without You“ wurde es still. In einer eindringlichen Rede sprach Amy all jenen Mut zu, die in einer schlechten Situation feststeckten. Man schulde es sich selbst, herauszufinden, wozu man fähig sei. So beängstigend der erste Schritt auch erscheine: „Auf der anderen Seite ist es besser.“ Am Flügel atmete sie tief durch und ließ, nur von Emma Anzai begleitet, die Melancholie nachhallen. Auf diesen einen Song hatte die ganze Halle gewartet. Rot umrahmte Livebilder begleiteten „Bring Me to Life“, das Amy zunächst am Flügel anstimmte, ehe die Band einsetzte. „Hands up!“ – endlich erhoben sich selbst auf den Rängen Fans. Statt des einst vom Label eingeforderten männlichen Sprechgesangs klatschten Tausende Fans mit Amy im Takt. Was viele seit ihrer Jugend an Schmerz und Trost in diesem Song gefunden hatten, wurde zum gemeinsamen, befreienden Erlebnis. Rote Luftschlangen schossen in die Höhe und mischten sich unter den unbändigen Jubel, während Amy jede Sekunde dieses Augenblicks in sich aufzusaugen schien.
Wenn Verbundenheit Flügel verleiht
Für „End of You“ kam Poppy, die zuvor als Special Guest aufgetreten war, noch einmal auf die Bühne. Amys emotional aufgeladener Gesang traf auf Poppys schneidende Screams – ein spannungsvolles Wechselspiel zweier Künstlergenerationen, das dem Song live zusätzliche Wucht verlieh. Als Sinnbilder der Freiheit durchzogen Vögel immer wieder die Bildwelten des Abends, während Fäden und Kabel jenen unsichtbaren Kräften Gestalt verliehen, die uns lenken und festhalten. „Who Will You Follow“ führte alle Fäden zusammen: Eine Taube kämpfte in einem Geflecht aus Kabeln, bis sie sich schließlich befreite und davonflog. Amy bedankte sich liebevoll bei ihrer Crew und den Fans, die Evanescence seit 23 Jahren immer wieder nach Europa holten. „We love you so much. We can get through all of this bullshit together.“ Bei „My Immortal“ wurde diese Verbindung greifbar. Ein Raunen ging durch das Rund. Vor einem weißen Vorhang saß Amy allein am Flügel, während in der Halle ein Lichtermeer erwachte. Dann verstummte sie für einen Augenblick und überließ die nächsten Zeilen ihren Fans. Tausende Stimmen sangen von jenem Schmerz, der bleibt, wenn ein geliebter Mensch gegangen ist. Amy lächelte in den Chor hinein, ihre Augen strahlten mit den Displays um die Wette, während ringsum einzelne Tränen im sanften Licht glitzerten. Mit „Wide Open Heart“ kehrten Evanescence zum Finale noch einmal zum neuen Album zurück. Der weiße Vorhang fiel, und die Bühne gehörte wieder der ganzen Band, während vogelförmiges Konfetti wie ein befreiter Schwarm über die beseelte Menge segelte.
Mit diebischer Freude schoss Amy gefaltete Zettel mit einer Zwille in die ersten Reihen. Ob es sich dabei wohl um Setlists oder kleine Botschaften handelte? Doch das Wertvollste dieses Abends stand auf keinem von ihnen: Für eine ganze Generation war die verbindende Kraft dieser Musik schon einmal ein Schutzraum gewesen. In einer von Krisen, digitaler Reizüberflutung und KI geprägten Gegenwart erhielt „Sanctuary“ eine zweite Bedeutung: Die Türen dieses Zufluchtsortes standen noch immer offen – und Evanescence sind längst weit mehr als der Soundtrack des eigenen Heranwachsens.
Setlist Evanescence:
„Sanctuary“ • „Tell Me When You’ve Had Enough“ • „Afterlife“ • „Rapture“ • „Going Under“ • „Lithium“ • „Like You“ • „Self Destruct“ • „Calm Down“ • „Call Me When You’re Sober“ • „Beautiful Lie“ • „Wasted on You“ • „Forever Without You“ • „Bring Me to Life“ • „Imaginary“ • „Better Without You“ • „About Us“ • „End of You“ (mit Poppy) • „Who Will You Follow“ • „My Immortal“ • „Wide Open Heart“
Text: Nadine Kloppert
Photos: Sandro Griesbach
Höre Evanescence in unserer „Female Metal Voices in Darkness“-Playlist:
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