JEANNE D’ARTE im Interview (1/2)

Mit „Am Ufer der Welt“ veröffentlicht Jeanne D’Arte aus Wien ihr Debütalbum. Musikalisch bewegt sie sich zwischen Ethereal, düsterem Pop und Electronica, die sie zu einer mystischen Klangreise verwebt. Wir sprechen mit der sympathischen Künstlerin über die Anfänge und warum Musik so viel mehr als „nur Musik“ ist.
Wie alles begann
Orkus: Fangen wir am Anfang an. Wie kam es zu dem Wunsch oder Verlangen, musikalisch tätig zu sein?
Jeanne D‘Arte: Dieser Wunsch lebt schon seit gefühlt immer in mir. Musik ist meine Hauptschlagader, darin fließt ein großer Teil meiner Essenz und schenkt mir schon seit langem meine Lebenslust. Ich habe schon früh viel gesungen und getanzt und habe in meiner Stimme die Möglichkeit gefunden, mich zu spüren und auszudrücken. Es ist mein automatischer Ausdruck, wenn ich gestresst, aufgeregt, besorgt, überfordert oder auf der Suche nach Dopamin bin. Als Kind habe ich das Singen aber eher für mich behalten, weil ich zu schüchtern war, um mich damit zu zeigen. Ich hatte auch sehr Angst davor, nicht gut genug dafür zu sein. Dieser Mut, mich trotzdem zu zeigen, kam dann mit dem wachsenden Gefühl, dass es gar nicht anders geht, dass ich mich so zeigen „muss“, weil es mein echtestes Ich ist. Ich kann noch so viele Berufe erschnuppern – in der Arbeit als Musikkünstlerin sehe ich viel Erfüllung, weil sie in so viele Spaten hineingreift. Schreiben, Singen, Produzieren, Performen, Creative Directing, etwas aus dem Nichts erschaffen und kreative Lösungen finden … Mein Traum ist es, für einen jungen Menschen die Art von Inspiration sein zu können, wie es Lady Gaga, Enya und die vielen Artists auf VIVA für mich waren. Außerdem, man lebt nur einmal. Und dieses eine Mal Leben würde ich natürlich am allerliebsten im Kern meines Ikigai erleben.
Hunger nach …
O: Bleiben wir noch kurz beim Thema „Namen“. Inwiefern ist „Am Ufer der Welt“ der perfekte Albumtitel für dein Debüt?
J: „Am Ufer der Welt“ beschreibt die Ausgangslage, von der aus die Lieder auf dem Album entstanden sind. In einer leicht dissoziativen Distanz zur Welt und gleichzeitig in einer nicht trennbaren Verbindung mit ihr stehend – wo die Selbstwahrnehmung überspitzt ist und man das Gefühl hat, das Leben passiert außerhalb von einem. Am Ufer der Welt sitze ich im Versuch mich abzukapseln und Ruhe zu finden. Ich sitze da, mit mir selbst – mit meinen Existenzängsten, meiner inneren Leere, meinen Verantwortungen und meinem Hunger nach Zugehörigkeit und Bedeutung. Die Lieder befassen sich mit all dem, was am Ufer der Welt Tinnitus-artig durch meinen Kopf schießt und mich nicht loslässt, so sehr ich auch versuche loszulassen.
Trauerweide
O: Als Single wurde bereits „Trauerweide“ ausgekoppelt. Hast du einen besonderen Bezug zu Trauerweiden?
J: Sie gehören zu meinen Lieblingsbäumen, weil ihre unzähligen, anmutig hängenden Äste einen Raum für Fantasie bilden, in den man eintreten kann. Ich liebe es, Räume zu finden und zu erschaffen. Für den Song habe ich die Trauerweide symbolisch für eine Person gewählt, die ihre Standkraft und Stimme verloren hat und Mut braucht, um sich dem Leben wieder zu öffnen.
Tanz im Schieferregen
O: Besonders schön ist auch „Schieferregen“ mit der ästhetischen Tanz-Performance im dazugehörigen Video! Wie hast du den Dreh erlebt und ist Tanz auch ein Teil deiner Kunst?
J: Dankeschön! Ja. Tanz ist ein essentieller Bestandteil meiner Kunst. Ich habe acht Jahre lang an der Musikschule getanzt und merke, wie meine Liebe fürs Tanzen mein Musikmachen beeinflusst. Ich komponiere mit Bewegung eingeflochten in die musikalische Erzählung. In der Zukunft möchte ich gerne mit Choreografinnen/Choreografen und Tänzerinnen/Tänzern zusammenarbeiten, für Videokunst und für die Bühne. Das wäre zumindest mein Traum. Das Video zu „Schieferregen“ entstand sehr kurzfristig (wie alle Videos bisher) und ist ein Werk der reinen Improvisation. Alles daran wurde spontan beschlossen und gemacht. Ich liebe es zwar, den Erfindergeist blühen zu lassen, der mit starken Einschränkungen einhergeht, aber möchte in Zukunft gerne aufwändigere Projekte mit echtem Plan und einstudierten Tänzen auf die Reihe bekommen (fingers crossed).
Durch die Tiefsee schwimmen
O: Wenn wir schon von Videos sprechen, darf auch „Tiefe Meere sind schwarz“ nicht fehlen. Wie ist dieser Song entstanden?
J: Das Skelett des Lieds entstand mit dem E-Piano eines Freundes, auf dem ich bei einem Besuch herumgeklimpert habe. Dabei ergab sich ein mysteriöses „Columbo“-artiges Riff, das ich zur späteren Inspiration aufgenommen habe. Das Riff wurde zur Basslinie des Songs, und seine düstere Theatralik hat dazu geführt, über das schlechte Gewissen zu schreiben, wenn man viel Schwere in sich trägt und Angst hat, andere Menschen damit hinunterzuziehen. Die Basslinie hörte sich für mich wie die Gefahr an, tiefer zu tauchen als man sollte. „Wie lang noch der Atem reicht“ ist demnach die Angst, unterzugehen und gleichzeitig symbolisch für den langen Atem, den man beweisen muss, wenn man einem von Schwere gezeichneten Menschen als Angehöriger oder Freund zur Seite stehen will. „Tiefe Meere sind schwarz“ ist eine Vorwarnung an jene Menschen, die es wagen wollen, mit mir gemeinsam durch die Tiefsee zu schwimmen.
Demnächst setzen wir das Interview mit Jeanne D’Arte fort.
Sieh Dir das Video zu „Trauerweide“ an:
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