So war es beim NCN-Festival (1/3) mit MELOTRON, JESUS ON EXTASY u.v.m.

19. Nocturnal Culture Night | 4.–6. September 2026 | Kulturpark Deutzen

Wenn der September schwarz trägt

Es gibt Orte, die verändern sich nicht, obwohl die Jahre unaufhaltsam an ihnen vorbeiziehen. Der Kulturpark Deutzen gehört dazu. Anfang September erwacht das Gelände südlich von Leipzig aus seiner sommerlichen Beschaulichkeit, und zwischen alten Bäumen, verschlungenen Wegen und kleinen Bühnen kehrt eine Gesellschaft ein, die sich in der Dunkelheit ausgesprochen wohlfühlt.

Schwarze Stiefel knirschen über den Kies, Lederjacken und lange Mäntel begegnen Spitzenkleidern, während irgendwo bereits die ersten elektronischen Basslinien durch das Laub kriechen. Man umarmt Menschen, die man seit einem Jahr nicht gesehen hat, und setzt Gespräche fort, als hätte es die vergangenen zwölf Monate nie gegeben.

Deutzen ruft. Und die schwarze Szene kommt nach Hause.

Freitag, 4. September 2026

Wenn der Sommer noch einmal schwarz trägt

Der erste Festivaltag beginnt mit jener entspannten Unruhe, die nur ein Wiedersehen nach langer Zeit auslösen kann. Zwischen den Bühnen werden Hände geschüttelt, Umarmungen verteilt und erste musikalische Pläne geschmiedet. Noch liegt warme Septemberluft über Deutzen. Der Himmel zeigt sich freundlich – zumindest solange, bis ihm offenbar jemand den falschen Musikwunsch erfüllt.

Extize – Elektroschock mit eingebautem Wahnsinn

15.30 Uhr. Auf der Waldbühne drehen Extize den elektronischen Wahnsinn auf Betriebstemperatur. Harte Beats, schrille Synthesizer und eine gehörige Portion schwarzer Humor verschmelzen zu einem überdrehten Electro-Spektakel. Hier wird nicht lange um Aufmerksamkeit gebettelt. Die Musik springt einen förmlich an und grinst dabei ziemlich unverschämt.

HORSKH – Französischer Industrial mit rostigen Zähnen

Zeitgleich zerlegen HORSKH auf der Parkbühne die musikalische Komfortzone. Die Franzosen lassen Industrial, Metal und verzerrte Elektronik aufeinanderprallen, bis aus Gitarren und Maschinen ein ziemlich unfreundliches Biest entsteht. Roh, kantig und mit jener Aggressivität ausgestattet, die empfindliche Ohren besser zu Hause lässt.

Vanguard – Melancholie mit Tanzflächenanschluss

Um 16.10 Uhr wird es auf der Amphibühne gefühlvoller. Vanguard aus Schweden verbinden melodischen Synthpop mit warmen Klangflächen und eingängigen Refrains. Ihre Musik trägt diese bittersüße Melancholie in sich, die man nicht abschütteln möchte, sondern lieber mit auf die Tanzfläche nimmt.

Jesus on Extasy – Wenn Gitarren elektronische Sünden begehen

17 Uhr. Auf der Waldbühne lassen Jesus on Extasy die Gitarren wieder von der Leine. Industrial Rock, elektronische Kälte und eingängige Melodien treffen aufeinander, während verzerrte Riffs für die nötigen schmutzigen Kanten sorgen. Ein Sound, der lieber in dunklen Clubs schwitzt, als sich im musikalischen Hochglanzstudio die Haare zu richten.

Hinfort – Dunkle Gedanken auf musikalischen Seitenwegen

Parallel dazu schlägt Hinfort auf der Parkbühne leisere Töne an. Elektronische Elemente und melancholische Stimmungen entfalten eine eigentümliche Atmosphäre, die sich wohltuend vom härteren Treiben der anderen Bühnen absetzt. Manchmal genügt ein dunkler Gedanke, um musikalisch weiter zu reisen als mit hundert Dezibel.

Christian von Aster – Boshaftigkeit in schönster Satzform

Auch auf der Lesebühne wird es um 17 Uhr finster. Christian von Aster verbindet groteske Fantasie mit sprachlicher Eleganz und einer ausgesprochen gesunden Portion Boshaftigkeit. Seine Geschichten sind bisweilen so herrlich verschroben, dass man sich fragt, ob dieser Mann eigentlich jemals einen vollkommen normalen Gedanken hatte. Hoffentlich nicht.

Melotron – Wenn Erinnerungen elektronische Beine bekommen

17.50 Uhr. Auf der Amphibühne holen Melotron jene besondere Form der Melancholie hervor, die sich seit Jahrzehnten zuverlässig in den Herzen der Szene festgesetzt hat. Eingängige Melodien, klare elektronische Strukturen und Texte zwischen Sehnsucht und Nachdenklichkeit prägen ihren unverwechselbaren Sound. Die Berliner verstehen es, Erinnerungen in Bewegung zu verwandeln und dabei jene besondere Wärme zu bewahren, die ihre Musik seit Jahren auszeichnet.

Pankow – Maschinen kennen keinen Ruhestand

18.55 Uhr. Auf der Waldbühne steht mit Pankow ein Stück europäischer Electro-Geschichte. Die italienischen Pioniere setzen noch immer auf kantige Elektronik, rohe Rhythmen und eine musikalische Haltung, die sich nie vollständig zähmen ließ. Die Maschinen mögen alt sein. Ihre Zähne sind es offensichtlich nicht.

Atlas Bird – Eine Violine zwischen dunklen Gitarren

Zeitgleich öffnen Atlas Bird auf der Parkbühne ein Fenster in eine andere musikalische Landschaft. Gitarren, Gesang und Violine verweben sich zu melancholischen Arrangements, deren besondere Schönheit gerade in den leisen Zwischentönen liegt. Die Violine zieht feine Linien durch die dunklen Gitarren und verleiht den Stücken eine beinahe zerbrechliche Tiefe.

Elinborg – Wenn musikalisches Talent in der Familie liegt

20.05 Uhr. Auf der Amphibühne wartet eine meiner schönsten Überraschungen des Freitags. Elinborg stammt von den Färöer-Inseln und ist die jüngere Schwester von Eivør. Offenbar wurde in dieser Familie musikalisches Talent nicht mit dem Teelöffel verteilt. Ihre dunkle Elektronik verbindet sich mit nordisch geprägten Klangfarben und einer Stimme, die zwischen zerbrechlicher Schönheit und ursprünglicher Kraft pendelt. Die Musik wirkt geheimnisvoll, beinahe archaisch, und besitzt dennoch eine moderne Eigenständigkeit. Elinborg steht längst nicht mehr im Schatten ihrer berühmten Schwester. Sie erschafft ihre eigene Dunkelheit. Und die klingt verdammt faszinierend.

L’Âme Immortelle – Wenn der Himmel schwarze Laune bekommt

Um 21.25 Uhr beginnt auf der Waldbühne der Auftritt von L’Âme Immortelle. Die österreichische Formation steht seit Jahrzehnten für große Gefühle zwischen Gothic und dunkler Elektronik. Doch wenige Minuten nach Beginn entscheidet sich der Himmel für eine eigene, ziemlich unbarmherzige Inszenierung.

Heftiger Regen prasselt über den Kulturpark, Wind treibt das Wasser zwischen die Bühnen, und innerhalb kürzester Zeit verwandelt sich der spätsommerliche Festivalabend in eine nasse Belastungsprobe. Auch die Technik bleibt nicht verschont; im weiteren Verlauf kommt es zu Unterbrechungen und Problemen mit der Stromversorgung. Für mich ist der Zeitpunkt gekommen, die Kameraausrüstung in Sicherheit zu bringen. Ein durchnässter Fotograf lässt sich schließlich wieder trocknen. Bei teurer Kameraausrüstung gestaltet sich diese Form der Wiederbelebung deutlich komplizierter.

So verpasse ich die späteren Auftritte von Girls Under Glass auf der Amphibühne und Sierra Veins auf der Parkbühne. Besonders bedauerlich ist das bei Girls Under Glass, die 2026 auf vier Jahrzehnte Bandgeschichte zurückblicken. Aber selbst die größte musikalische Leidenschaft hat gelegentlich ihre Grenzen. Und manchmal verlaufen diese direkt zwischen Kameragehäuse und Regenwasser.

Freitagsnachklang – Wenn Erinnerungen nicht ins Wasser fallen

Der erste Tag hat alles, was das NCN ausmacht: elektronische Eskalation, melancholische Melodien, musikalische Eigenwilligkeit und eine Entdeckung, die besonders hängen bleibt.Elinborg gehört für mich zu den schönsten Überraschungen des Wochenendes. Ihre Stimme trägt etwas Ungewöhnliches in sich, das sich nur schwer beschreiben, dafür aber umso leichter fühlen lässt. Der Regen beendet meinen Konzertabend früher als geplant. Doch er spült die Eindrücke nicht fort. Deutzen hat seinen schwarzen Himmel bekommen. Nur etwas mehr davon, als irgendjemand bestellt hatte.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann

In Kürze setzen wir den Konzertbericht fort.

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