AGE OF LIFE im Interview (2/2)

Mit Age of Life öffnet Chris Burda ein musikalisches Universum, das sich über Millionen von Jahren erstreckt. Inspiriert von der Evolution des Lebens auf der Erde, verbindet sein Soloprojekt atmosphärische Klanglandschaften mit einer Geschichte von Entstehung, Wachstum, Krisen und Neubeginn. „Emergence – Part I“ bildet dabei den ersten Teil eines langfristig angelegten Konzepts, in dem wissenschaftliche Zeitgeschichte auf persönliche Bilder und Emotionen trifft. Im Gespräch erzählt Chris Burda, wie aus der Idee eines Soloprojekts ein eigenes musikalisches Universum entstand und warum sich die Geschichte von Age of Life bewusst nur Stück für Stück entfaltet.
Orkus: Es ist beeindruckend, wie stark die Bilder sind, die du mit den einzelnen Stücken zeichnest. – Und das ganz ohne Text. War von Anfang an klar, dass auch Age of Life keine Wörter braucht?
Chris Burda: Ja, das war tatsächlich sehr früh klar. Obwohl ich mit Age of Life musikalisch bewusst neue Wege gehe, war für mich schnell spürbar, dass Worte dieses Projekt eher einengen als erweitern würden. Das Konzept beschäftigt sich mit Zeiträumen, die weit außerhalb menschlicher Erinnerung liegen. Es geht um Welten, für die es keine Zeugen mehr gibt, um Landschaften, Lebensformen und Ereignisse, die wir nur rekonstruieren können. Instrumentale Musik gibt mir die Möglichkeit, diesen Raum offen zu lassen. Ein Text würde automatisch eine sehr konkrete Perspektive vorgeben. Der Hörer würde einer Geschichte folgen, die bereits definiert ist. Ohne Worte kann jeder seine eigenen Bilder entwickeln. Das empfinde ich gerade bei diesem Projekt als wichtig. Vielleicht sieht jemand beim Hören eine urzeitliche Landschaft, während jemand anderes eher etwas Persönliches darin erkennt. Beides ist für mich vollkommen richtig. Instrumentale Musik hat für mich deshalb eine besondere Freiheit. Sie kann sehr konkret in ihrer emotionalen Wirkung sein, ohne genau zu erklären, warum.
O: Auch schön ist der Kontrast zwischen dem blühenden Leben und dann kommt langsam bedrohlich der erste Kollaps, die erste Auslöschung … und dann findet das Leben wieder einen Weg. Gibt es Klänge oder Instrumente, die du ganz bewusst mit bestimmten Entwicklungsstufen des Lebens verbunden hast?
CB: Ja, teilweise, wobei ich versucht habe, keine zu eindeutige musikalische Symbolik zu verwenden. Es gibt keine feste Formel nach dem Motto: Dieses Instrument steht für Leben, dieses für Zerstörung. Aber bestimmte Klangwelten haben sich während des Schreibprozesses ganz natürlich mit bestimmten Entwicklungsphasen verbunden. Die frühen Stücke von „Emergence – Part I“ sind oft offener und luftiger. Synthesizerflächen, pulsierende Sequenzen und bewegte Gitarrenstrukturen erzeugen für mich ein Gefühl von Raum, Wachstum und Möglichkeiten. Mit zunehmender Entwicklung wird die Musik teilweise dichter und komplexer. Mehr Schichten treffen aufeinander, Rhythmen werden präsenter und die Strukturen verdichten sich. Das spiegelt für mich die zunehmende Komplexität des Lebens wider. Später verändert sich diese Klangwelt wieder. Bei „The First Collapse“ oder „Extinction I“ wird vieles reduzierter, dunkler und fragmentierter. Dort spielen auch Verzerrungen, tiefe Frequenzen und größere Räume eine stärkere Rolle. Interessant ist, dass „After the Silence“ danach nicht einfach wieder zu dem Klang des Anfangs zurückkehrt. Ein Neubeginn ist schließlich keine Wiederholung dessen, was vorher war. Etwas hat sich verändert. Diese Entwicklung war mir wichtig: Selbst musikalisch sollte das Album nach dem Kollaps nicht einfach wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehren.
O: Du veröffentlichst die Songs über einen längeren Zeitraum. Warum wolltest du den Hörern die Geschichte nicht in Form eines fertigen Doppelalbums präsentieren, sondern „häppchenweise“?
CB: Gerade weil das Projekt so stark von Zeit und Entwicklung handelt, erschien mir eine langsame Veröffentlichung sehr passend. Ein fertiges Doppelalbum hätte dem Hörer natürlich sofort das gesamte Bild gezeigt. Aber Age of Life lebt für mich auch davon, dass sich Dinge nach und nach offenbaren.
Ich wollte, dass jede Veröffentlichung für einen Moment ihren eigenen Raum bekommt. Ein einzelner Song kann entdeckt werden, bevor er später Teil eines größeren Zusammenhangs wird. Natürlich widerspricht das ein wenig der klassischen Idee, möglichst viel Material schnell verfügbar zu machen. Aber genau das wollte ich bewusst vermeiden. Wir konsumieren Musik heute oft sehr schnell. Ein Album erscheint, man hört es vielleicht ein paar Mal und kurz darauf wartet bereits die nächste Veröffentlichung. Mit Age of Life möchte ich den umgekehrten Weg gehen. Die Geschichte darf sich entwickeln. Die einzelnen Singles, EPs und später die Alben sind wie Fragmente, die nach und nach zusammengesetzt werden. Erst mit der Zeit entsteht ein vollständigeres Bild. Für mich ist das keine klassische Release-Kampagne, sondern Teil des Kunstwerks selbst.
O: Hast du bereits das Ende von im Kopf, oder darf sich die Geschichte bis „Transformation – Part II“ noch verändern?
CB: Das große Ende steht grundsätzlich fest. Die beiden Alben und die übergeordnete Entwicklung des Projekts waren relativ früh als zusammenhängender Bogen angelegt. Ich weiß also, wohin die Reise führen soll. Aber innerhalb dieses Rahmens darf sich natürlich vieles verändern. Gerade weil zwischen den ersten Veröffentlichungen und dem Abschluss des Projekts viel Zeit liegt, möchte ich mir die Freiheit lassen, auf Entwicklungen zu reagieren – musikalisch, emotional und vielleicht auch persönlich. Ich glaube, ein langfristiges Konzept darf nicht zu einem starren Bauplan werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man irgendwann nur noch versucht, einen Plan abzuarbeiten, den man Jahre zuvor gemacht hat. Das Fundament steht, aber die Details dürfen sich entwickeln. Das passt letztlich auch sehr gut zum Thema des Projekts. Evolution folgt keinem fertigen Drehbuch. Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Parallelen zwischen dem Konzept und seinem Entstehungsprozess: Auch Age of Life selbst befindet sich während seiner Veröffentlichung noch in Bewegung.
O: Wenn du einen einzigen Moment der Erdgeschichte selbst erleben könntest – welchen würdest du wählen?
CB: Ich glaube, ich würde mich für einen Moment während des Kambriums entscheiden. Diese Zeit fasziniert mich besonders, weil innerhalb eines vergleichsweise kurzen geologischen Zeitraums plötzlich eine unglaubliche Vielfalt an Lebensformen entstand. Die Welt muss völlig fremdartig gewesen sein – und gleichzeitig wurden in dieser Phase viele Grundlagen für das Leben geschaffen, das sich später weiterentwickeln sollte. Mich würde vor allem interessieren, wie diese Welt tatsächlich auf einen Beobachter gewirkt hätte. Wir kennen sie heute nur durch Fossilien, wissenschaftliche Rekonstruktionen und unsere eigene Vorstellungskraft. Aber zwischen dem Wissen darüber und dem tatsächlichen Erleben liegt natürlich eine gewaltige Lücke. Vielleicht wäre genau das der spannendste Moment: eine Welt zu sehen, die gleichzeitig der Beginn von etwas Vertrautem und doch vollkommen fremd wäre. Und wahrscheinlich würde ich ziemlich schnell feststellen, dass ich mich dort besser nicht zu lange aufhalten sollte. (lacht)
O: Welches Zeitalter würdest du definitiv nicht besuchen wollen?
CB: Da gibt es einige Möglichkeiten. (lacht) Ich glaube, eines der großen Massenaussterben wäre definitiv kein besonders angenehmer Zeitpunkt für eine Zeitreise. Besonders das Ende des Perms fasziniert und erschreckt mich zugleich. Es war eine der größten Krisen in der Geschichte des Lebens, in der ein enormer Teil der damaligen Arten verschwand. Was mich daran interessiert, ist die Vorstellung, dass eine Welt, die über Millionen von Jahren existiert und stabil erscheint, innerhalb eines geologisch kurzen Zeitraums vollständig verändert werden kann. Aber erleben möchte ich das vermutlich nicht. Grundsätzlich zeigt gerade diese Phase etwas, das mich auch für Age of Life interessiert: Evolution ist keine gerade Linie. Entwicklung bedeutet nicht automatisch Fortschritt. Es gibt Wachstum, Stabilität und Vielfalt – aber genauso Zusammenbruch, Verlust und Neubeginn. Aus heutiger Perspektive sehen wir diese Ereignisse als Kapitel einer langen Geschichte. Für die Lebewesen, die damals existierten, war es allerdings ihre Gegenwart. Vielleicht macht genau dieser Gedanke solche Zeitalter so eindringlich.
Claudia Zinn-Zinnenburg
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