So war es bei ROME

13. Februar 2026, Lübeck, Cargo Schiff
Rome – Zwanzig Lieder gegen die Stille
Lübeck in dieser Februarnacht wirkt, als hätte jemand die Welt leiser gedreht. Schnee fällt dicht über den Hafen, legt sich auf Geländer, Decksplanken, Schultern. Schritte klingen gedämpft, Gespräche werden zu Atem. Der Weg zum Cargo Schiff fühlt sich nicht wie ein Konzertbesuch an, sondern wie ein Übergang. Von draußen nach drinnen. Von Lärm zu Stille. Von Zeit zu etwas, das langsamer vergeht. ROME begleiten die dunklere Seite europäischer Geschichte und Gegenwart seit über zwei Jahrzehnten. Nicht als Pose, sondern als Haltung. Jérôme Reuters Lieder erzählen von Erinnerung, Verlust, Würde, Widerstand – immer politisch wach, immer poetisch offen, nie bequem. An diesem Abend steht er allein. Keine Band. Kein Schutz durch Lautstärke. Und plötzlich wird klar, wie viel Nähe Musik tragen kann.
Der Anfang gehört der neuen Zeit
Die ersten Töne von „The Twine and the Twist“ fallen vorsichtig in den Raum, gefolgt von „To the Great Work Only“ und „Twilight Leaves“, als würde sich der Abend erst selbst erzählen – drei Stücke, die wie leise Schritte in unbekanntes Gelände wirken. Später öffnen „The Lighthouse and the Catacombs“, „This Slaughter Behold“ und „Remember to Dare“ einen stillen Horizont zwischen Hoffnung und Schwere, bis „This Hour Her Vigil“ alles in ruhige Wachsamkeit führt und den ersten Kreis des neuen Albums „The Tower“ schließt. Mit „Secret Harbour“ aus „The Hierophant“ scheint der Blick kurz hinaus über dunkles Wasser zu wandern. Danach holen „Neue Erinnerung“, „Celine in Jerusalem“ das Publikum zurück in die Wirklichkeit – hin in die ganz eigene Klangwelt ROMEs.
Zwischen Welt und Wunde
„Todo Es Nada“ trägt eine stille Schwere, eine Müdigkeit, die viele kennen. Danach leuchten „In Brightest Black“ und das neue „Stars and Stripes“ wie fragile Hoffnung im Dunst, bevor „Who Only Europe Know“ und „Tomorrow We Live“ Vergangenheit und Zukunft in derselben Zeile berühren. Später schneiden „The Twain“ und „Ächtung, Baby!“ mit ungewohnter Klarheit durch die Stille, verbinden rohe Direktheit mit poetischer Schärfe, während „Uropia O Morte“ den Raum fast zum Stillstand bringt und den Abend in eine fast sakrale Ruhe führt. Für die Zugabe bleibt „One Lion’s Roar“ – kein lauter Abschluss, sondern ein letzter, tiefer Atemzug. Dann Stille. Und niemand wagt, sie zu früh zu brechen.
Was bleibt, wenn nichts mehr spielt
Als der Abend endet, spricht kaum jemand sofort. Nicht aus Ehrfurcht, sondern eher, weil Worte noch nicht wieder passen. Ein Mann, eine Gitarre, zwanzig Lieder – mehr braucht es manchmal nicht, um Zeit anzuhalten. Gerade im Jetzt, das oft von Lautstärke lebt, zeigt dieser Abend die Kraft der Reduktion. Draußen fällt der Schnee dichter als zuvor. Er dämpft Schritte, schluckt Geräusche, macht die Nacht weiter. Man geht langsam über das Deck, am Ufer entlang, zurück in eine Welt, die wieder lauter sein wird. Doch etwas bleibt zurück – nicht im Raum, sondern unter der Haut. Vielleicht ist das die eigentliche Stärke solcher Abende: Sie beweisen, dass Reduktion kein Verlust ist, sondern Wahrheit. Und während Schneeflocken im Licht der Laternen treiben, steht ein Gedanke still zwischen ihnen: Manche Lieder enden nicht. Sie warten nur, bis man wieder leise genug wird.
Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann
Setlist:
„The Twine and the Twist“ • „To the Great Work Only“ • „Twilight Leaves“ • „The Lighthouse and the Catacombs“ • „This Slaughter Behold“ • „Remember to Dare“ • „This Hour Her Vigil“ • „Secret Harbour“ • „Neue Erinnerung“ • „Celine in Jerusalem“ • „Vaterland“ • „Todo Es Nada“ • „In Brightest Black“ • „Stars and Stripes“ • „Who Only Europe Know“ • „Tomorrow We Live“ • „The Twain“ • „Ächtung, Baby!“ • „Uropia O Morte“ ••• „One Lion’s Roar“
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