So war es beim NCN-Festival (2/3) mit THE BEAUTY OF GEMINA, ACTORS, SAMSAS TRAUM u.v.m.

19. Nocturnal Culture Night | 4.–6. September 2026 | Kulturpark Deutzen
Samstag, 5. September 2026
Den ersten Teil kannst Du hier nachlesen.
Zwischen nassen Wegen und musikalischen Abgründen
Der Kulturpark hat die nächtliche Dusche überstanden. Noch glänzen feuchte Wege zwischen den Bäumen, doch die ersten elektronischen Rhythmen treiben die Müdigkeit aus den Knochen. Die Kameras sind wieder einsatzbereit, die Stiefel hoffentlich halbwegs trocken. Und wer glaubt, nach dem Freitag würde das NCN einen Gang zurückschalten, kennt dieses Festival offenbar schlecht.
AMBASSADOR21 – Elektronischer Zorn ohne Vorwarnung
12.20 Uhr. Auf der Amphibühne reißen AMBASSADOR21 die musikalische Tür gleich aus den Angeln. Digital Hardcore, Industrial und Punk verschmelzen zu einem aggressiven Gemisch aus verzerrten Beats und ungezügelter Wut. Ein Auftakt, der die letzten Reste morgendlicher Müdigkeit ziemlich unsanft entsorgt.
Paganland – Alte Geschichten unter dunklen Bäumen
Zeitgleich führt Paganland auf der Kulturbühne in ruhigere Gefilde. Folkloristische Einflüsse und eine erdige Atmosphäre lassen Bilder vergangener Zeiten entstehen. Während wenige Schritte entfernt die Elektronik randaliert, erzählen hier die Melodien ihre eigenen, dunkleren Geschichten.
Strikkland – Belgische Maschinen mit scharfen Kanten
13 Uhr. Auf der Waldbühne lassen Strikkland die Sequencer arbeiten. Klassischer EBM trifft auf kühle Synthesizer und stampfende Rhythmen. Der Sound ist kantig, direkt und angenehm frei von elektronischem Zuckerguss. Musik für Menschen, die ihre Tanzfläche lieber im Halbdunkel mögen.
AD:KEY – EBM braucht keine Gebrauchsanweisung
13.40 Uhr. Auf der Amphibühne übernehmen AD:KEY mit schnörkellosem Oldschool-EBM. Markante Stimmen, treibende Basslinien und eine ordentliche Portion Spielfreude erinnern daran, dass gute elektronische Körpermusik weder kompliziert noch besonders höflich sein muss.
The Awakening – Schwarze Romantik, die nicht altert
14.30 Uhr. Auf der Waldbühne wartet einer meiner persönlichen Höhepunkte. Ashton Nytes besitzt diese seltene Fähigkeit, Gothic Rock gleichzeitig düster, elegant und beinahe tröstlich klingen zu lassen. Seine tiefe Stimme trägt Sehnsucht und Verletzlichkeit, während melancholische Gitarren die passenden Schatten zeichnen. Was mich besonders begeistert, ist diese souveräne Gelassenheit. Hier wird nichts künstlich aufgeblasen. Nytes braucht keine großen Gesten, um musikalische Präsenz zu zeigen. The Awakening beweisen einmal mehr, dass guter Gothic Rock nicht altert. Er sammelt Geschichten.
Schöngeist – Dunkler Rock mit aufgerissenen Gefühlen
15.20 Uhr. Auf der Amphibühne bringen Schöngeist die Gitarren zurück ins Spiel. Deutschsprachige Texte zwischen Schmerz, Sehnsucht und inneren Konflikten treffen auf Gothic Rock und moderne Härte. Mal melodisch, mal rau, aber stets mit genügend Ecken, um nicht im musikalischen Mittelmaß zu verschwinden.
Container 90 – Schwedischer EBM mit Punk im Blut
16.25 Uhr. Die Waldbühne wird zum elektronischen Maschinenraum. Container 90 liefern klassischen EBM mit rotziger Punkattitüde, stampfenden Sequenzen und rauen Stimmen. Der Sound ist bewusst ungeschliffen und macht keinerlei Anstalten, sich bei irgendjemandem für seine Direktheit zu entschuldigen.
Debdepan – Melancholie im Gitarrenrauch
Parallel dazu ziehen Debdepan auf der Parkbühne ihre melancholischen Kreise. Das britische Duo verbindet Post-Punk, Shoegaze und dunklen Alternative-Sound zu einer Mischung aus verhallten Gitarren und eindringlichem Gesang. Musik, die sich langsam unter die Haut schiebt, statt gleich die Tür einzutreten.
Menticide – Kalte Präzision aus Schweden
17.30 Uhr. Auf der Amphibühne setzen Menticide auf treibenden EBM, schneidende Synthesizer und elektronische Direktheit. Die Schweden lassen ihre Maschinen mit jener kühlen Konsequenz arbeiten, die keinen Raum für überflüssige Verzierungen lässt.
Darkwood – Die Schönheit der leisen Dunkelheit
Zur gleichen Zeit wartet auf der Kulturbühne einer meiner persönlichen Favoriten. Darkwood erschaffen mit akustischen Instrumenten, ernsten Melodien und einer beinahe zeitlosen Atmosphäre eine Welt, die weit entfernt vom elektronischen Maschinenlärm liegt. Ihre Musik drängt sich nicht auf. Sie schleicht sich heran, setzt sich neben einen und beginnt Geschichten zu erzählen, die irgendwo zwischen Erinnerung und Vergänglichkeit zu Hause sind. Gerade diese Zurückhaltung macht den Auftritt so besonders. Manchmal sind die leisesten Töne diejenigen, die am längsten bleiben.
The Beauty of Gemina – Dunkle Eleganz mit scharfer Kontur
18.30 Uhr. Auf der Waldbühne stehen The Beauty of Gemina, und einmal mehr zeigt sich, weshalb Michael Sele zu den prägenden Stimmen des modernen Gothic Rock gehört. Seine markante Stimme trägt melancholische Melodien durch dunkle Gitarrenlandschaften, während elektronische Elemente den Songs zusätzliche Tiefe verleihen. Alles wirkt souverän, durchdacht und zugleich voller Gefühl. Hier braucht niemand mit künstlicher Dramatik um Aufmerksamkeit zu kämpfen. The Beauty of Gemina besitzen eine musikalische Klasse, die sich nicht erzwingen lässt. Ein weiterer Höhepunkt dieses Samstags.
Lovataraxx – Kaltes Neonlicht aus Frankreich
Zeitgleich öffnen Lovataraxx auf der Parkbühne die Türen zu einer unterkühlten elektronischen Welt. Minimal-Synth und Coldwave treffen auf hypnotische Rhythmen und melancholische Klangflächen. Musik wie ein nächtlicher Spaziergang durch eine fremde Stadt, in der hinter jedem Fenster eine andere Geschichte wartet.
Markus Heitz – Monster brauchen keine Verstärker
Um 18.30 Uhr gehört auch die Lesebühne einem bekannten Namen. Markus Heitz führt mit seinen Geschichten in dunkle Fantasy-Welten voller ungewöhnlicher Gestalten und menschlicher Abgründe. Eine willkommene Erinnerung daran, dass sich Gänsehaut auch ganz ohne elektronische Verzerrung erzeugen lässt.
Samsas Traum / Weena Morloch – Ein Blick in Kaschtes Abgründe
19.45 Uhr. Auf der Amphibühne öffnet Alexander Kaschte sein musikalisches Kuriositätenkabinett. Samsas Traum und Weena Morloch stehen für düstere Fantasien, elektronische Härte und groteske Erzählkunst. Hier begegnen sich schwarze Romantik und musikalischer Wahnsinn auf Augenhöhe.
Les Chasseurs de la Nuit – Die Nacht jagen?
Nur zehn Minuten später wird es auf der Kulturbühne wieder eigenwilliger. Les Chasseurs de la Nuit führen in experimentellere Gefilde dunkler Musik. Das Projekt ist ein Nebenprojekt von Kim Larsen, den viele durch Of the Wand & the Moon kennen. Hier zeigt sich eine experimentellere Seite des dänischen Musikers. Ungewöhnliche Klangideen und eine eigentümliche Atmosphäre lösen sich von vertrauten Neofolk-Mustern und eröffnen neue Perspektiven. Gerade diese musikalische Unberechenbarkeit macht den Auftritt für mich reizvoll. Man weiß nicht immer, wohin die Reise führt. Aber genau deshalb möchte man mitkommen.
SKYND – Der Albtraum trägt ein Mikrofon
21 Uhr. Auf der Waldbühne beginnt einer jener Auftritte, bei denen gewöhnliche Konzertunterhaltung endgültig Feierabend hat. SKYND verwandelt reale Kriminalfälle in verstörende Klangbilder aus Industrial, Dark Electro und theatralischer Finsternis. Verzerrte Stimmen, harte Rhythmen und eine beklemmende Inszenierung erschaffen eine Welt, in der menschliche Abgründe musikalische Gestalt annehmen. Das ist unbequem, faszinierend und von einer Konsequenz, die man nur selten erlebt. SKYND bleiben sich treu. Keine freundliche Gothic-Romantik, keine musikalischen Sicherheitsnetze. Stattdessen eine dunkle Reise dorthin, wo man lieber nicht allein unterwegs sein möchte. Und wie jedes Mal bleibt mir nur ein Wort: WOW!
ACTORS – Neonmelancholie aus Kanada
Parallel zu SKYND ziehen ACTORS auf der Parkbühne ihre dunklen Kreise. Die Kanadier verbinden Post-Punk, Darkwave und Coldwave zu einem eleganten Mix aus treibenden Basslinien und schimmernden Gitarren. Musik wie eine nächtliche Autofahrt durch eine Stadt, in der sämtliche Ampeln auf Melancholie stehen.
Nik Kershaw – Wenn der Fahrplan den Headliner besiegt
22.30 Uhr. Auf der Amphibühne steht mit Nik Kershaw einer der ungewöhnlichsten Namen des gesamten Festivals auf dem Programm. Seine großen Achtzigerjahre-Hits hätten einen wunderbaren Kontrast zum dunklen Samstag geboten. Doch der letzte passende Zug nach Leipzig kennt keine musikalische Gnade. Also bleibt mir dieser Auftritt leider verwehrt. Manchmal gewinnt eben nicht der Headliner. Sondern die Deutsche Bahn.
Samstagsnachklang – Von leiser Poesie und lauten Abgründen
Der Samstag zeigt das NCN von seiner vielleicht vielseitigsten Seite. The Awakening und The Beauty of Gemina überzeugen mit musikalischer Souveränität, Darkwood und Les Chaussures de la Nuit öffnen Türen zu anderen Klanglandschaften. Und SKYND liefern eine Inszenierung, die man nicht einfach mit dem letzten Ton hinter sich lässt. Zwischen elektronischem Zorn und dunkler Poesie liegt an diesem Tag manchmal nur ein kurzer Spaziergang. Ein verdammt guter Samstag.
Photos: Thomas Friedel Fuhrmann
In Kürze setzen wir den Festivalbericht fort.
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