So war es bei LAIBACH

Hamburg, Große Freiheit, 8. Oktober 2026
Wenn Kunst der Wirklichkeit den Mittelfinger zeigt
Was ist eigentlich Kunst? Eine Frage, über die sich Philosophen, Kritiker und selbst ernannte Kulturpäpste seit Jahrhunderten die Köpfe heißreden. Die einen brauchen dafür ein Museum, andere eine Leinwand und manche einen Haufen Schrott, der mit genügend Erklärung plötzlich mehrere Millionen wert sein soll. Laibach brauchen für ihre Kunst vor allem eines: Menschen, die sich provozieren lassen. Seit mehr als vier Jahrzehnten treiben die Slowenen ein ziemlich eigenwilliges Spiel mit Ideologien, Macht, Propaganda und gesellschaftlichen Widersprüchen. Sie bedienen sich totalitärer Ästhetik, militärischer Strenge und nationalistischer Symbolik, überzeichnen diese bis zur Groteske und lassen ihr Publikum anschließend mit der unangenehmen Frage zurück, ob es gerade eine politische Botschaft, deren Demontage oder vielleicht beides erlebt hat. Ihre sogenannte Überidentifikation polarisiert bis heute. Man kann das genial finden, kritisieren oder schlicht nicht mögen. Aber genau darüber lässt sich streiten. Und das ist schließlich auch eine Aufgabe von Kunst, denn Kunst entsteht immer im Auge des Betrachters.
Laibach erklären nicht jede Pointe, entschärfen keine Provokation und liefern erst recht keine Gebrauchsanweisung für das eigene Denken. Wer eine eindeutige Antwort erwartet, dürfte sich bei ihnen ungefähr so wohlfühlen wie ein überzeugter Pazifist auf einer Militärparade. Musikalisch ist das Ganze ohnehin seit Jahrzehnten eine Klasse für sich. Und live? Was Laibach außerdem beherrschen, sind außergewöhnliche Liveinszenierungen zwischen Industrial-Konzert, politischem Theater und einer ziemlich bizarren Messe.
Am 8. Oktober 2026 gastieren sie mit ihrer aktuellen „MUSICK“-Tour in der Hamburger Großen Freiheit 36. Der Club ist für einen Donnerstagabend gut gefüllt. Und diesmal bekommt vor allem unsere schöne neue digitale Welt ihr Fett weg.
Willkommen in der digitalen Irrenanstalt
Mit „Musick“ und „Musick Pt2“ eröffnet die musikalische Reise durch unsere schöne neue künstliche Welt. Elektronische Beats, verfremdete Stimmen und eingängige Melodien bilden den Auftakt, bevor „Fluid Emancipation“ und „Love Machine“ die poppigere Seite des Albums auspacken. Hinter der synthetischen Hochglanzfassade lauern Fragen nach Identität, Freiheit und künstlich erzeugten Gefühlen. Serge Gainsbourgs „Love on the Beat“ bekommt anschließend eine ordentliche Portion Laibach verpasst. „Resistencia“ verbindet elektronische Tanzbarkeit mit widerständiger Rhetorik, während „Generationz“ und „Keep It Reel“ die digitale Selbstinszenierung aufs Korn nehmen. Mit „#Us“ geht es schließlich mitten hinein in die Welt der Hashtags und virtuellen Gemeinschaften. Das klingt stellenweise verdächtig eingängig. Fast schon nach Popmusik für Menschen, die normalerweise lieber Industrial hören. Aber wer Laibach kennt, weiß, dass hinter der freundlichen Melodie meist noch irgendwo eine Gemeinheit versteckt ist.
Erst tanzen, dann denken! Oder umgekehrt?
Mit „Warm Up“ wird es herrlich absurd. Die beiden Tänzerinnen an Milan Fras’ Seite übernehmen kurzerhand das Kommando, verwandeln die Bühne in einen grotesken Aerobic-Kurs und animieren das Publikum, ihre Bewegungen nachzumachen. Arme hoch, Schritte einstudieren, schön im Takt bleiben! Bei Laibach wird selbst das Tanzen zur Gehorsamsübung. Passender könnte die Überleitung zu „Allgorhythm“ kaum ausfallen. Während elektronische Beats durch die Große Freiheit treiben, bekommt der Algorithmus plötzlich zwei menschliche Vortänzerinnen. Die Maschine gibt den Rhythmus vor, das Publikum soll folgen. Eine herrlich bissige Inszenierung, bei der man sich fragt, ob man gerade ausgelassen tanzt oder freiwillig an einem Experiment zur Massensteuerung teilnimmt. Das anschließende „Laibach Medley“, als MUSICK Intermezzo angelegt, wirbelt verschiedene Klangmotive durcheinander und hält die digitale Reizüberflutung am Laufen.
Zwischen Internet-Wahnsinn und künstlichen Göttern
Nach dem „Luigi Intro“ greifen Laibach mit „Luigi Mangione“ einen der verstörenden Medienfälle der jüngeren Vergangenheit auf. Der Song richtet den Blick auf die bizarre Verwandlung eines realen Gewaltverbrechens in ein Internetphänomen voller politischer Projektionen, Memes und gesellschaftlicher Wut. Eine ziemlich unangenehme Geschichte, verpackt in elektronische Popmusik. „Modern Talking“ und „Bossanova“ treiben anschließend das Spiel mit musikalischen Versatzstücken weiter, bevor „Yes Maybe No“ die Widersprüche unserer Gegenwart aufgreift. Mit „Singularity“ wird es erneut künstlich. Zwischen verspielten Klängen und elektronischem Kitsch taucht die Vorstellung einer Zukunft auf, in der sich Mensch und Maschine immer schwerer auseinanderhalten lassen. „Memorabilia“ führt weiter zu Erinnerungen und musikalischen Fundstücken, bevor „Das göttliche Kind“ den regulären Teil beschließt. Für diesen Song ließen Laibach sogar künstliche Intelligenz an der eigenen Kritik mitarbeiten. Eine Maschine, die über ihre Schöpfer urteilt und sich dabei beinahe zur Gottheit erhebt. Musikalisch bekommt dieser Größenwahn eine eigentümlich sakrale, elektronische Gestalt. Klingt verrückt? Willkommen bei Laibach.
Noch einmal musikalischer Ungehorsam
Mit „Make Your Own Kind of Music“ eröffnen Laibach den Zugaben-Block. Der durch Mama Cass Elliot berühmt gewordene Song bekommt in ihrer Interpretation eine herrlich ironische Bedeutung. Ausgerechnet jene Band, die seit Jahrzehnten bekannte Musikstücke nach eigenem Gutdünken zerlegt und neu zusammensetzt, fordert dazu auf, seinen eigenen musikalischen Weg zu gehen. „Faith No More“ führt anschließend zurück in dunklere Gefilde, bevor eine Remix-Version von „Musick“ den Abend beschließt. Noch einmal elektronische Überfütterung, künstliche Klangwelten und musikalischer Irrsinn. Der Kreis schließt sich dort, wo alles begonnen hat.
Fazit – Kunst darf wehtun
Laibach bleiben auch 2026 eine Band, die sich nicht bequem konsumieren lässt. Wer ausschließlich die alten Industrial-Monumente erwartet, dürfte von der poppigen Ausrichtung des neuen Materials überrascht sein. Doch gerade dieser musikalische Widerspruch macht „MUSICK“ interessant. Die Show in der gut gefüllten Großen Freiheit 36 führt durch eine Welt aus elektronischer Tanzmusik, künstlicher Intelligenz und gesellschaftlichen Abgründen. Eingängige Melodien treffen auf unbequeme Themen, während Laibach mit gewohnt stoischer Konsequenz ihre musikalischen Spielchen treiben. Natürlich kann man darüber streiten, ob jede Provokation funktioniert. Manchmal überziehen die Slowenen bewusst, gelegentlich bis an die Grenze des Erträglichen. Aber eine Band, die nach über vierzig Jahren noch immer Fragen aufwirft, statt nur ihre alten Erfolge zu verwalten, hat offenbar einiges richtig gemacht. Was ist also Kunst? Vielleicht genau das, was uns fasziniert, irritiert und gelegentlich gehörig gegen den Strich bürstet. Laibach haben daraus eine verdammt eigenwillige Disziplin gemacht. Und ihre aktuelle Lektion trägt den Namen MUSICK.
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann
Setlist Laibach
‚Musick“ · „Musick Pt2“ · „Fluid Emancipation“ · „Love Machine“ · „Love on the Beat“ (Serge Gainsbourg cover) · „Resistencia“ · „Generationz“ · „Keep it Reel“ · „#Us“ · „Warm up“ · „Allgorhythm“ · „Laibach Medley (Musick Intermezzo)“ · „Luigi intro“ · „Luigi Mangione“ · „Modern Talking“ · „Bossanova“ · „Yes Maybe No“ · „Singularity“ · „Memorabilia“ · „Das göttliche Kind“ ··· „Make Your Own Kind of Music“ (The Will-O-Bees cover) · „Faith no More“ · „Musick remix“
Höre Laibach in unserer „Gothic-Electro-Industrial“-Playlist auf Spotify:
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