So war es bei PLACEBO

02. November 2026, Köln, Lanxess Arena
Es gibt Bands, denen man über Jahrzehnte hinweg die Treue hält. Ihre Songs überdauern Jugendjahre, wilde Nächte und all die Veränderungen, die das Leben mit sich bringt. Placebo gehören zweifellos dazu. Seit 30 Jahren stehen Brian Molko und Stefan Olsdal für eine Musik, die sich nie um gesellschaftliche Erwartungen scherte, Verletzlichkeit zuließ und gerade jenen Menschen aus der Seele sprach, die sich nirgendwo so recht zugehörig fühlten. 1998 war es „Pure Morning“, das mich mitten in meiner musikalischen Findungsphase zwischen Gothic und Rock auf Anhieb faszinierte. Nicht zuletzt wegen des außergewöhnlichen Musikvideos, in dem ein androgyner Brian Molko auf einem Hochhaus stand und schließlich barfuß die Fassade hinabspazierte. Diese Bilder brannten sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Zwei Jahre später erlebte ich die Band beim Bizarre Festival erstmals live. Im weißen Top und lässig rauchend auf der Bühne verkörperte Brian jene unverwechselbare Mischung aus Melancholie, Rebellion und musikalischer Unangepasstheit, die Placebo schon damals so besonders machte.
Drei Jahrzehnte gegen den Strom
Nun besannen sich die Briten zum runden Geburtstag auf ihre Wurzeln und widmeten ihre Jubiläumstour den ersten beiden Alben „Placebo“ (1996) und „Without You I’m Nothing“ (1998). Rund 10.000 Menschen versammelten sich also in der Kölner Lanxess Arena, um dieses besondere Jubiläum gemeinsam zu feiern. Auch an diesem Abend zeigte sich das Publikum ebenso facettenreich wie die Musik selbst: androgyne Looks, individuelle Ausdrucksformen und Menschen unterschiedlichsten Alters, wenngleich die Generation der ersten Placebo-Jahre deutlich überwog. Hier durfte jeder sein, wie er sich fühlte.
Erinnerungen statt Aufnahmen
Bereits vor Konzertbeginn machten Plakate und Leinwände mit der Botschaft „You’ll remember the moment, not the recording. Better without your phone. Let’s share this together.“ deutlich, dass an diesem Abend der bewusste Musikgenuss im Mittelpunkt stehen sollte. Auch Brian wandte sich in einer vorproduzierten Videobotschaft an das Publikum und bat darum, sich ganz auf den Augenblick einzulassen. Schließlich sei jeder dieser Momente einzigartig und unwiederbringlich. Verbindung, Gemeinschaft, Euphorie und Transzendenz – all das sollte dieser Abend ermöglichen. Pünktlich um 21 Uhr begann die nostalgische Reise in die Vergangenheit. Während die ersten Klänge von „Bionic“ in einer Club-Mix-Version ertönten, setzte bereits begeistertes Klatschen ein. Noch verbarg ein weißer Vorhang die Bühne, doch auf seiner Oberfläche erwachten drei Jahrzehnte Placebo-Geschichte zum Leben. Von 2026 ging es Jahr für Jahr zurück bis 1996. Verschwitzte Konzertmomente wechselten sich mit Auftritten auf dem roten Teppich, Musikvideos und seltenen Einblicken hinter die Kulissen ab. Auch David Bowie, der das Potenzial der Band bereits vor ihrem Debütalbum erkannte, sie von Beginn an förderte und für Brian zu einem wichtigen Mentor wurde, durfte in dieser Rückschau nicht fehlen. „The Past Is Present“ – die Vergangenheit war gegenwärtig. Treffender hätte sich das Motto dieses Abends kaum auf den Punkt bringen lassen.
Als die Zeit rückwärtslief
Wenige Minuten später gewährten die seitlichen Leinwände bereits einen Blick hinter die Kulissen. Auf der einen Seite zog Brian Molko genüsslich ein letztes Mal an seiner Zigarette, auf der anderen machte sich Stefan über die Treppe auf den Weg zur Bühne. Wenig später bezogen die Musiker hinter dem weißen Vorhang ihre Positionen und klatschten gemeinsam mit den ihren treuen Fans im Takt. Als der Vorhang schließlich zu „Pure Morning“ fiel, erhoben sich auch die Zuschauer auf den Rängen von ihren Plätzen. Und plötzlich schien die Zeit tatsächlich zurückgedreht worden zu sein. Auch optisch schien diese nahezu spurlos an Brian vorübergegangen zu sein. Mit kinnlangem schwarzem Haar, dunklem Eyeliner, schwarz lackierten Fingernägeln und seinem „Stunt Girl“-Shirt, das er bereits zu der Anfangszeit der Band getragen hatte, ließ der 53-jährige Frontmann die Vergangenheit auf verblüffende Weise lebendig werden. Auch Stefan machte in seinem schwarzen enganliegenden Lacktop eine ausgesprochen jugendliche Figur. Hinter den beiden sorgte eine mehrteilige Videowand für visuelle Abwechslung, auf der sich kunstvolle Projektionen mit Liveaufnahmen der Musiker vermischten.
Zurück zu den Wurzeln
Und da war es wieder, dieses hypnotische Gitarrenriff von „Pure Morning“, begleitet vom schleppenden Rhythmus und Brians durchdringender Stimme. Nun eröffnete ausgerechnet dieser Klassiker die musikalische Rückreise und zierte passend dazu sogar rote Tassen am Merchandise-Stand. Noch begehrter waren die eigens gestalteten Placebo-Mehrwegbecher, die bereits tausende Fans in den Händen hielten. Lauter Jubel begleitete die ersten kraftvollen Takte von „Come Home“, während Scheinwerfer die Bühne in glühendes Licht tauchten. Brian zog es an den Bühnenrand, Stefan winkte den Fans zu und zeigte sich sichtlich erfreut über den herzlichen Empfang. Die unverkennbare Stimme des Frontmanns kam selbst auf den weiter entfernten Plätzen klar zur Geltung, während der Sound stellenweise etwas matschig geriet. Bereits am 5. Februar 1996 als erste Single veröffentlicht, war „Come Home“ gewissermaßen ein Manifest der frühen Placebo-Identität: gefühlsgeladen, roh und weit entfernt vom damaligen Britpop-Mainstream. Live gewann das Stück durch seine aggressive, punkige Energie zusätzlich an Wucht. Das mantraartige „Come Home“ klang dabei gleichermaßen flehend wie fordernd. Verletzlichkeit traf auf Aggression, Sehnsucht auf Zynismus: Gegensätze, die den besonderen Charakter der Band schon damals prägten.
Die Kehrseiten der Liebe
„You Don’t Care About Us“ rückte die Schattenseiten zwischenmenschlicher Beziehungen in den Mittelpunkt: emotionale Vernachlässigung und das schmerzhafte Gefühl, dem anderen nichts mehr zu bedeuten. Besonders interessant: Brian hatte die vorwurfsvollen Zeilen einst aus der Perspektive eines früheren Beziehungspartners verfasst und sich damit gewissermaßen selbst den Spiegel vorgehalten. Treibende Gitarren und ein eingängiger Refrain ließen „Teenage Angst“ zunächst beinahe unbeschwert erscheinen, während die eindringliche Streichermelodie live besonders schön zur Geltung kam. Doch unter der zugänglichen Oberfläche brodelten jugendliche Unsicherheit, Widerstand und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die berühmte Zeile „Since I was born I started to decay“ ging auf eine Aussage von Brians Mutter zurück, die ihm einst erklärte, dass der menschliche Verfall bereits mit der Geburt beginne. Ein verstörender Gedanke, der sich tief bei ihm eingeprägt hatte.
Shitty Nokias
„Mmmh, lecker. Guten Abend. Willkommen auf unserer Geburtstagsparty. Aber es ist eine Geburtstagsparty ohne Handy, okay?“, überraschte Brian mit einer Begrüßung auf Deutsch und sorgte damit für entzückte Reaktionen. Anschließend wechselte er ins Englische: „Because we are trying to go back in time. And in 1996, we didn’t have fucking smartphones. We had shitty fucking Nokias. And it took a half an hour to make a text message.“ Mit seinem herrlich trockenen Humor lud der Sänger die Fans ein, gemeinsam mit der Band in die Vergangenheit zu reisen. Dabei ließ er sie wissen, wie viel Freude sie ihm und Stefan bereiteten. Er bedankte sich für dieses fantastische Geburtstagsgeschenk und bat freundlich darum, die Handys in den Taschen zu lassen. Diesen Wunsch nahmen die Anwesenden erstaunlich ernst. Kaum ein Display leuchtete auf, die sonst so allgegenwärtigen Smartphones blieben nahezu vollständig verschwunden. Großer Jubel begleitete schließlich „Bionic“, das mit voller Wucht, treibenden Rhythmen und geradezu himmlischen Gitarrenparts seine ungestüme Energie entfaltete.
Kontraste
Ob das zunächst getragen anmutende „Allergic (to Thoughts of Mother Earth)“ seine Wirkung auch auf einer großen Konzertbühne entfalten würde? Schien dieses Stück doch eher für den ungestörten Musikgenuss in den eigenen vier Wänden geschaffen. Doch weit gefehlt! Live entwickelte der Song eine ganz besondere, beinahe hypnotische Atmosphäre. Brian und Stefan jammten sichtlich vergnügt miteinander, wechselten immer wieder ihre Positionen und zeigten, wie viel Spielfreude auch nach drei Jahrzehnten in ihnen steckte. Bei „36 Degrees“ verwandelten sich die mehrteiligen Leinwände in ein Mosaik aus unzähligen kleinen Quadraten, die das Livegeschehen aus unterschiedlichen Perspektiven widerspiegelten. Nervös pulsierende Bassläufe, flirrende Gitarren und ein treibender Beat verliehen dem Stück eine unterschwellige Unruhe. Die titelgebenden 36 Grad, knapp unterhalb der normalen Körpertemperatur, standen sinnbildlich für emotionale Kälte, schwindende Nähe und zunehmende innere Leere. Ein faszinierender Gegensatz zur fiebrigen Intensität, mit der sich der Song musikalisch entfaltete.
Zwischen Zärtlichkeit und Abgrund
Sanftere Töne schlug anschließend „I Know“ an. Brian breitete die Arme aus, schien den Augenblick ganz in sich aufzunehmen und ließ seiner gefühlvollen Seite Raum. Für einen Moment rückte die ungestüme Energie in den Hintergrund und machte einer beinahe zärtlichen Verletzlichkeit Platz. Das wilde, aufbrausende „Brick Shithouse“ drehte anschließend ordentlich auf, ehe ‚My Sweet Prince‘ mit seiner tiefen Melancholie die Herzen berührte. Dichter Nebel und sanftes lilafarbenes Licht hüllten die Bühne ein, während tiefe Pianoklänge eine schmerzlich schöne Atmosphäre schufen. Brians Stimme verschmolz mit jener der Backgroundsängerin, das Publikum lauschte nahezu ehrfürchtig. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Hinter der zärtlichen Anrede „My Sweet Prince“ verbarg sich die Geschichte einer zerstörerischen Abhängigkeit, die Brian einst mit zwei schmerzhaften Beziehungen verband – einer zu einem Menschen und einer zu einer Substanz. Liebe, Sehnsucht und Selbstverlust lagen hier beklemmend nah beieinander. Auch nach all den Jahren hatten die Zeilen nichts von ihrer emotionalen Wucht eingebüßt. Ohne große Visuals durfte die Musik ganz für sich sprechen.
Als der Funke übersprang
Dann kündigte Brian etwas durchaus Ungewöhnliches an: Gleich zu Beginn der Jubiläumstour hätten Placebo neue Musik veröffentlicht, die überraschend gut angekommen sei. Nun liege es am Publikum, ob man den Song auch heute Abend spielen solle. Zwei Möglichkeiten stünden zur Wahl: einfach weitermachen oder „the fucking song“ spielen. „I think we play the fucking song“, entschied der Sänger kurzerhand selbst und erntete begeisterten Jubel. Was folgte, war einer jener Momente, die sich ins Gedächtnis einprägten. „Helen Keller“ schlug eine wunderschöne Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, griff die Keyboardmelodie des Hidden Tracks „H.K. Farewell“ von 1996 auf und ließ daraus mit rohen Gitarren, sphärischen Klängen und einem eindringlichen Refrain etwas vollkommen Neues entstehen. Brian unterstrich seine Zeilen mit anmutigen Gesten und schien jede Sekunde dieser Darbietung auszukosten. Immer mehr Hände reckten sich in die Höhe, während sich eine beinahe berauschende Atmosphäre entfaltete. Spätestens jetzt war der Funke endgültig übergesprungen. Der Refrain ging unter die Haut, ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken – eine wahre Serotonindusche! Und als Brian liebevoll die Worte „I wish it never ends“ sang, sprach er damit wohl so manchem aus der Seele. Denn von solch kostbaren Augenblicken wie diesen konnte man einfach nicht genug bekommen. Mit dem rasanten „Bruise Pristine“ zogen Placebo das Tempo wieder kräftig an. Treibende Rhythmen und kantige Gitarren verliehen dem Stück eine unbändige Energie. Stefan riss voller Begeisterung die Arme in die Höhe, während beide Musiker immer wieder den direkten Blickkontakt zu einzelnen Fans suchten und ihnen mit diesen kleinen Gesten das Gefühl gaben, wahrgenommen zu werden und ein Teil dieses Abends zu sein. Auch der Wechsel zwischen Gitarre und Bass gehörte zum lebendigen Bühnengeschehen – eine musikalische Eigenheit, die Brian und Stefan bereits seit ihren gemeinsamen Anfängen pflegten.
Alte Liebe – neu entfacht
Mit den ersten Klängen von ‚Nancy Boy‘ schien die Bühne zum Schauplatz der wilden Neunzigerjahre zu werden. Auf den Leinwänden wechselten sich Ausschnitte alter Zeitschriftenartikel mit Videosequenzen aus der damaligen Zeit ab. Das ohnehin rasante Stück schien live noch einmal an Tempo zuzulegen. Immer wilder wirbelten die Drums, auch Brians Gesang gewann zunehmend an Geschwindigkeit. Endlich kam richtig Bewegung in die Arena! Die rohe, ungestüme Energie vergangener Tage flammte noch einmal eindrucksvoll auf. Immer wieder schickte Brian ein ausgelassenes „Hey!“ oder „Hey yeah!“ in die Menge, während Stefan sogar in den Fotograben hinunterstieg und sich unmittelbar vor den Fans an der Absperrung positionierte. Die Begeisterung kannte kaum noch Grenzen. Passioniert bearbeiteten die beiden ihre Instrumente. Mit jeder Faser ihres Körpers lebten sie diesen Song! Umso bemerkenswerter war diese überschäumende Energie, wenn man bedachte, dass Brian lange Zeit ein schwieriges Verhältnis zu „Nancy Boy“ gepflegt hatte. Die emotionale Verbindung zu dem einstigen Hit war ihm abhandengekommen, weshalb er ihn nicht einfach mechanisch herunterspielen wollte. So wich das Stück für einige Jahre aus dem Set. Erst die Begeisterung der Fans ließ ihn seine Haltung überdenken. Nun schien von dieser einstigen Distanz nichts mehr übrig zu sein.
Die Kraft der Veränderung
Erfüllt applaudierten Brian und Stefan selbst ihrem Publikum – welch wunderbare Geste. Stefan reckte seine Gitarre in die Höhe, Brian verneigte sich, dann verließen beide unter tosendem Jubel die Bühne. Was für ein mitreißender Abschluss des regulären Sets! Dabei war Brian Molko nie jener geborene Entertainer, der mühelos aus sich herausging. In der Placebo-Dokumentation bezeichnete er sich selbst als schüchternen, introvertierten Performer, dem Alkohol und Drogen einst das nötige Selbstvertrauen auf der Bühne verliehen hatten. Dass er heute nicht mehr den exzessiven Provokateur früherer Tage verkörperte, bedeutete keineswegs, dass es ihm an Leidenschaft fehlte. Vielmehr hatte dieser Abend gezeigt, dass sich Spielfreude und Intensität auch ohne die Eskapaden von damals entfalten konnten. Die Vergangenheit lebte in der Musik weiter, ohne dass die Menschen dahinter wieder zu ihren früheren Ichs werden mussten.
Ein Riff und tausend Erinnerungen
Zum Zugabenblock kehrte zunächst Stefan allein auf die Bühne zurück. Einige Minuten stand er einfach nur da, ließ den Blick durch die Arena schweifen und nahm den begeisterten Jubel der Menschen sichtlich beglückt in sich auf. Als Brian schließlich hinzukam und ebenfalls applaudierte, brandete die Geburtstagsparty erneut auf. Das weltbekannte Gitarrenriff von „Every You Every Me“ tat sein Übriges. Überraschenderweise verzichtete der Sänger während des gesamten Stücks auf sein Instrument und genoss die neu gewonnene Bewegungsfreiheit in vollen Zügen. Vom Bühnenrand schien er sich kaum noch lösen zu wollen, suchte die Nähe zu seinen Fans und spielte mit der Betonung längst vertrauter Worte. Und plötzlich waren sie wieder da, all die Erinnerungen an diesen Song, den man unzählige Male leidenschaftlich mitgesungen hatte: allein im Auto, gemeinsam mit Freunden, auf vollen Clubtanzflächen, riesigen Festivals oder bei mitreißenden Konzerten. Wer brauchte eigentlich Botox, wenn einen solche Momente wieder jung fühlen ließen? Auf den Leinwänden liefen Szenen des Musikvideos, ehe zum Ende des Songs die Scheinwerfer in leuchtenden Regenbogenfarben aufstrahlten.
Ein letzter Herzschlag
Gefühlt zu früh kündigte sich mit „Running Up That Hill (A Deal With God)“ von Kate Bush bereits das Ende des Abends an. Placebos überragende Coverversion entfaltete auch diesmal eine berührende Wirkung. Eine bewegende Pianomelodie, der pulsierende Herzschlagrhythmus und Brians gefühlvoller Gesang schufen eine beinahe meditative Atmosphäre. Unzählige kleine Lichtpunkte funkelten auf den LED-Wänden und ersetzten auf ihre Weise das vertraute Lichtermeer erhobener Smartphones, das man für einen flüchtigen Moment tatsächlich vermisste. Doch die Handys blieben weiterhin brav in den Taschen. Aus der besinnlichen Ruhe entwickelte sich schließlich ein kraftvoller, rockiger Part, der die Faszination noch einmal steigerte und das Publikum in seinen Bann zog. Ganz allmählich wandten sich Brian und Stefan mit ihren Instrumenten den Verstärkern zu und ließen die letzten Klänge lange nachhallen, bis schließlich auch der letzte Ton verklungen war. Unter tosendem Applaus rissen beide erfreut die Arme in die Höhe, winkten ihren Fans zu und verabschiedeten sich von der Bühne.
Die eigentliche Magie
Nach rund 90 Minuten war die Geburtstagsparty vorüber. Doch wer hätte 1996 gedacht, dass jener androgyne Provokateur, der mit schwarz lackierten Fingernägeln und schonungslos offenen Texten die Musikwelt aufmischte, drei Jahrzehnte später seine Freizeit gerne mit der Beobachtung von Vögeln verbringen würde? Einer besonders majestätischen Krähe in seinem Garten verlieh Brian sogar den Namen Marcus Aurelius, wie er dem Orkus! Magazin jüngst verriet. Der einstige Rebell hatte längst auch die leisen Seiten des Lebens für sich entdeckt. Auf der Bühne jedoch bewiesen er und Stefan, dass die Leidenschaft für ihre Musik keineswegs verblasst war. In der Doku brachte Brian auf den Punkt, was die Band für ihn bedeutete: „Placebo war immer größer als Brian und größer als Stefan.“ Jenes magische Etwas, das beim gemeinsamen Musizieren entstehe, wolle er gar nicht erst ergründen, weil er das Geheimnis und die Romantik darin liebe. An diesem Abend wurde spürbar, wie viel Wahrheit in diesen Worten lag.
Setlist Placebo:
„Pure Morning“ • „Come Home“ • „You Don’t Care About Us“ • „Teenage Angst“ • „Bionic“ • „Without You I’m Nothing“ • „Allergic (to Thoughts of Mother Earth)“ • „36 Degrees“ • „I Know“ • „Brick Shithouse“ • „My Sweet Prince“ • „Lady of the Flowers“ • „HELEN KELLER“ • „Bruise Pristine“ • „Nancy Boy“ ••• „Every You Every Me“ • „Running Up That Hill (A Deal With God)“ (Kate-Bush-Cover)
Text: Nadine Kloppert
Photos: Marcus Nathofer
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