So war es bei IRON MAIDEN & MEGADETH

02. Juni 2026, Hannover, Heinz von Heiden Arena

Ein Stadion voller Erinnerungen
Es gibt Bands, die sind Kult. Und es gibt Bands, die sind Legenden, deren Name längst größer geworden ist als Musik. Iron Maiden gehört mit Sicherheit dazu. Seit ihrer Gründung 1975 haben die Briten Heavy Metal nicht einfach gespielt. Sie haben ihn mitgeprägt, erweitert und über Jahrzehnte hinweg auf die größten Bühnen der Welt getragen. Fünfzig Jahre später stehen Iron Maiden immer noch dort, wo nur wenige Bands jemals hinkommen: an der Spitze. Nicht als Nostalgieprojekt. Nicht als Veteranenverein. Sondern als lebendige Institution. Mit der „Run for Your Lives World Tour“ feiern Bruce Dickinson, Steve Harris und ihre Mitstreiter ihr fünfzigjähriges Bandjubiläum. Die Setlist führt tief zurück in die ersten Jahrzehnte der Bandgeschichte und verzichtet bewusst auf viele spätere Hits zugunsten jener Songs, die Iron Maiden überhaupt erst zu Iron Maiden gemacht haben. Hannover wurde dabei zur deutschen Ausnahme. Während Iron Maiden wenige Tage später bei Rock am Ring und Rock im Park auftreten sollten, war die Heinz von Heiden Arena die einzige reguläre Stadionshow der Tour in Deutschland. Rund 45.000 Fans machten sich auf den Weg. Kutten trafen auf schwarze Szene-Shirts, langjährige Wegbegleiter auf junge Fans, die Maiden bislang nur von Videos kannten. Schon Stunden vor Konzertbeginn lag dieses besondere Kribbeln, diese innere Aufgeregtheit über dem Stadion. Denn jeder wusste: Das wird heute ein Abriss!

Megadeth: Thrash Metal in Reinform
Bevor Iron Maiden die Bühne betraten, übernahmen Megadeth die Aufgabe, das Stadion auf Temperatur zu bringen. Eine Aufgabe, für die es wohl kaum eine passendere Band gibt. Seit Dave Mustaine Megadeth 1983 gründete, gehören die Amerikaner zur absoluten Speerspitze des Thrash Metal. Technisch brillant, aggressiv und kompromisslos präsentierte sich die Band auch in Hannover in beeindruckender Form. „Tipping Point“ eröffnete das Set mit voller Geschwindigkeit. „Hangar 18“ sorgte für die ersten größeren Moshpits des Tages, während die Gitarrenläufe wie Geschosse durch die Arena schossen. Mit „Take No Prisoners“ gab es das Tourdebüt eines langen vermissten Klassikers. „Let There Be Shred“ wurde zum technischen Schaulaufen, bei dem die Finger über die Griffbretter flogen. Für überraschte Gesichter sorgte anschließend eine Version von Metallicas „Ride the Lightning“. Vermutlich dürften nicht wenige Besucher nur drei Tage zuvor noch beim Metallica-Konzert im Berliner Olympiastadion gestanden haben. „Tornado of Souls“, „Peace Sells“ und „Symphony of Destruction“ machten endgültig klar, warum Megadeth bis heute zur Weltspitze gehören. Spätestens bei „Holy Wars… The Punishment Due“ stand das gesamte Stadion. Für viele Bands wäre ein solcher Auftritt der Höhepunkt des Abends gewesen. Für Hannover war es lediglich die Einleitung.

Doctor Doctor
Als die ersten Töne von UFOs „Doctor Doctor“ erklangen, verwandelte sich die Heinz von Heiden Arena endgültig in ein Meer aus erhobenen Armen. Wer Iron Maiden kennt, weiß: Jetzt dauert es nicht mehr lange. Mit „The Ides of March“ stieg die Spannung weiter an. Die Lichter gingen zurück, die Videowände erwachten zum Leben und 45.000 Menschen warteten auf den Moment, auf den viele seit Monaten hingefiebert hatten. Dann betraten Iron Maiden die Bühne. „Murders in the Rue Morgue“ eröffnete den Abend mit einem mutigen Statement. Kein offensichtlicher Hit, sondern ein früher Klassiker, der sofort deutlich machte, worum es auf dieser Jubiläumstour geht: die eigene Geschichte zu feiern. „Wrathchild“ legte unmittelbar nach. Steve Harris marschierte über die Bühne wie ein Feldherr, während Zehntausende jede Zeile zurückwarfen. Über vierzig Jahre alte Musik klang plötzlich wieder jung, bissig und gefährlich. Dann kam „Killers“. Und mit ihm betrat Eddie erstmals die Bühne. Fast drei Meter hoch wirkte das ikonische Maskottchen an diesem Abend. In der Hand eine blutverschmierte Axt. Das Gesicht eine Mischung aus Albtraum, Comic und Heavy-Metal-Geschichte. Die Reaktion des Publikums war gewaltig. Für einige Sekunden gehörte die Bühne nicht Bruce Dickinson, Steve Harris oder den drei Gitarristen Dave, Adrian und Janick, sondern ausschließlich Eddie.

Zwischen Wahnsinn und Monument
„Phantom of the Opera“ führte noch tiefer in die frühen Jahre der Band. Die Tempowechsel und verschachtelten Instrumentalpassagen wirkten auch 2026 erstaunlich frisch, während Simon Dawson eindrucksvoll bewies, warum er auf diesem Drumhocker absolut zurecht sitzt. Mit „The Number of the Beast“ kippte die Stimmung schlagartig. Rote Lichtflächen, Flammen und 45.000 Fans, die den Refrain beinahe alleine sangen – Heavy Metal kann manchmal erschreckend einfach sein. „Infinite Dreams“ sorgte für einen der emotionalsten Momente des Abends. Viele hatten jahrelang darauf gewartet, diesen Song wieder live zu erleben. Entsprechend aufmerksam lauschte das Stadion jeder Zeile.

Unter den Göttern von Powerslave
„Powerslave“ verwandelte die Bühne in einen gigantischen ägyptischen Tempel. Goldene Säulen, Hieroglyphen und Dickinsons imposante Federschmuckmaske ließen die Achtziger für einige Minuten wieder auferstehen. „2 Minutes to Midnight“ holte die Arena zurück in die Realität. Die Antikriegshymne hat nichts von ihrer Relevanz verloren und wurde von tausenden Kehlen begleitet.„Rime of the Ancient Mariner“ bleibt eines der größten Monster der Maiden-Geschichte. Vierzehn Minuten lang wurde Hannover zum Geisterschiff, während tosende Wellen, schwarze Wolken und kaltes Licht die Bühne beherrschten. Bruce Dickinson schlüpfte in verschiedene Rollen und führte das Publikum durch Samuel Taylor Coleridges düstere Geschichte. Als der Longtrack seinen Höhepunkt erreichte, entlud sich die Spannung in einem gewaltigen Jubelsturm. Genau für solche Momente füllen Iron Maiden auch nach fünf Jahrzehnten noch Stadien.

Wo Legenden zuhause sind
„Run to the Hills“ ließ sämtliche Bremsen versagen. Kaum erklang das berühmte Intro, verwandelte sich die Heinz von Heiden Arena in einen gigantischen Chor. Mit „Seventh Son of a Seventh Son“ wurde es deutlich mystischer. Eisige Projektionen, surreale Bildwelten und die epische Atmosphäre machten den Song zu einem der stärksten visuellen Momente des Abends. „The Trooper“ brachte genau das, worauf viele gewartet hatten. Bruce Dickinson stürmte mit britischer Flagge über die Bühne, während Steve Harris sein legendäres Bassmotiv durch das Stadion peitschte. Schlachtfelder auf den Leinwänden, tausende erhobene Fäuste und ein Publikum, das jede Zeile mitsang – mehr Iron Maiden geht kaum. „Hallowed Be Thy Name“ zeigte einmal mehr, warum dieser Song bis heute zu den größten Klassikern des Genres gehört. Gefängnismauern flimmerten über die Bildschirme, während Dickinson die Geschichte des Verurteilten mit beeindruckender Intensität erzählte. Spätestens im finalen Mittelteil sang die gesamte Arena mit. Nicht als Party. Nicht als Spektakel. Sondern fast ehrfürchtig.

Eddie übernimmt die Kontrolle
Mit „Iron Maiden“ erreichte die reguläre Show ihren letzten Höhepunkt. Eddie kehrte zurück – irgendwie noch größer, noch bedrohlicher und mit jener Präsenz, die seit Jahrzehnten untrennbar zur Band gehört. Als 45.000 Fans „Iron Maiden’s gonna get you“ brüllten, wirkte das Stadion für einige Minuten wie eine einzige gigantische Heavy-Metal-Messe. Churchills berühmte Rede leitete die Zugabe ein, bevor „Aces High“ wie ein Jagdflugzeug über die Arena hinwegfegte. Kampfflugzeuge auf den Leinwänden, Bruce Dickinson in Bestform und ein Publikum, das noch lange nicht genug hatte. Die ersten Töne reichten aus. 45.000 Stimmen übernahmen sofort die berühmte Melodie von „Fear of the Dark“ und ließen sie minutenlang durch das Stadion rollen. Dieser Moment gehört zu den Dingen, die man nicht erklären kann. Man muss ihn erleben. Als die Band schließlich einsetzte, entstand jener magische Maiden-Augenblick, für den Menschen durch halb Europa reisen.

Wasted Years
Nach Monstern, Schlachtfeldern, Geisterschiffen und Weltuntergangsszenarien setzte „Wasted Years“ den perfekten Schlusspunkt. Der Song besitzt diese seltene Mischung aus Melancholie und Hoffnung. Gerade auf einer Jubiläumstour bekommt jede Zeile noch einmal zusätzliches Gewicht. Es geht um Zeit. Um Erinnerung. Um all die Wege, die hinter einem liegen. Unter den Klängen von Monty Pythons „Always Look On the Bright Side of Life“ verabschiedeten sich Iron Maiden schließlich von Hannover. Zehntausende sangen noch einmal mit.

Fünfzig Jahre gegen die Zeit
Iron Maiden haben in Hannover fünf Jahrzehnte Bandgeschichte gefeiert. Mit einer Setlist, die tief in die eigene Vergangenheit eintauchte. Mit Songs, die Generationen geprägt haben. Mit einem Bühnenbild, das irgendwo zwischen Theater, Film und Heavy-Metal-Oper angesiedelt war. Vor allem aber zeigten Bruce Dickinson, Steve Harris, Dave Murray, Adrian Smith, Janick Gers und Simon Dawson etwas, das in dieser Größenordnung selten geworden ist: Leidenschaft. Keine Routine. Keine Pflichtübung. Kein nostalgisches Abarbeiten alter Hits. Iron Maiden wirkten in Hannover nicht wie eine Band, die auf fünfzig Jahre zurückblickt. Sie wirkten wie eine Band, die immer noch etwas zu beweisen hat. Und genau deshalb standen an diesem Abend knapp 45.000 Menschen in der Heinz von Heiden Arena. Nicht um Abschied zu feiern, sondern um eine Legende zu erleben, die sich beharrlich weigert, eine zu werden.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann

Setlist Megadeth:
• „Tipping Point“ • „Hangar 18“ • „Take No Prisoners“ • „Let There Be Shred“ • „Ride the Lightning“ (Metallica cover) • „Tornado of Souls“ • „Peace Sells“ • „Symphony of Destruction“ • „Holy Wars… The Punishment Due“

Setlist Iron Maiden:
• „Murders in the Rue Morgue“ • „Wrathchild“ • „Killers“ • „Phantom of the Opera“ • „The Number of the Beast“ • „Infinite Dreams“ • „Powerslave“ • „2 Minutes to Midnight“ • „Rime of the Ancient Mariner“ • „Run to the Hills“ • „Seventh Son of a Seventh Son“ • „The Trooper“ • „Hallowed Be Thy Name“ • „Iron Maiden“ ••• „Aces High“ • „Fear of the Dark“ • „Wasted Years“

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