ANNICKE SHIREEN im Interview (1/2)

Mit ihrem Solo-Debüt „Delirium“ wagt die niederländische Künstlerin Annicke Shireen den Schritt aus der kollektiven Zusammenarbeit mit Heilung und Pure Reason Revolution hinein in die absolute künstlerische Autorschaft. Musikalisch pendelt das Album zwischen Alternative Rock, Metal, Synthpop und Folk. Lyrisch ist es eine tiefgründige Reise durch Themen wie Selbstakzeptanz, die Befreiung von patriarchalischen Denkmustern und die Kraft einer neurodivergenten Wahrnehmung. Wir sprechen in zwei Teilen mit Annicke.
Königin im eigenen Schloss
Für „Delirium“ übernahm Annicke Shireen die alleinige Regie über Songwriting, Recording, Mixing und Produktion. „Das war ein großer Schritt – mental musste ich erst das Vertrauen fassen, dass ich das allein schaffen kann. Früher war ich bei musikalischen Entscheidungen unsicher und dachte, jemanden zum Mitschreiben zu brauchen. Doch es kostete zu viel Energie, anderen meine Ideen zu vermitteln. Ich wollte eine eigene Welt erschaffen, in der ich Königin im eigenen Schloss bin. Dafür lernte ich, Demos zu produzieren, die keine Fragen mehr aufwerfen. Diese Kontrolle zu haben, war der befreiendste Schritt überhaupt.“
Die Nuancen weiblicher Wut
Der Albumtitel durchlief dabei einen Wandel: Ursprünglich schwebte Annicke das Wort „Hysteria“ vor, um eine historische Stigmatisierung aufzubrechen. Letztlich wählte sie „Delirium“, um auch den leiseren Facetten von Female Rage Raum zu geben. „Historisch gesehen hat das Wort Hysteria eine immense Bedeutung: Das Patriarchat hat Frauen, die Autorität hinterfragten, als ,hysterisch‘ abgestempelt. Ich wollte den Begriff erst zurückerobern, aber Hysteria ist ein sehr gewalttätiges Wort, das ich eher mit Black Metal, roher Wut und Schreien verbinde. So ist mein Album nicht. „Delirium“ fängt auch die weicheren Facetten weiblicher Wut ein, die ebenfalls ihre volle Berechtigung haben.“
Stärke in der Andersartigkeit
Ein zentrales Fundament des Konzepts bildet die Auseinandersetzung mit Neurodivergenz. Eine späte ADHS-Diagnose eröffnete der Künstlerin einen völlig neuen Blick auf ihre eigene Wahrnehmung. „Als ich jünger war, fühlte ich mich oft von allen getrennt. Ich war etwa 35 Jahre alt, als ich meine ADHS-Diagnose bekam. Plötzlich ergab so vieles einen Sinn und ich konnte mich selbst besser annehmen. Ich verstand endlich, warum ich Verhaltensweisen, die für andere normal schienen, damals nicht kapierte. Manchmal ist diese Andersartigkeit anstrengend, aber sie birgt eine große Stärke, weil man Dinge bemerkt, die anderen verborgen bleiben. Das hat mir geholfen zu erkennen, dass man die Welt auf seine eigene Weise betrachten darf.“
Isabell Köster
Wir setzen das Interview in Kürze fort.
Sieh Dir das Video zu „Come to Light“ an:
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