TIM BROWNLOW im Interview (1/2)

Sänger und Komponist Tim Brownlow, bekannt als Frontmann der Rockband Belasco, hat F. W. Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) mit einem neuen Soundtrack versehen. Unter dem Titel „The Journal of a Broken Man“ interpretiert er den Horrorklassiker auf seine ganz eigene musikalische Weise. Das Besondere: Die Musik ist nun live erlebbar! In unserem zweiteiligen Interview spricht Brownlow über den kreativen Prozess, die intensive Auseinandersetzung mit dem Film und die Herausforderung, das Projekt live auf die Bühne zu bringen.
Orkus: Wie bist du ursprünglich auf dieses Thema gekommen? Wie entstand die Idee, dass Murnaus „Nosferatu“ einen neuen Soundtrack braucht, da die Originalmusik leider verloren gegangen ist?
Tim Brownlow: Ein Freund hat mich mit dem Film bekannt gemacht. Ich arbeitete gerade an einem ähnlichen Projekt zu einem anderen Film, stieß dabei aber auf einige Schwierigkeiten und wandte mich deshalb „Nosferatu“ zu. Die Geschichte dahinter ist unglaublich interessant, und ja, dass es keine Originalmusik mehr gibt, macht den Film dafür geradezu perfekt.
O: Du hast mehrere Jahre an „The Journal of a Broken Man“ gearbeitet. Kannst du uns einen Einblick in deinen kreativen Prozess geben und erklären, wie du an das Projekt herangegangen bist?
TB: Zunächst sehe ich mir den Film sehr oft an, immer von Anfang bis Ende. Dann teile ich ihn nach Themen und Szenen auf, damit ich weiß, wann beispielsweise ein Song enden sollte. Anschließend überlege ich mir, welche Art von Song ich für die jeweiligen Szenen haben möchte – laut, leise und so weiter. Dann suche ich mir einfach eine Szene aus und schreibe los.
O: Kannst du ungefähr einschätzen, wie oft du den Film inzwischen gesehen hast?
TB: Haha … Ich würde sagen, dass ich ihn vielleicht 40- bis 50-mal komplett angesehen habe. Einzelne Szenen, die zu bestimmten Songs gehören, habe ich allerdings Hunderte Male angeschaut – jeden einzelnen Track betreffend. Wenn ich alles zusammenrechne … 13 Tracks, also über 1.300-mal, plus die 40 oder 50 vollständigen Durchläufe. Jetzt bin ich in der Probenphase und spiele den Film mindestens zweimal täglich ab … Darüber habe ich vorher noch nie nachgedacht …
O: Wie bist du auf den Titel „The Journal of a Broken Man“ gekommen?
TB: In einem der Songs, „Bad Man“, spreche ich von einem Tagebuch. Dieser Gedanke zieht sich gewissermaßen durch den Film: Hutter schreibt Briefe, aber auch Bram Stokers „Dracula“ ist als Tagebuch angelegt. Die Idee eines Tagebuchs eines gebrochenen Mannes hängt, denke ich, damit zusammen, wie der Film endet … Hutter ist gebrochen. Und ich glaube, dass wir alle in unterschiedlichen Phasen unseres Lebens gebrochen sind. Mir gefällt die Vorstellung, dass es eine physische Ausgabe dieses „The Journal of a Broken Man“ gibt, in der ich die Gedanken und Notizen festhalte, die ich während der Arbeit an dem Projekt zusammengetragen habe – zusammen mit den Texten und der Planung. Und dieses Buch möchte ich verkaufen.
O: Du hast gesagt, dass es dir nicht darum ging, das zu beschreiben, was wir auf der Leinwand sehen, sondern einzufangen, was wir fühlen. Gab es eine bestimmte Szene in „Nosferatu“, die dich emotional besonders herausgefordert oder stärker als alle anderen inspiriert hat?
TB: Viele der Songs bedeuten mir emotional sehr viel – sowohl aufgrund ihrer Bedeutung für mich als auch wegen der Gefühle, die sie in mir auslösen. Wenn ich live spiele, versuche ich mich daran zu erinnern, was ich beim Schreiben empfunden habe. Deshalb sind die Proben ziemlich schwierig, weil mich die Emotionen dabei sehr überwältigen können. Ich denke, der Song, der mich besonders tief berührt hat, heißt „Broken“. Wenn man beim Ende des Songs ganz genau hinhört, kann man hören, wie meine Stimme ins Wanken gerät, weil ich während der Aufnahme des Hintergrundgesangs geweint habe. Das berührt mich immer noch, wenn ich den Song höre oder bei den Proben spiele.
O: Murnaus Film ist über hundert Jahre alt, und dennoch ist seine Atmosphäre nach wie vor erstaunlich kraftvoll. Was macht „Nosferatu“ deiner Meinung nach so zeitlos? Und hast du während der Arbeit am Soundtrack etwas im Film entdeckt, das dir zuvor noch nie aufgefallen war?
TB: Da gibt es eine ganz bestimmte Szene, in der Hutter zu Ellen zurückkehrt. Er erkennt, dass er, obwohl er fortgegangen ist, um eine „ordentliche Summe“ für ihre gemeinsame Zukunft zu verdienen, in Wirklichkeit ihre gemeinsame Zukunft verkürzt hat. Ellen erzählt ihm von ihrer Angst und so weiter. Wenn man diese Szene wirklich aufmerksam betrachtet, sieht man unmittelbar vor dem Moment, in dem ihm das ganze Ausmaß des Problems bewusst wird und er aufs Bett fällt, wie seine Unterlippe zittert. Das ist unglaublich bewegend. Vorher hatte ich keine Ahnung, dass Stummfilme derart emotional sein können.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Wir setzen unser Interview in Kürze fort.
Tim Brownlow – Tourdates:
30. Oktober 2026 DE-Tettnang, KITT
11. November 2026 DE-Regensburg, Ostentor
12. November 2026 DE-Oberhausen, Gdanska
13. November 2026 DE-Hagen, Pelmke
14. November 2026 DE-Wredenhagen, Scheune
25. November 2026 DE-Rüsselsheim, Das Rind
28. November 2026 DE-Mudau, Kerchbrügge
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