KOSMOBERKH im Interview (2/2)

Nach acht Jahren kehren KOSMOBERKH mit „Troglobiten in Absonderlicht“, das am 06. November 2026 erscheint, zurück. Im Gespräch erzählt David Barteczko von seiner Wahlheimat Hannover, dem Gefühl, zwischen Sprachen und Identitäten aufzuwachsen, und von einem Album, das Erinnerungen, gesellschaftliche Beobachtungen und experimentelle Klangwelten miteinander verbindet. Es geht um Höhlenwesen, verlorene Diskotheken, die Kraft offener Kommunikation und darum, warum Musik trotz aller Veränderungen immer ihren Weg findet. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.
Orkus: Erinnerungen und gesellschaftliche Gegenwart scheinen auf dem Album ständig ineinanderzufließen. Besonders deutlich wird das in „Stummfilm“.
David Barteczko: Es gibt verschiedene Arten des Schweigens. In dem Stück beschäftigt mich ein Schweigen zwischen Menschen, die sich anfangs sehr nahestehen und gemeinsam an einer Geschichte mit offenem Ausgang schreiben. Beide sind von ihrem jeweiligen Ende der Geschichte überzeugt. Es kommt zum Konflikt. Was folgt, ist der Stummfilm – eine Metapher für fatale Vereinzelung, radikalisierte Visionen und Weltverlust. Der Song entstand in einer Zeit, in der mein Empfinden über sich normalisierende Gewalt und enthemmenden Hass in unserer Gesellschaft besonders stark war. Leider ist es seitdem nicht besser geworden. Trotzdem bleibt der Ausgang offen. Bei aller Schwere ist das Stück für mich ein Appell für ein Zusammenleben, in dem offene Kommunikation und gemeinsame Problemlösung hohe Güter sind.
O: Viele Stücke wirken fast wie Szenen eines Films. Denkst du beim Schreiben eher in Bildern als in einzelnen Songs?
DB: Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich mag Episodenfilme wie Kurosawas „Dreams“ oder Kieślowskis „Dekalog“. Darin gibt es verschiedene Charaktere und Handlungsverläufe, die lose miteinander verwoben sind. Beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass ich intuitiv genau in diese Richtung denke. Manchmal sind es konfliktbeladene Figuren in den Texten, manchmal Instrumentalpassagen, die die vielschichtige Erzählung des Albums vorantreiben. Ich denke, so ist ein Album entstanden, das den Zuhörenden viel Raum für Fantasie lässt.
O: Auch klanglich wirkt „Troglobiten in Absonderlicht“ sehr geschlossen. Hattest du diesmal einen klaren Sound vor Augen?
DB: KOSMOBERKH hat eine ziemlich bewegte Geschichte hinter sich. Die ersten beiden Alben entstanden, als sich gerade eine Band aus dem Soloprojekt herausbildete. Diese Zeit war persönlich herausfordernd für mich. Ich habe mir Entlastung gewünscht. Gleichzeitig waren auch die Lebensumstände meiner Mitmusiker sehr bewegt, sodass ich das Projekt 2018 schließlich auf Eis legte. Mit dem neuen Album kehre ich zu einem Klang und Stil zurück, den ich – nicht ganz ohne Selbstironie – früher als experimentellen Singer-Doomwriter bezeichnet habe. Bis auf Demos gab es bisher keine Aufnahmen, auf denen das in voller Reife zu hören war. Das ändert sich jetzt. Ich schätze mich glücklich, mit Alex Pojda vom Holodeck Studio einen alten Weggefährten und Freund an meiner Seite zu haben, der mich in dieser klanglichen Vision begleitet und unterstützt hat.
O: Du bist seit vielen Jahren Teil der deutschen Underground-Szene. Hat sich ihre Seele verändert?
DB: Was mich bis heute begeistert, ist die Liebe zur Musik, die Offenheit für neue musikalische Wege, kurz gesagt: ein kreativer Geist. Ich bin froh, das mit so vielen Menschen teilen zu dürfen. Verändert hat sich allerdings sehr viel: Clubsterben, nachlassendes Interesse an Konzertkultur, rückläufige Ticketverkäufe für Musikschaffende, AI und zunehmende Übergriffe der Tech-Industrie. Um es mit Laibach auf den Punkt zu bringen: „Allgorhythm“ (lacht). Davon sollten wir uns aber nicht entmutigen lassen. Musik findet einen Weg. Und für unsere Rechte als Musikschaffende müssen wir weiterhin gemeinsam kämpfen.
O: Wie erlebst du in diesem Zusammenhang die Szene in Hannover?
DB: Mein Eindruck ist, dass es eine vielfältige und lebendige Szene ist. Von Death Metal über Jazz bis hin zu Electro und Gothic ist alles dabei. Da ich noch nicht lange in Hannover lebe, muss ich selbst noch meinen Platz in diesem Geflecht finden. Die letzten drei Jahre war ich stark mit der Produktion beschäftigt, sodass ich bisher noch keine Gelegenheit hatte, dort eine Bühne zu betreten. Ich freue mich darauf. Es bleibt spannend.
O: Zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage: Was hat dir in den vergangenen Jahren die Kraft gegeben, kreativ weiterzumachen?
DB: Kurkuma-Tee! (zwinkert)
Jan Schütz (Meersein)
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