So war es beim ROCK AM RING 2025 mit BRING ME THE HORIZON, THE PRODIGY, BIFFY CLYRO u.v.m. (Teil 1/3)

Rock am Ring: 06.–08.06.2025, Nürburgring

Freitag: 40 Jahre und am Puls der Zeit – Rock am Ring feiert spektakuläres Jubiläum

Im Jahr 1985 feierte das Festival seine Premiere am Nürburgring. 17 Bands wie U2 oder Foreigner spielten auf einer einzigen Bühne vor stattlichen 75.000 Fans. Tickets gab es für 49 DM. Seitdem sorgten rund 2.500 Auftritte für einzigartige Erlebnisse. Von historischen Momenten wie Nirvanas einzigem Deutschlandauftritt über Metallicas triumphale Headliner-Shows bis zu Gänsehautmomenten mit Linkin Park, Die Ärzte oder Muse – Rock am Ring hat Musikgeschichte geschrieben. Doch nicht nur die Bühnen sorgten für Schlagzeilen: Der vorübergehende Umzug nach Nürnberg, ein Veranstalterwechsel, Gewitterchaos mit Evakuierungen und pandemiebedingte Pausen stellten das Festival auf die Probe. Parallel dazu wandelte sich das Gesicht des Line-ups – weg von klassischem Rock hin zu einem vielfältigen Mix aus Metal, Punk, Pop und Electro.

Jobtitel aus, Bandshirt an

Rock am Ring wurde jünger, bunter und reflektierte dabei immer den Puls der Zeit. Stets erhalten blieb und bleibt dabei ein starkes Gefühl: Hier lebt Musik – laut, echt und gemeinschaftlich. Hier ist es egal, wer man im Alltag ist – an diesem Wochenende zählte nur die Musik. Wer den Weg an den Ring fand, wurde Teil eines großen Ganzen, in dem Herkunft, Status und Sorgen keine Rolle spielten. Selbst wenn das Wetter Kapriolen schlug, bleibt die Stimmung erhalten: Es wurde gemeinsam gefeiert, getanzt, durchgehalten – mit einem Strahlen im Gesicht und ggf. Matsch an den Schuhen.

Festival-Tetris: Jetzt mit Sitzplatzoption

Knapp über 100 Bands, vier Bühnen und 90.000 feierwütige Fans – Rock am Ring machte zum Jubiläum keine halben Sachen. Bereits Wochen vor dem ersten Gitarrenriff war das Festival restlos ausverkauft. Klar, dass so viel Programm auch Raum braucht: Das Infield wurde erweitert, eine vierte Bühne ergänzt, und wer mal kurz durchatmen wollte, konnte sich auf überdachten Sitzflächen oder auf der neuen Tribüne vor der Mandora Stage niederlassen. Ein echtes Highlight waren die zahlreichen Video-Türme, die sich wie stille Wächter über das Gelände erhoben und abseits der Menschenmassen für ein angenehmes Festivalerlebnis sorgten.

Gerüchte, Gerüchte – Das große Rätselraten zum Festivalstart

Mittlerweile warteten alle gespannt auf den Startschuss. Der Veranstalter Matt Schwarz hatte Überraschungsgäste angekündigt, die das Festival auf der Hauptbühne eröffnen sollten – und zwar keine kleinen Namen, sondern Acts, die man sonst eher zu den späteren Slots erwartet. Natürlich überschlugen sich im Vorfeld die Spekulationen. Das große Geheimnis wurde allerdings erst gelüftet, als die ersten Musiker die riesige Utopia Stage betraten – mit Ausnahme von Knocked Loose, die bereits wenige Tage vor Festivalbeginn angekündigt wurden. Offenbar konnten selbst die Macher ihre Vorfreude nicht mehr zügeln. Namen wie Die Toten Hosen, Kraftklub oder die Donots machten die Runde – und der wohl größte Fan-Wunsch: Linkin Park. Doch wie Matt Schwarz in einem Interview etwas zerknirscht klarstellte, ließ sich dieser Traum trotz intensiver Bemühungen nicht realisieren – die parallel laufende Stadiontour der Band hatte Vorrang.


Von 0 auf 180 – mit Electric Callboy und Ingo

Und wer enterte nun tatsächlich die Main Stage? Das erste bekannte Gesicht, das uns entgegenstrahlte, war Ingo von den Donots. Mit gewohntem Charme kündigte er den heiß erwarteten Eisbrecher an, der das Festival endgültig aus dem Stand auf Betriebstemperatur brachte: „Es ist schön, euch alle zu sehen. Gott, was haben wir euch vermisst. Das ist 40 Jahre Rock am Ring! Ihr kriegt in diesem Jahr die Geschenke zum 40. Geburtstag. Passt gut aufeinander auf, wenn jemand hinfällt, dazu gibt es möglicherweise gleich diverse Gründe. Es ist eine Band, die es geschafft hat, von Castrop-Rauxel aus die Welt zu erobern. Hier ist die einzige Band, die H.P. Baxxter den Energy-Drink reichen kann. Hier sind Electric Callboy!“ Jubel brach aus und der erste Treffer wurde klar versenkt.

Konfetti statt Kaffee – Frühsport mit Electric Callboy

Mit einem lauten Knall wurde das Festival-Wochenende eröffnet. Passend zu den Farben des diesjährigen Rock-am-Ring-Logos stieg blau-grün-gelber Rauch in den Himmel, während Electric Callboy mit „Pump It“ ihr munteres Spektakel zündeten. In Jogginganzügen und mit feschen Vokuhila-Perücken wirbelten die Jungs über die Bühne und brachten das Publikum schon zur Mittagszeit in Ekstase „Habt ihr mal auf die Uhr geguckt?“, fragte die Band – halb ungläubig, halb begeistert über das, was da bereits los war. Konfetti in allen Farben nebst Luftschlangen tanzten mit den Ringrockern um die Wette. An den Drums saß übrigens kein Geringerer als Frank Zummo von Sum 41, dem Electric Callboy prompt eine eigene Hommage widmeten – inklusive Cover von „Still Waiting“ und dem Original-Musikvideo auf der Leinwand. Mit der vollen Breitseite ihres Tracks „Revery“ katapultierten sie auch den letzten Skeptiker aus dem Halbschlaf direkt ins Zentrum des Geschehens. „Ihr wisst, was ein Circle-Pit ist, oder?!“ – Und schon war Runde eins des kollektiven Dauerlaufs eröffnet. Auf den Abriss folgte Gänsehaut: Eine Akustikversion ihres Linkin-Park-Covers „Crawling“ ließ tausende Kehlen leidenschaftlich mitsingen.

Vom Discofox in den Höllenschlund

„Wir brauchen ein paar Tanzgruppen, sucht euch einen Partner und dann schwoft ihr euch so richtig die Hacken wund.“ Zu „Hurrikan“ präsentierten die Jungs ihren heißesten Hüftschwung, während sich in der Menge mehr und mehr Tanzflächen bildeten, auf denen der eine oder andere Discofox präsentiert wurde. Frank Zummo konnte sich angesichts der skurrilen Szenerie ein Lachen nicht verkneifen. Vom Schlagerflirt zum Inferno: „Hurrikan“ nahm plötzlich eine brachiale Wendung, erschütternde Screams und satanische Visuals setzten ein – und als wäre das nicht schon wild genug, betrat auch noch Hänno aka Hand of Blood im Achtzigerjahre-Look die Bühne, posierte, feierte und mischte sich kurzerhand unters Volk. Bei „Ratatata“ glänzten halbe Discokugeln als Helme auf den Köpfen der Band, während der Ring vergnügt in die Luft sprang. Und mit „We Got the Moves“ – samt ikonischer Pilzkopfperücken – setzten Electric Callboy ihrem Set die Glitzerkrone auf. Was für ein Auftakt! Blieb überhaupt noch Luft nach oben für den nächsten Überraschungs-Act?

Schlag(er) ins Gesicht? – Amore statt Abriss

Die Erwartungshaltung war nach dem fulminanten Auftakt natürlich riesig – doch die Luft für die zweite Überraschungsband wurde spürbar dünner. Auf der Utopia Stage erschienen: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys. Entschuldigung, wer? Da lag der Hase schon im Pfeffer. Denn zum einen kannten viele diese bayerische Formation, die sich dem Italo-Schlager verschieben hat, überhaupt nicht – und zum anderen passte der Sound irgendwo zwischen Amore-Kitsch, Retro-Flair und ironisch gebrochenem Urlaubsgefühl nicht so ganz zum sonstigen Tagesprogramm. Viele Gesichter sprachen Bände. Einige Festivalgäste zogen irritiert weiter, während andere sich neugierig auf das musikalische Abenteuer einließen. Und tatsächlich: Bei den Hartgesottenen vor der Bühne machte sich nach kurzer Zeit gute Laune breit. Es wurde geschunkelt, gegrinst – und gefeiert. Die Band, die wohl niemand auf dem Zettel hatte, sorgte immerhin für den ersten Genre-Clash des Tages.

Bierdusche statt Ballade – Knocked Loose zerlegen den Ring

Wer dachte, nach Schlager und Glitzer käme erstmal eine Verschnaufpause, hatte die Rechnung ohne Knocked Loose gemacht. Denn mit dieser Band holten die Macher von Rock am Ring den musikalischen Knüppel aus dem Sack! Hinter den Drums erleuchtete ein großes Kreuz und sorgte für einen Moment der trügerischen Ruhe, bevor sich die wohl härteste, lauteste und kompromissloseste Band des Wochenendes auf die Utopia Stage schleuderte. Gitarrist Isaac Hale ließ den Blick bedeutungsvoll über das Publikum gleiten, während Bryan Garris beim Opener „Don’t Reach For Me“ schon alles rausbrüllte, was seine Stimmbänder hergaben. In der Menge herrschte Ausnahmezustand. Die ersten Pits wüteten, als gäbe es kein Morgen – und spätestens bei „Blinding Faith“ flogen nicht nur Schöpfe, sondern auch Bier – Erfrischung inklusive. Um Getränkebecher scherte sich hier längst niemand mehr, stattdessen wurde gerangelt, was das Zeug hielt. Bryan Garris stand dem Chaos in nichts nach. Er brüllte, preschte über die Bühne, schlug wild um sich und ließ seinen Kopf kreisen wie ein entfesselter Derwisch. „Do you know who we are?!“, schrie er die Menge an – und forderte alle auf, mit ihm zu singen, zu springen, zu explodieren. „If you see us for the first time, I want you to get involved.“ Keine leichte Aufgabe, denn Garris’ Tempo war erbarmungslos. Knocked Loose lieferten eine 55-minütige Abrissbirne, die selbst gestandene Festivalgänger an ihre Belastungsgrenzen brachte.

Zwischen Zauber und Zerstörung

Zum Glück spielte auf der zweiten Bühne – der Mandora Stage – nun die US-Amerikanerin Poppy. Hier konnte man tatsächlich durchatmen – zumindest kurzzeitig. Denn ihr Cotton Candy Metal war zwar zuckersüß anzusehen und von einer herrlichen Leichtigkeit durchzogen, hatte aber auch eine ordentliche Portion Durchschlagskraft im Gepäck: knallharte Gitarrenriffs, brachiale Screams und nicht zuletzt zahlreiche Feuerschübe. Poppy legte binnen eines Jahres eine beeindruckende Entwicklung hin. Bereits im Vorprogramm von Bad Omens war ihr Potenzial unübersehbar, doch damals fehlte ihr auf der Bühne noch etwas von jener Aura, die sie diesmal mühelos versprühte. Ein bockstarkes Album, etliche Auftritte und spannende Feature-Partner aus der Metal-Szene später stand nun eine selbstbewusste Künstlerin auf der Bühne – süß, stark und unverschämt cool. Frauen und Mädels warfen ihr bewundernde Blicke zu. Im weißen, verspielten Outfit mit rosafarbener Corsage und niedlichen Schleifchen war sie ein echter Hingucker. Und dann legte sie los: Zu „Bloodmoney“ erhob sie bedrohlich mittels Sprechgesang ihre Stimme, während sie in „V.A.N.“, dem Track, der zusammen mit Bad Omens entstand, ihre knallharte Seite zeigte – nur um Sekunden später mit lieblicher Stimme auf der Stelle zu marschieren, als könne sie kein Wässerchen trüben. Herrlich konträr, herrlich Poppy. Auch ihr Ohrwurm-Garant „The Cost of Giving Up“ eroberte das Publikum im Sturm. Mal schmiss sie ihre Beine abwechselnd durch die Luft, dann schwang sie ihre Hüften – kess, aber nie überdreht. Die Menge erhob begeistert die Arme, während Poppy mit Leichtigkeit das Geschehen dirigierte.

Charmante Eskalation

Für eine besondere Überraschung sorgte Stephen Ray Harrisson (House of Protection), der zu „The Center’s Falling Out“ die Bühne enterte – jenen Song, den er (neben elf weiteren Tracks) gemeinsam mit Poppy geschrieben hat. Euphorisch wirbelte er seinen Bass um den Körper und initiierte eine Wall of Death. Poppy selbst gab sich dabei kein Stück zurückhaltend. Wild headbangend und selbstbewusst stapfend forderte sie mit süßer Stimme: „Thank you, I’m Poppy, nice to meet you. Can you give me a circle pit for this next song right here? Can you do that for me?“ Wer hätte ihr das abschlagen können? Obwohl der Song „I Disagree“ heißt, waren sich Publikum und Künstlerin in Sachen Abriss vollkommen einig. Auf ein verspieltes Glockenspiel folgten tonnenschwere Riffs und ein beeindruckender Schrei – „Oh yes, this is what dreams are made of“, kommentierte die Künstlerin und genoss sichtlich, was sie entfesselt hatte. Mit „They’re All Around Us“ und „New Way Out“ wirbelten die Pits erneut – nicht ohne Folgen: Gleich zweimal wurden einzelne Schuhe in die Luft gehalten, um die verlorenen Besitzer ausfindig zu machen. Die smarte Sängerin riss uns also wortwörtlich den Boden unter den Füßen weg – und das ist verdammt gut so. Zum Abschied gab es laute Rufe nach einer Zugabe, denen aufgrund des strikten Zeitplans leider nicht stattgegeben werden konnte. Poppys Premiere am Ring war ein voller Erfolg und dies war kein Abschied, sondern sicherlich der Beginn einer herrlichen Ring-Routine.

Fjørt sprechen Klartext

Die Aachener Post-Hardcore-Band Fjørt betrat mit ungemeiner Hingabe die Atmos Stage (vierte Bühne) – und lieferte weit mehr als intensive Gitarrenwände. Zwischen ihren druckvollen Songs nutzten sie ihren Gig immer wieder, um klare politische Statements zu setzen – unter anderem gegen die AfD. Ihr Auftritt war damit ein leidenschaftliches Statement: kompromisslos in der Musik und unbeirrt in der Haltung.

Feiner Zwirn und scharfe Zeilen

Max Gruber alias Drangsal ist zurück. Was einst als Solo-Projekt begann, wurde auf der Orbit Stage zur stilvollen Kollektivaktion: Mit fünf Musikern an seiner Seite zelebrierte Max seine grandiose Rückkehr. Vor einem schlichten, rosafarbenen Bühnenbild nahmen die stilvoll gekleideten Bandmitglieder ihre Plätze ein, während der Fronter charmant Luftküsse Richtung Menge schickte. Im braunen Anzug, mit adrettem Hut und einer Gitarre in schimmerndem Rosa legte er los. Direkt zum Auftakt servierte die Band mit „Die satanischen Fersen“ einen wuchtigen Opener, der Grubers Stimme Raum zum Strahlen gab – und die Hüften der Menge ohne Umwege in Schwung brachte. Die gesamte Band war mit vollem Herzblut bei der Sache. Besonders der Musiker an den Synths lebte den Sound spürbar mit, warf er doch sein langes Haar im Takt umher und schien außer der Musik alles um sich herum zu vergessen. Mit seinen fein beobachteten, mal poetischen, mal bissigen deutschen Texten traf Drangsal einen Nerv. Besonders hervorzuheben ist hierbei der Song „Schnuckel“– ein herrlich ironisches Liebeslied über obsessive Schwärmereien für unerreichbare Stars. Obwohl Max sich selbst gar nicht als Entertainer sieht, lieferte er genau das, was das Publikum wollte: eine mitreißende Show. Zu „Pervert the Source“ nahm er kurzerhand ein Bad in der Menge – Drangsals Mischung aus New Wave, Post-Punk und Indie-Pop verlieh selbst der Moshpit-Ekstase eine irgendwie zärtliche Note.

Mit Sturm und Seele

Der Freitagabend hatte gerade erst begonnen – und doch schien die Utopia Stage mit einem Mal elektrisiert. Biffy Clyro betraten die Bühne, und in diesem Moment war klar: Hier kommen keine bloßen Rockmusiker, sondern echte Klangkünstler mit emotionalem Feingespür. Das schottische Trio um Frontmann Simon Neil und die Johnston-Brüder James und Ben lieferte ein Set, das präzise wie ein Uhrwerk und gleichzeitig einnehmend wie ein Sturm wirkte. Gleich zu Beginn überraschten sie mit „A Little Love“, einem nagelneuen Track, der sich nahtlos zwischen hymnischem Aufbau und intimer Klangtiefe einreihte. Mit Klassikern wie „Mountains“, „Bubbles“ und dem epischen „Many of Horror“ rissen sie die Menge mit – zwischen gewaltigen Gitarrenarrangements und zerbrechlich-schönen Melodien spannte sich ein Konzertbogen, der unter die Haut ging. Was Biffy Clyro seit Jahren ausmacht – der Spagat zwischen radiotauglichem Alternative-Rock und progressiven Ausbrüchen – wurde hier zur mitreißenden Live-Erfahrung. Hinzu kam die beinahe hypnotische Bühnenpräsenz der Band: ein intuitives Zusammenspiel, bei dem jeder Handgriff saß, jeder Blick reichte. Unterstützt von einer Violinistin gewannen die Songs zusätzlich an Tiefe – „A Devastating Liberation“, ihr aktuelles Album, unterstrich diese neue Seite: mutiger, vielschichtiger, emotional aufgeladen. Während es merklich frischer wurde und das Publikum sich in Jacken hüllte, entledigte sich Simon Neil mit rock’n’roll’scher Konsequenz seines Hemdes – ganz im Rausch seiner Musik. Die Temperatur sank, doch auf der Bühne loderte das Feuer der Musik unvermindert weiter – und hinterließ glühende Spuren auf dem Asphalt der Nacht.

Elektroschock deluxe und das Rave-Inferno

Unterdessen verwandelte sich die Area vor der Mandora Stage in einen brodelnden Hexenkessel – bereit für eine Band, die seit Jahrzehnten Grenzlinien sprengt: The Prodigy. Schon zu Beginn ließ Maxim Reality keinen Zweifel daran, wer an diesem Abend das Kommando innehatte. Mit wuchtiger Präsenz und unbändigem Drive gab er sich als klar erkennbares Oberhaupt seiner „Voodoo People“ – und riss die Menge mit sich. Der Kulttrack „No Good (Start the Dance)“ schleuderte das Publikum direkt zurück ins Jahr 1994 – in eine Ära, in der Rave, Rebellion und rohe Energie ein explosives Dreieck bildeten. Flankiert von strobo-getränkten Visuals, fetten Beats und Liam Howletts unnachgiebigen Synth-Wänden entfaltete sich ein brachialer Soundrausch, der die Zeit vergessen ließ. Klassiker wie „Breathe“, „Firestarter“ und „Smack My Bitch Up“ zündeten mit Gänsehautmomenten – mal als Hommage an den unvergessenen Keith Flint, mal als lebendige Eskalation im Hier und Jetzt. Bevor The Prodigy ihr Publikum in die Nacht entließen, setzten sie noch einmal alles auf eine Karte: Tempo, Wahnsinn, Wucht – genau das, was diese Show ausgemacht hatte. Zu „We Live Forever“ reckten sich die Arme in den Himmel, die Stimmen wurden laut: „We are here, it is now. We live forever!“ Ein Manifest, ein Moment, ein letztes Ausrufezeichen.

Der Sog ist real

Parallel zu The Prodigy betrat eine andere Übermacht die ganz große Bühne: Bring Me the Horizon feierten auf der Utopia Stage ihr Headliner-Debüt. Schon 2023 hatten sie Rock am Ring mit einem fulminanten Set erschüttert. Dass sie nun in die oberste Riege aufrücken würden, war mehr als verdient. Die Band um Oli Sykes nahm die Bürde dieses Slots sehr ernst und war bereit zu sein, alles zu geben. Nur zwei Tage zuvor spielten sie ein spontanes Warming-up-Konzert im Kölner Palladium, das sowohl Band als auch Fans auf Betriebstemperatur bringen sollte. Wer die Musiker aus Sheffield einmal live erlebt hat, scheint sich ein für allemal mit ihrem Mythos infiziert zu haben. Fortan wird man zu einer treuen Seele und obgleich sich die Jungs musikalisch immer wieder neu erfinden, man folgt ihnen auf Schritt und Tritt. Zum Auftakt erschien eine künstliche Intelligenz namens Eve auf den Leinwänden. Sie scannte das Publikum. „Scanning for moshpits. No significant moshpits found.” – ein Alarm ertönte. „Please open this place up.” Sie wies uns an, diese Nacht zu genießen, als sei es unsere letzte.

40 Pits für Oli!

Zu „Darkside“ enterten BMTH die Bühne – begleitet von einer Konfettifontäne, dröhnenden Synths und purem Adrenalin. Die Utopia Stage hatte sich in eine düstere Kirche verwandelt. “Get the fuck up, Germany! Are you ready?” brüllte Oli Sykes – und dann gab es kein Zurück mehr. Die Menge reichte weiter, als das Auge blicken konnte, und der Sänger warf sich mit voller Inbrunst auf die Knie, ehe er den Startschuss zum nächsten Abriss gab: „Happy Song“. Nur ein Wimpernschlag verging, da schrien tausende Kehlen den Refrain mit: “S-P-I-R-I-T, spirit! Let’s hear it!” „I need some moshpits. About 20 fucking moshpits.“ Die Ansage saß – und wie! Getrieben von einem brachialen Breakdown raste die Menge aufeinander zu, prallte zusammen, teilte sich und nahm in unzähligen Circle Pits Tempo auf. Ein wahres Hetzspiel aus Euphorie und Energie. Ich versuchte mitzuzählen – bei 40 Pits gab ich auf. Das Publikum glich einem Schweizer Käse, durchlöchert von rasenden Kreisen und wirbelnden Körpern. Oli lachte, hob Daumen hoch und rief:„Yeah, that’s the spirit!“

Die Bühne brennt, das Herz glüht

Zu „AmEN!“ brach endgültig die Hölle los. Die Bühne leuchtete in knalligem Rot, die dystopische Kirche brannte lichterloh, und Feuerschübe jagten aus allen Richtungen über die Utopia Stage. Auf den Leinwänden verwandelte sich Oli Sykes allmählich in ein teuflisches Wesen. Adrenalin pumpte durch jede Faser – auf, wie vor der Bühne. Auch bei „Shadow Moses“ und „Kingslayer“ gab der Engländer alles – ohne Rücksicht auf Verluste. Er screamte, sprang, schleuderte sich durchs Set, während die Fans sich in Circle Pits und Mosh-Wellen gegenseitig vorantrieben. Ein besonderer Moment folgte mit „Antivist“: Oli holte eine Zuschauerin auf die Bühne – Kristina – und überließ ihr kurzerhand das Mikro. Sie schrie, sie kämpfte und gab alles, während er sich gemütlich auf einer Stufe niederließ und die Show genüsslich verfolgte. Dann standen beide auf, brüllten gemeinsam ins Mikro – und Oli befahl: „Holy shit! I think Kristina earned a wall of death. Push it back!“ Die Menge parierte ohne zu zögern. Kurz darauf folgte die emotionale Krönung: „This is the first time we’re headlining this festival. I have a question for you: can you… ,Feel My Heart‘?“ Konfetti-Herzen schossen in den Nachthimmel, und schwebten über die Menge hinweg – fast jeder fing sich eines als Erinnerung an diesen besonderen Abend ein. Bei den ersten Zeilen von „Can you hear the silence?“ sang die Menge voller Leidenschaft mit – und nicht nur dieser Moment ging tief unter die Haut. Denn auf den Screens erschien ein Zusammenschnitt aus der Bandgeschichte: Archivmaterial, Tour-Erlebnisse, intime Einblicke und emotionale Meilensteine. Von den Anfängen in Sheffield bis zu aktuellen Geschehnissen. Wie überwältigend muss es für die Band selbst gewesen sein, dieses Best-of ihrer Karriere wahrzunehmen? Mir wurde plötzlich warm ums Herz.

Loopings und innere Purzelbäume

Was wäre „Drown“ ohne die Nähe zwischen Oli Sykes und seinen Fans? „Who will fix me now? Dive in when I’m down? Save me from myself. Don’t let me drown.” – tausende Stimmen sangen mit, als Oli in den Graben stieg und sich näherte. Innig drückte er sich an seine Fans, streifte Wangen, verteilte Umarmungen und ließ Träume wahr werden. Fassungslose Gesichter. Freudentaumel – pure Magie. Sogar ein als Superman verkleideter Fan ließ es sich nicht nehmen, sein Idol zu feiern – fest verwoben im Spinnennetz aus Licht, Sound und Emotion. Doch noch war nicht Schluss. Der finale Abriss kam mit „Throne“ – nach einem Konzert voller Lasereffekten, sagenhaften Visuals und purem Wahnsinn. Ein Schlussakt, der alles bot: Wucht, Schönheit, Rührung. Es war einer dieser Augenblicke, in denen man sich wünscht, die Zeit möge stillstehen.

Doch das Leben dreht sich weiter – ebenso wie das Riesenrad am Ring, das im Hintergrund leuchtend seine Runden zog. Und auch das Gedankenkarussell setzte ein, als man etwas zur Ruhe kam: Was. War. Das. Bitte. Für. Ein. Auftakt?! Doch jetzt galt es schnell einzuschlummern und Kraft zu tanken, denn am nächsten Tag lauerte bereits der nächste Akt im Festivalrausch.

Aufgrund von Foto-Restriktionen war es uns leider nicht möglich, Bilder von Bring Me the Horizon, The Prodigy, Poppy und Electric Callboy für Dich einzufangen.  

Text: Nadine Kloppert
Photos: Michael Gamon

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