MYSTIGMA im Interview (Teil 1/2)

Wir sprechen mit Jörg und Torsten Bäumer über das neue Mystigma-Album „Gloomtown Radio“. Aber Moment mal, gibt es 2025 nicht auch ein besonderes Jubiläum zu feiern? – Immerhin existiert die Band unter diesem Namen nun schon seit 20 Jahren. Die gemeinsame musikalische Vergangenheit geht aber viel weiter zurück …
Neuanfang?
Orkus: Ich habe gesehen, dass Mystigma 2025 ja sein 20-jähriges Bestehen feiert. Seht ihr das überhaupt so? Immerhin wurde Tears of Mystigma schon 1993 gegründet, hat sich seither weiterentwickelt, aber bis auf die Kürzung des Namens blieb die Essenz ja doch immer bestehen. Oder? Wie kam es denn überhaupt zur Namensänderung damals?
Jörg Bäumer: Wir haben fast nur beiläufig bemerkt, dass 2025 das 20-jährige Jubiläum unter der Mystigma-Flagge war. Das liegt daran, dass wir auf so etwas nur wenig Wert legen. Also Zahlen, Jubiläen etc. sind für uns nicht wichtig. Obwohl es mit dem Release unseres neuen Albums schließlich doch ganz passend war. Die Zeit davor gehört zu uns und wir verleugnen sie auch nicht. Als wir in den 1990ern anfingen, waren wir noch sehr jung und haben überwiegend nur Lärm gemacht mit weniger Ambitionen nach höherem. In der Retrospektive war das zum Teil manchmal etwas schräg. Das änderte sich dann um die Jahrtausendwende, wo wir auch erstmals auf Festivals spielten und mit bekannten Künstlern in Kontakt kamen. Nach einer gewissen turbulenten Findungsphase in unserem Leben, musikalisch wie auch privat, haben wir dann 2005 eine Art Neuanfang gemacht. Der Bandname war uns damals zu lang und kitschig, weshalb wir das gekürzt haben. Tatsächlich war dieser Schritt damals gar nicht so unmutig, da wir uns unter dem alten Namen schon ein gewisses Standing im Underground erarbeitet hatten.
Wandel
O: Wenn ihr so an eure Anfänge zurückdenkt … was sind die größten Unterschiede im Vergleich zu euren Bandanfängen?
JB: Ganz zu Beginn hatte man noch viel mehr Möglichkeiten live zu spielen. Es gab noch viele kleinere Clubs, die regelmäßig Konzerte organisiert haben. Wir waren mit Bands befreundet und man hat sich gegenseitig zu Konzerten eingeladen. Das hat immer gut funktioniert und viele, die damals aktiv waren, kennen das auch noch. Im Grunde hat sich der ganze Live-Sektor komplett gewandelt; Clubs haben geschlossen, die Kartenverkäufe bei kleineren Bands sind oftmals nicht gut genug, so dass Gigs oder ganze Touren gecancelt werden müssen etc.
Heute gibt es auch viel mehr Bands wie früher. Die Möglichkeiten selbst etwas zu produzieren und zu veröffentlichen, haben sich durch den digitalen Fortschritt fundamental gewandelt.
Heutzutage wird ja unfassbar viel Musik auf dem Markt geschleudert, alleine auf Spotify kommen täglich ca. 100.000 Songs hinzu. Dann gibt es das Thema KI in der Musik, wo noch niemand genau weiß wo das Ganze hinführen wird.
Wir als Musiker und Menschen sind auch gereifter, reflektierter und besser geworden.
Fürs Ohr: Tiefe und Power
O: Wie kam es zur Entscheidung, dass „Gloomtown Radio“ das Titellied werden soll?
Torsten Bäumer: Ich bin der Meinung, dass „Gloomtown Radio“ ein zentraler Song auf dem Album ist, der alles, was Mystigma ausmacht, miteinander vereint. Diese Melancholie und Tiefe, aber auch Härte und Power. Der Songtitel und die Idee für den Text standen schon bevor der Song geschrieben wurde. Als Jörg mir den Song dann präsentierte, war mir relativ schnell klar, dass dieser Song „Gloomtown Radio“ sein würde und dann auch gleichzeitig der Albumtitel sein soll.
Fürs Auge: Atmosphäre
O: Sehr stimmungsvoll ist auch das Albumcover. Welche Gedanken stecken dahinter?
TB: Im Idealfall repräsentiert ein Albumcover die musikalische und textliche Ausrichtung eines Albums. Das war mir schon immer wichtig. Man sieht auf dem Cover diese atmosphärische Landschaft, einen Raben und eben dieses puppenartige Mädchen mit dem „Gloomtown Radio“. Es soll eine nachdenkliche und dunkle Atmosphäre, aber auch Hoffnung verkörpern. Dieses Konzept setzt sich auf dem Backcover und im Inlay fort. Ein atmosphärisches Artwork, welches gut zur Musik und den Texten passt, war uns schon immer wichtig.

Experimentell
O: Das Album beginnt wunderbar melancholisch mit „Fremdes Ich“. Wie ist dieser Song entstanden?
JB: Nicht anders als alle anderen. Am Anfang steht immer eine Idee, von der man nicht sofort weiß, ob daraus was Gutes wird. Bei „Fremdes Ich“ war es das akustische Gitarrenthema, das als Ausgangspunkt diente. Darüber habe ich ein Sample gebastelt und den Song weitergeführt. Der Song ist recht kurz geraten und hat eine aus meiner Sicht dystopische Atmosphäre. Der Text passt sehr gut zur Musik. An sich ist es kein typischer Opener, sondern ein wenig experimenteller. Wir fanden es spannend, die Platte damit zu eröffnen.
Prägende Melancholie
O: Die Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch eure Diskografie. Würdet ihr euch selbst als melancholisch bezeichnen?
TB: Wir sind sicherlich keine „Trauerklöße“, die zum Lachen in den Keller gehen, sondern einfach nachdenkliche Menschen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen. Aber jeder, der uns kennt, weiß, dass wir auch durchaus kommunikativ und humorvoll sind. Wenngleich unser Humor manchmal ziemlich schwarz sein kann. Aber das passt dann ja auch wieder zur Musik. Ha, ha. Wir haben einfach dieses Faible für diesen melancholischen Düstersound, der uns bereits früh in den Neunzigern geprägt hat. Ich denke da an Bands wie Type O Negative oder Paradise Lost.
O: … Inwiefern ist das aber vielleicht gerade etwas Gutes?
TB: Ich glaube, dass nachdenkliche Menschen eher Empathie für ihre Mitmenschen entwickeln können, als oberflächliche Menschen. Das ist zumindest mein Gefühl.
Vergänglich wertvoll
O: Das Bild, im Ascheregen zu tanzen, wie es „In Memoriam“ gesungen wird, finde ich besonders gelungen. Also den Untergang quasi mit einem Lächeln – oder eben Tanz – entgegenblicken. Wenn man so will, ein positiver Ansatz, oder? Könnt ihr das tatsächlich so sehen?
TB: Ja, das sehen wir tatsächlich auch so. „In Memoriam“ zeichnet das Bild eines Lebens, dessen Seelenfrieden durch gesellschaftliche Erwartungen und tiefe innere Zweifel erschüttert wurde. Doch in der Erinnerung offenbart sich: Auch ein unscheinbares Leben birgt Spuren von Bedeutung. Zart, vergänglich und doch von unbestreitbarem Wert.
O: Wenn morgen die Welt untergehen würde, wie würdet ihr euren letzten Tag auf Erden verbringen?
JB: Mit der Familie, mit allen, die man liebt. Schöne Stunden verbringen, voller Harmonie, ohne Groll und Enttäuschung auf andere oder verpasste Chancen im Leben. Im Reinen sein mit sich und akzeptieren was kommt.
Kalt!
O: In „Erfroren“ kommt für mich auch eine gewisse innere Kälte zum Tragen. Ich weiß nicht, ob ich mich da zu weit aus dem Fenster lehne, aber könnte man das auch als Spiegel der Gesellschaft sehen? In der mehr Schein als Sein herrscht?
TB: Ja, das hast du sehr gut erkannt und interpretiert. Es geht um eine Person, die schon sehr früh schicksalhafte Erfahrungen gemacht hat und dadurch in der „Kälte und Oberflächlichkeit der Gesellschaft“ immer mehr den Halt verliert, bis sie quasi „innerlich erfroren“ ist.
Im Rampenlicht
O: Was hat es mit „Gegengift“ auf sich? – Und was macht das Rampenlicht mit euch?
TB: Um ehrlich zu sein, genießen wir das Rampenlicht, wenn wir denn in diesem stehen, Ha, ha. Wer möchte nicht gerne Aufmerksamkeit, wenn er Musik macht oder eine andere Form der Kunst betreibt? Es geht in dem Song aber eher um die „Sucht nach Aufmerksamkeit“. Hat man sie einmal, kann man sich ihr nur schwer wieder entziehen. Der Song beschreibt eine Art „Abhängigkeitsstrudel“, in den man gelangen kann und für den es kein „Gegengift“ gibt. Das ist ja heute auch ein immer mehr zu beobachtendes Phänomen, wenn quasi die gesamte Existenz nur noch von Social Media dominiert wird. In dem Song befinden sich einige harte und absichtlich überzogene Methapern. Das ist durchaus so gewollt, um auch die Ernsthaftigkeit dieses Themas zu unterstreichen.
Im nächsten Teil sprechen wir mit Mystigma über okkulte Romantik, Inspiration und Wahnsinn und vieles mehr.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Line-up:
Torsten Bäumer – Gesang, Lyrics
Jörg Bäumer – Gitarren, Keyboards
Stephan Richter – Bass
Malte Hagedorn – Schlagzeug
Lies die Review zu „Gloomtown Radio“:
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