So war es bei KOЯN

21.Oktober 2026, Köln, Lanxess Arena

Manche Bands begleiten uns nicht einfach durch unsere Jugend. Sie werden Teil unserer Geschichte. Als KOЯN Mitte der Neunziger mit tief gestimmten Gitarren, verstörenden Klangwelten und schonungslos persönlichen Texten die Musikwelt auf den Kopf stellten, gaben sie einer ganzen Generation eine Stimme. Nach Jahren überwältigenden Erfolgs und zwischenzeitlich ruhigeren Zeiten erleben die Nu-Metal-Pioniere eine bemerkenswerte Renaissance und füllten die Kölner Lanxess Arena nahezu bis auf den letzten Platz. Doch bevor KOЯN den Abend in ein brodelndes Meer aus Erinnerungen und Ekstase verwandelten, warteten mit Youth Code und Architects zwei musikalische Welten darauf, ihre ganz eigenen Spuren zu hinterlassen.

Ein Auftakt gegen den Strich

Ebenso ungewöhnlich wie der Genre-Mix dieses Konzertabends gestaltete sich bereits die musikalische Einstimmung. Dass ausgerechnet Suicide Commando und Das Ich durch die Lanxess Arena schallen würden, hätte man bei einem Konzertabend von KOЯN wohl kaum erwartet. Um 19.35 Uhr betraten Youth Code zu einer Art Leierkasten-Version von „Dance with Somebody“ die Bühne. Sara Taylor, völlig unaufgeregt in weißem Shirt und Jeans gekleidet, legte augenblicklich los, sprang umher und warf ihr blondes Haar beim wilden Headbangen durch die Luft. Ryan George zeigte sich hinter seinem elektronischen Equipment ebenfalls ausgesprochen bewegungsfreudig. „We’re Youth Code from California!“ Harte Industrial-Klänge, treibende Beats und Saras aggressive Shouts bestimmten das Set, während melodische Passagen und Ryans stimmliche Unterstützung bei „Consuming Guilt“ für Abwechslung sorgten. Ein beachtlicher Teil des Innenraums klatschte rhythmisch mit. „Get your fucking hands up! Let me see it!“ Erfreut reckte die Sängerin ihre Faust in die Luft und nahm den Applaus erfüllt entgegen.

Full Circle Moment

Für einen Augenblick wurde es persönlich. 1998 habe Sara als 13-Jährige ein Ticket für die legendäre Family Values Tour besessen. Nun sei sie 41 Jahre alt und stehe Abend für Abend selbst mit KOЯN auf der Bühne. Ein kaum vorstellbarer Traum, der für sie Wirklichkeit geworden war. Ihre Botschaft an das Publikum: Niemals die eigenen Träume aufgeben! Mit „To Burn Your World“ kehrte die kompromisslose Härte zurück. Sara wirbelte ihr Mikrofon am Kabel durch die Luft, tobte sich ungebremst aus und ließ den elektronischen Klanggewittern freien Lauf. „Do you guys like to dance in Germany?“ wollte sie schließlich wissen und kündigte „Head Underwater“ an. Die Antwort? Nun ja. KOЯN-Fans tanzen offenbar lieber mit dem Kopf. Während im Innenraum fleißig gebangt wurde, wippten auf den Rängen immerhin zahlreiche Zuschauer im Takt. Nach 30 Minuten verabschiedete sich das Duo von einem Publikum, das sich überraschend offen für die harten elektronischen Klänge gezeigt hatte.

Wenn Leidenschaft auf Verletzlichkeit trifft

Was macht einen außergewöhnlichen Frontmann aus? Stimmliche Perfektion? Technisches Können? Oder jene schwer greifbare Ausstrahlung, mit der ein Künstler tausende Menschen mit sich reißt? Die Architects aus Brighton haben längst bewiesen, dass ihre Musik weit über die Grenzen des modernen Metalcore hinausreicht. Und Sam Carter besitzt jene außergewöhnliche Bühnenpräsenz, die sich tief ins Gedächtnis einprägt. Noch bei Rock am Ring im Juni hatte ich ihn auf der Utopia Stage erlebt, mit strahlenden Augen – beinahe wie ein Junge im Süßwarenladen. Überglücklich, voller Tatendrang und sichtlich überwältigt davon, auf einer der größten Festivalbühnen stehen zu dürfen. Auch wenn seine Stimme nicht ganz ihre gewohnte Stärke erreichte, machte seine unbändige Freude diesen Auftritt zu einem unvergesslichen Erlebnis. Doch wenige Tage vor dem Kölner Konzert veröffentlichte Sam ein überaus offenes Statement auf Instagram. Darin sprach er über die anhaltende Kritik an seiner Stimme, die besonders nach Rock am Ring verletzenden Kommentare im Internet und jene Versagensängste, die ihm schließlich die Freude am Auftreten genommen hatten. Ausgerechnet seine unverwechselbaren Screams, längst ein Markenzeichen des Metalcore, waren für ihn zunehmend mit Versagensängsten verbunden. Mit therapeutischer Unterstützung und intensivem Gesangstraining arbeitet Sam seither daran, neues Vertrauen in seine Stimme zu gewinnen. Denn sein größter Wunsch war dabei von berührender Schlichtheit: Er wollte endlich wieder Freude daran empfinden, gemeinsam mit seinen Freunden auf der Bühne zu stehen.

Mit aller Kraft

Sein emotionales Statement hatte hohe Wellen geschlagen. Ich selbst war noch immer fassungslos. Zu erfahren, wie sehr ihn all das belastete, ging mir unglaublich nahe. Wie würde dieser Abend nun wohl verlaufen? Mit frenetischem Jubel wurden die Architects in der Lanxess Arena empfangen. Kaum setzte „Whiplash“ ein, hüpfte der Fronter über die Bühne und nutzte die im Vergleich zu den üblichen Headlinershows deutlich begrenztere Spielfläche bis in den letzten Winkel aus. „Get down on your knees and get ready for a big nu metal fucking bounce!“ Seine Aufforderung ließ zahlreiche Menschen im Innenraum auf die Knie gehen. Dann brach der Song los und Sam sprang gemeinsam mit der Menge in die Höhe. Sams Stimme klang zunächst dunkel, schraubte sich anschließend in höhere Lagen und entlud sich in kraftvollen Growls. Als die eingespielte Zeile „Everything is going to be fine“ erklang, ließ sie mich angesichts seiner jüngsten Offenbarungen unwillkürlich innehalten.

Die Macht der Gefühle

Zu „Curse“ warf sich der Sänger mit vollem Körpereinsatz in die Performance, wechselte blitzschnell zwischen hohen Screams, tiefen Growls und melodischem Klargesang. Die Musik entwickelte einen unwiderstehlichen Sog, der den eigenen Herzschlag unweigerlich beschleunigte. Mit „Doomsday“ folgte ein Stück, das zu den emotional bedeutendsten der Bandgeschichte gehört. Der 2017 veröffentlichte Song geht auf musikalische Ideen des 2016 verstorbenen Gitarristen und Gründungsmitglieds Tom Searle zurück, dessen Bruder Dan ihn nach seinem Tod vollendete. Progressive Gitarren, atmosphärische Passagen und eruptive Härte verliehen dem Song eine besondere Wucht. Mit seiner glasklaren Stimme verlieh Sam den von Schmerz und Verlust geprägten Zeilen eine beinahe greifbare Verletzlichkeit und bescherte mir eine Gänsehaut. Er drehte sich um die eigene Achse, sank schließlich auf die Knie. Dann brach die Musik erneut auf und riss Körper und Emotionen gleichermaßen mit sich.

Hat jemand Kleber?

„Broken Mirror“ erzählt von innerer Zerrissenheit, emotionaler Erschöpfung und der schmerzhaften Empfindung, sich selbst nicht mehr als Ganzes wahrnehmen zu können. Atmosphärische Melodien und Sams verletzlich wirkender Klargesang verleihen dem Stück eine gar intime Intensität, ehe sich die angestaute Spannung in härteren Passagen entlädt. Wie viel Gefühl kann ein einzelner Mensch eigentlich in seine Stimme legen? Angesichts seines Statements drängte sich ein Gedanke geradezu schmerzhaft auf: Wie gern würde man die Scherben dieses zerbrochenen Spiegels wieder zusammensetzen. Sam fegte weiterhin energievoll über die Bühne, doch in seinen Gesichtszügen vermisste ich jene unbeschwerte Freude, dieses ansteckende Honigkuchenpferdchen-Strahlen, das ich noch so lebendig in Erinnerung hatte. Stattdessen wirkte sein Blick häufig ernst, beinahe von einer unsichtbaren Schwere überschattet. Umso ergreifender wirkte sein Scream gegen Ende des Songs – markerschütternd, als käme er aus der tiefsten Seele. „Deep Fake“ hielt die Dynamik aufrecht und bescherte dem Innenraum zahlreiche Crowdsurfer. Unter ihnen befanden sich sogar zwei überdimensionale Maiskolben – ein herrlich skurriler Anblick inmitten der ausgelassenen Metalcore-Eskalation.

Lichter der Hoffnung

Immer wieder brandeten „Architects!“-Rufe durch die Halle. Die Wärme, mit der das Kölner Publikum die Briten trug, war berührend. Dann bat Sam die Menschen, ihre Handytaschenlampen zu „Everything Ends“ einzuschalten. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich die Arena in einen funkelnden Sternenhimmel. Tausende kleine Lichtpunkte erstrahlten in der Dunkelheit. Sam sprach darüber, wie einmalig der Augenblick sei, den alle gemeinsam erlebten. Dass wir nicht immer beeinflussen können, was wir fühlen oder welche Probleme uns belasten. Er erzählte von schwierigen Zeiten und Ängsten, die einen an den Rand der eigenen Kräfte bringen können. Davon, wie schwer es manchmal sei, überhaupt noch einen Ausweg zu erkennen. Doch selbst in größter Dunkelheit könne irgendwann ein kleiner Lichtspalt erscheinen, der den Beginn einer Veränderung ankündige. Seine Worte gingen unter die Haut. Und während er in das Rund der Arena blickte, geschah etwas Wunderschönes: Sam lachte aus vollem Herzen! „Amazing! Keep it going!“ Er breitete die Arme aus, und tausende Menschen folgten seinen Bewegungen. Den gesamten Song hindurch wogten die Handylichter wie ein leuchtendes Meer hin und her. Sams Gesang klang wundervoll, warm und voller Gefühl. Für diesen einen Moment schien die Schwere des Abends einer Leichtigkeit zu weichen. Köln schenkte ihm ein Lichtermeer, und er schenkte Köln sein Lächeln.

Wenn Wut zum Ventil wird

„This song goes out to everyone that talks shit on the internet.“ Mit dieser unmissverständlichen Ansage kündigte Sam „Seeing Red“ an. Ein Song, der sich mit öffentlicher Kritik, toxischen Erwartungen und der ständigen Beurteilung durch andere auseinandersetzt. Die Bühne versank in intensivem Rot, während sich die aufgestaute Wut in aggressiven Riffs und bissigen Vocals entlud. Begeisterter Zwischenjubel und leidenschaftlicher Fangesang machten daraus ein irgendwie befreiendes Erlebnis. Als würde man gemeinsam mit der Band all jene Gefühle hinausschreien, die sich manchmal nur schwer in Worte fassen lassen. Erneut richtete Sam herzliche Worte an seine Zuhörer. Deutschland nehme seit vielen Jahren einen besonderen Platz in den Herzen von Architects ein. Dabei erinnerte er sich an frühere Auftritte und ein Musikvideo, das einst in Köln entstanden sei, weil die Stadt für ihre besonders lauten und leidenschaftlichen Fans bekannt gewesen sei. Daran habe sich bis heute nichts geändert. Mit der neuen Single „Machine“ folgte schließlich ein überaus gefühlvolles Finale. Pulsierende Elektronik, ein unwiderstehlicher Rhythmus und Sams sanfte stimmliche Facetten verliehen dem Stück eine ganz eigene Anziehungskraft. Und offenbar blieb diese nicht auf das Publikum beschränkt: Selbst ein Bühnentechniker konnte nicht stillstehen und groovte vergnügt mit. Ein kleiner, herrlich unbeschwerter Moment am Rande des Geschehens. Besonders die zarte Pianomelodie nach den kraftvolleren Passagen ließ noch einmal Gänsehaut aufkommen. Nach 45 Minuten verabschiedete sich der Fronter mit liebevollen Worten. „We’ve been Architects. We love you.“

Mensch sein

Die Architects hatten mit purer Energie und emotionaler Tiefe überzeugt. Sam hatte alles gegeben. Und doch ließ sich der Eindruck nicht abschütteln, dass die Ereignisse der vergangenen Monate auf ihm lasteten. In Köln fehlte mir ein Stück seiner einst so unbeschwerten Freude, nicht aber die Leidenschaft, die ihn zu einem außergewöhnlichen Frontmann macht. Und vielleicht liegt darin eine Erkenntnis, die manchem Kritiker im Internet zu wünschen wäre: Hinter jeder Stimme steht schließlich ein Mensch! Einer, der zweifeln, kämpfen und verletzlich sein darf. Und der nicht perfekt sein muss, um einen tief zu berühren. Und um es mit den Worten zu sagen, mit denen Sam sein bewegendes Instagram-Statement beendete: „Be kind. You never know what someone is truly going through.“

Der Moment ist gekommen

Nach dem Bühnenumbau verbarg ein halbtransparenter Vorhang die gesamte Szenerie. Als die Scheinwerfer die Musiker von hinten erfassten, erschienen ihre überdimensionalen Silhouetten auf dem Stoff und sorgten bereits für begeisterten Jubel. Dann fiel zu „It’s On!“ der Vorhang und KOЯN ließen ihre geballte Klanggewalt auf die prall gefüllte Arena los. Druckvolle Bässe erschütterten das Oval, während im Innenraum die ersten Körper in Bewegung gerieten. Jonathan Davis stand in seinem edlen Lederkilt vor dem legendären biomechanischen Mikrofonständer, den der Schweizer Künstler H. R. Giger einst eigens für ihn entworfen hatte. Die Skulptur in Gestalt einer exotischen Frau ist längst zu einem unverwechselbaren Bestandteil der Bühnenästhetik geworden.

Neue Dimension

Auch die übrige Inszenierung hatte einiges zu bieten. Riesige LED-Flächen umrahmten das Geschehen. Über den Musikern spannte sich eine bewegliche Deckenkonstruktion, die sich absenken, neigen und selbst mit Visuals bespielen ließ. Gemeinsam mit den Lichtstrahlern entstand eine wandelbare dreidimensionale Bildwelt. Mal formten Lichtkegel einen beinahe geschlossenen Würfel, dann öffnete sich die Konstruktion wieder zur ganzen Weite der Arena. Zu „Here to Stay“ ließen James „Munky“ Shaffer und Brian „Head“ Welch ihre Köpfe synchron kreisen und gingen tief in die Knie. Die tief gestimmten Gitarren entfalteten jene eigenwillige Mischung aus Wut, Resignation und rhythmischer Schwere, die den Sound der Kalifornier so unverwechselbar macht. Während Jonathan mit kleinen Tanzschritten über die Bühne marschierte und die Menge zu noch lauteren Reaktionen anstachelte, suchten Munky und Bassist Ra Díaz immer wieder die Nähe zum Bühnenrand. Letzterer erwies sich als wahres Energiebündel. Mit unbändiger Spielfreude, ständig in Bewegung und einem ansteckend strahlenden Lachen schien er jede Sekunde dieses Auftritts auszukosten.

Sweet Sixteen

Und dann erklangen die ersten Töne von „Got the Life“. Der unwiderstehliche Groove des Klassikers ließ die Arena rumoren. Jonathan sang voller Inbrunst. Im Innenraum wurde glückselig gehüpft, wilde Moshpits tobten und unzählige Crowdsurfer schwebten über die Menge. Für einen Augenblick fühlte es sich an, als wären wir alle wieder Sweet Sixteen. Bemerkenswert war dabei der Blick in die Menge: Neben zahlreichen Millennials feierte auch eine deutlich jüngere Generation ausgelassen mit. „Rotting in Vain“ brachte die düstere, beklemmende Seite der Band zum Vorschein. Jonathans Gesang schwankte zwischen Verzweiflung und Wut. Inhaltlich geht es um das Gefühl, in einer zermürbenden Situation gefangen zu sein, aus der man sich verzweifelt befreien möchte.

Zurück zu den Wurzeln

Nach dem Song ließ Jonathan seinen Blick über die Arena schweifen. „Colooooogne!“ Sein langgezogener Ruf wurde begeistert erwidert. Dann erinnerte der Sänger an ein besonderes Jubiläum: Das zweite Album „Life Is Peachy“ feierte im Oktober seinen 30. Geburtstag. 32 Jahre nach den Anfängen der Band stehe man noch immer vor derart vielen Menschen. Sichtlich bewegt bedankte er sich für die jahrzehntelange Treue seiner Fans. Und nun sollte genau dieses Album gefeiert werden. Mit „Twist“ ließ Jonathan seinen unverwechselbaren gutturalen Scat-Gesang erklingen. Jene rhythmisch hervorgestoßenen Fantasiesilben, die sich jeder gewöhnlichen Gesangstechnik zu entziehen scheinen, gehören zu den eigenwilligsten Markenzeichen der Band. Im Innenraum brachten sich die Pits bereits in Stellung, ehe die Menge erneut losstürmte. „Chi“ schloss sich unmittelbar an, gefolgt von „A.D.I.D.A.S.“. Vor und auf der Bühne herrschte ausgelassene Ekstase. Die Crowdsurfer schienen kein Ende nehmen zu wollen. Im Fotograben hatten die Sicherheitskräfte alle Hände voll zu tun, nahmen jedoch einen Körper nach dem anderen sicher in Empfang. Jonathan quittierte das wilde Treiben schließlich mit einem tiefen Seufzer.

Zwischen Klanggewalt und zärtlichen Momenten

Nach einem kurzen Bühnenabgang kehrte der Frontmann mit seinem berühmten Dudelsack zurück. Kräftig aufstampfend wanderte er spielend über die Bühne und leitete „Shoots and Ladders“ ein. Die bizarre Verbindung aus Kinderreimen, Dudelsack und brachialen Gitarren gehört zu den Markenzeichen des frühen KOЯN-Sounds. Zunächst schwangen die Fans lässig ihre Arme von einer Seite zur anderen, ehe der Stimmungswechsel die nächste wilde Entladung auslöste. Zu „Did My Time“ wurde die angestaute Wut auch im Publikum sichtbar. Während Jonathan seine inneren Konflikte herausschrie, entzündete sich im Circle Pit eine Bengalfackel. Später neigte sich die LED-Decke schräg nach oben und ließ den Raum optisch wieder wachsen. Ein eindrucksvolles Bild, das irgendwie an den Werdegang der Band erinnerte: Aus jenen Musikern, die einst die Grenzen des Heavy Metal aufbrachen, waren längst weltweite Arena-Größen geworden.

Kleine Wunder im großen Chaos

Mit „Make Me Bad“ folgte ein wohltuender Kontrast. Jonathan breitete die Arme aus, seine Stimme klang beinahe zärtlich, als sich die Gitarren in sanfteren Passagen zurücknahmen. „Trash“ überraschte mit seinem verspielten Groove. Doch plötzlich verlagerte sich die Aufmerksamkeit auf eine Szene mitten im Publikum: Ein kleines Mädchen mit Mickey-Mouse-Ohren crowdsurfte gemeinsam mit seiner Mutter in Richtung Bühne. Behutsam wurden die beiden über die ausgestreckten Hände getragen. Für einen Augenblick stahl diese herzerwärmende Szene sogar den Musikern die Show. Zu „Y’All Want a Single“ türmten sich auf den Leinwänden gewaltige Wellen auf. Die Szenerie wechselte in bedrohliches Rot, und die aufgewühlte See schien förmlich über den Bühnenrand hinaus in die tobende Menge zu schwappen. Brian gesellte sich zu Ray auf das erhöhte Drumpodest und genoss den Blick über den brodelnden Hexenkessel. Zum kollektiven „Fuck that!“ schossen tausende Fäuste in die Höhe.

Are You Ready?

Nach einer kurzen Unterbrechung kehrten KOЯN für die Zugaben zurück. Zu „Falling Away from Me“ prallten im Innenraum erneut Körper gegeneinander, während sich weitere Crowdsurfer über die Menge schoben. Brian bearbeitete seine Gitarre mit geradezu besessener Hingabe. Die düstere Auseinandersetzung mit emotionalem Missbrauch, Angst und dem Wunsch nach Befreiung entfaltete live eine enorme Wucht. Doch der wohl ikonischste Augenblick eines KOЯN-Konzerts stand noch bevor. Jenes charakteristische Gitarrenriff, das sich langsam aus der Stille erhebt und seit 1994 Musikgeschichte schreibt. Die Spannung stieg, bis Jonathan seinen legendären Ruf durch die Arena schleuderte: „Are you reaaaaadyyyyy?“ Was folgte, war die völlige Entfesselung. Gleich drei gewaltige Moshpits formierten sich, Bierbecher flogen durch die Luft und eine weitere Bengalfackel wurde brennend durch die springende Menge getragen. Auch mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hatte „Blind“, einer der wegweisenden Songs des Nu Metal, nichts von seiner ursprünglichen Wucht verloren. Mit „Freak on a Leash“ kündigte sich nach 90 Minuten das große Finale an. Eine skurrile Würfelfigur mit Armen und Beinen bewegte sich über die Bildflächen, während der unverwechselbare, von Hip-Hop-Rhythmen durchzogene Groove die Arena ein letztes Mal in Bewegung versetzte. Rot-weiße Luftschlangen schossen in die Höhe und vermischten sich mit dem grenzenlosen Jubel.

Bindeglied

Bei aller Begeisterung für die Klassiker hinterließ die Setlist dennoch einen Wermutstropfen: Das jüngste Studioalbum „Requiem“ (2022) wurde vollständig übergangen. Dabei hätte dieses Werk dem nostalgisch geprägten Set zusätzliche Facetten verliehen. Und dennoch: Nach mehr als drei Jahrzehnten vermögen KOЯN noch immer etwas auszulösen, das sich kaum an Verkaufszahlen oder musikalischen Trends messen lässt. Ihre Songs lassen Erinnerungen aufleben, wecken längst vergessene Gefühle und verbinden Menschen, die mit dieser Musik aufgewachsen sind, mit jenen, die sie gerade erst für sich entdecken. Was einst für viele der Soundtrack einer aufgewühlten Jugend war, erfüllte an diesem Abend eine nahezu ausverkaufte Arena mit neuem Leben. Und manchmal genügt ein einziges Gitarrenriff, um sich für einen Augenblick wieder wie sechzehn zu fühlen.

Setlist Architects:
„Whiplash“ • „When We Were young“ • „Curse“ • „Doomsday“ • „Broken Mirror“ • „Animals“ • „Deep Fake“ • „Everything Ends“ • „Seeing Red“ • „Machine“

Setlist KOЯN:
„It’s On!“ • „Here to Stay“ • „Reward the Scars“ • „Got the Life“ • „Rotting in Vain“ • „Twist“ • „Chi“ • „A.D.I.D.A.S.“ • „Kill You“ • „Shoots and Ladders“ • „Coming Undone“ • „Did My Time“ • „Make Me Bad“ • „Trash“ • „Y’All Want a Single“ ••• „Falling Away From Me“ • „Blind“ • „Twisted Transistor“ • „Freak on a Leash“

Text: Nadine Kloppert
Photos: Michael Gamon

Mit welchem Fanartikel wirst Du Deine Sammlung erweitern?

*Die mit Sternchen markierten Linkempfehlungen sind Affilate-Links/Partnerprogramm-Links, auf welche Du frei klicken kannst. Bei einem Klick und Kauf erhalten wir durch den Anbieter eine Provision (wir verdienen als Partner an qualifizierten Verkäufen). Der Preis ändert sich dabei für Dich natürlich nicht. Auf diese Weise kannst Du dazu beitragen, dass ein Teil der Kosten für diese Internetseite eingespielt werden kann.

Schon unseren Newsletter abonniert?

Hier kannst Du das gedruckte Orkus!-Magazin abonnieren: