PUSCIFER im Interview (1/2)

Photo: Travis Shinn

Hinter Puscifer steckt Fronter Maynard James Keenan (Tool, A Perfect Circle). Seit dem zehnjährigen Bestehen der Formation wirkten auch Danny Lohner (Nine Inch Nails), Brad Wilk (Rage Against the Machine) oder Tim Commerford mit.

Mit „Normal Isn’t“ veröffentlichen Puscifer am 06. Februar 2026 ihr fünftes Studioalbum. Fronter Maynard grinst: „Wir orientieren uns definitiv an unseren frühen Einflüssen. Es ist der Ort, an dem Goth auf Punk trifft. Es ist der Ort, aus dem ich komme. Holt eure schwarzen Lippenstifte raus, würde ich sagen.“ – Was für eine schöne Einleitung. Unser Augenmerk schweift auf Mat Mitchell, mit dem wir das folgende Interview führen.

Auf dem Kopf?

Mat erklärt seine Sicht des Titeltracks, dessen Idee von Maynard stammt: „Für mich bedeutet es das Gefühl, das ich jeden Tag habe, wenn ich aufwache und die Nachrichten lese. Es fühlt sich so an, als würde sich der Boden unter unseren Füßen bewegen. Als würde jeden Tag noch mehr passieren und mehr Dinge, die gestern nicht als normal angesehen waren, sind heute plötzlich normal.“ Besonders surreal empfindet er: „Wenn man die Geschichte liest, scheint es, als wäre die Welt schon immer irgendwie auf den Kopf gestellt gewesen. Ich denke, dass soziale Medien und die Verfügbarkeit von Nachrichten in einer Gesellschaft, die Zugang zu so vielen Informationen hat, die Infos zu einer Ware werden lassen, die an die Menschen verkauft wird. Wenn man nicht ständig die News vor Augen hat, kann man herumlaufen, den Vögeln lauschen und das Wetter genießen.“ Er fährt fort: „Ich denke, dass es wie Ebbe und Flut ist, es gibt Höhen und Tiefen, die diese Dinge beeinflussen. Aber ich habe das Gefühl, dass da eine schlechte Geschichte nach der anderen kommt und wo ist die mit den glücklichen Welpen? Es muss doch einen Ausgleich geben. Es wäre schön, etwas Ausgewogenheit zu sehen. Aber vielleicht besteht sie darin, dass man sein Handy zuhause lässt, spazieren geht und die Vögel und Schmetterlinge genießt.“

Ein bisschen verrückt

„Normal Isn’t“ könnte sich aber auch darauf beziehen, dass man schon ziemlich verrückt sein muss, ein so kompromissloses Album zu machen. Mat lächelt: „Ich kann für uns drei sagen, dass wir alle ein bisschen verrückt sind. Schon allein die Tatsache, dass wir uns entschieden haben, dies zu unserem Beruf zu machen, erfordert sicherlich ein gewisses Maß an Realitätsferne. Aber es lohnt sich. Wir lieben es, kreativ zu sein, uns selbst herauszufordern und Dinge zu tun, die uns glücklich machen. Wir versuchen immer, uns selbst zu übertreffen, Dinge zu schaffen, die für uns unerwartet sind. Wir schauen, wie sich alles zusammenfügt und versuchen, etwas Einzigartiges zu schaffen.“ Das ist ihnen mit dem neuen Album zweifelsohne gelungen. Aber spulen wir nochmal zurück: War es wirklich eine bewusste Entscheidung, Musiker zu werden? Mat überlegt: „Ich fühlte mich von Musik angesprochen. Ich liebte es, Musik zu hören. Als sich dann die Gelegenheit bot, ein Instrument zu spielen, habe ich mich definitiv dafür entschieden und total reingehängt. Für mich war als Kind die größte Hürde, nicht zu wissen, was man tut, bis ich tatsächlich etwas spielen konnte, ein Ergebnis hörte. Ich hatte den Antrieb, es irgendwie zu schaffen und die Dynamik hat sich mit der Zeit verstärkt. Sicherlich gab es Momente in meinem Leben, in denen ich mit mir selbst im Disput stand. Aber es musste einfach funktionieren, weil ich nichts anderes kann. – Weil ich alles der Musik gewidmet habe. Alles, was ich beruflich als Erwachsener getan habe, hatte irgendwie etwas mit Musik, Unterhaltung oder Kunst zu tun. Es war sicherlich eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Aber es gibt auch Momente, in denen man Rechnungen bezahlen muss und mit Auftritten vielleicht kein Geld verdient. Also versucht man, Jobs zu finden, bei denen man immer noch mit Kunst zu tun hat. Ich glaube, das hat mir geholfen, meine Grundlagen zu erweitern, und mir ein schönes, breites und solides Wissen vermittelt, sodass ich mich in all die verschiedenen Elemente einarbeiten konnte, die ich zu diesem Projekt beitrage.“

Alternativ?

Wir fragen Mat, was ihn mit der Gothic/Alternativen Szene verbindet. „Meine Kindheit war irgendwie alternativ. Es ging darum, Veranstaltungsorte zu finden, an denen man spielen konnte. Wo ich herkomme, gab es in meiner Jugend keine Goth- oder alternativen Clubs. Es gab Tanzclubs, die eher auf die Schwulenszene ausgerichtet waren und einmal pro Woche gab es einen Abend mit alternativer Musik. Die Entdeckung dieser neuen Musik fand also in Tanzclubs statt. Meine Wurzeln gehen ziemlich tief. Wir hatten nie vor, ein Goth- oder ein Alternative-Album aufzunehmen. Es ist eher eine Art Hommage an die tiefergreifenden Einflüsse, die wir alle drei haben.“

Im nächsten Teil sprechen wir mit Mat unter anderem über das Lebendigwerden von Musik.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Line-up:
Maynard James Keenan – Gesang
Carina Round – Gesang, Gitarre, Percussion
Mat Mitchell – Gitarre, Bass, Programmierung, Synthesizer, Produktion