So war es bei DE/VISION Redux

14. Februar 2026, Hamburg, Markthalle
Support: Thomas Schernikau, M/A/T                                                                                  

Wenn Synthpop leiser wird – und stärker

Es gibt Bands, die eine Szene begleiten. Und es gibt Bands, die sie mitgeprägt haben. De/Vision gehören seit Ende der Achtziger zu jenen Namen, die den deutschen Synthpop mit Melodie und emotionaler Offenheit aufgeladen haben. Nie kühl um der Kühle willen und kein Pathos ohne Substanz. Sie haben Synthpop nie nur als Stil verstanden, sondern als Gefühl – verletzlich, direkt, manchmal trotzig, oft melancholisch. Als etwas, das unter die Haut geht, statt nur im Club zu funktionieren. Mit De/Vision Redux schlagen sie nun ein anderes Kapitel auf – reduzierter, direkter, neu gedacht. Mit Redux legen sie ihre Songs frei, streifen ihnen die dichte Produktion ab wie eine Rüstung.  – Ein bewusstes Freilegen dessen, was immer schon der Kern war.

Hamburg am 14. Februar 2026. Draußen klirrt die Kälte, drinnen sammelt sich Stille. Es ist Valentinstag – aber ohne Kitsch, ohne rote Herzen. Hier geht es um andere Formen von Nähe. Um die Art von Intimität, die entsteht, wenn ein Song plötzlich persönlicher klingt als jede Liebeserklärung. Die Markthalle wirkt an diesem Abend kleiner als sonst. Nicht wegen der Menschen – sie ist gut gefüllt –, sondern wegen der Stimmung. Gedämpfte Gespräche, dichter Nebel, warmes Licht, das kaum über Kopfhöhe hinausreicht. Kein grelles Spektakel.
Eher ein Saal, der zuhört – und tanzen lässt.

Vorspiel im Halbdunkel

Den Auftakt übernimmt Thomas Schernikau von Forced to Mode. Allein auf der Bühne zeigt er eine andere Facette – reduziert, klar, fokussiert. Seine Stimme trägt Ernsthaftigkeit, fast etwas Kontemplatives, als würde er jede Zeile noch einmal gegen das Licht halten, bevor er sie freigibt. Kein großes Spektakel, sondern ein konzentrierter Einstieg, der das Publikum aufmerksam macht, statt es zu überrollen. Ein leiser Auftakt, der das Publikum auf das, was noch kommen mag, vorbereitet.
Danach betreten M/A/T die Bühne. Elektronische Strukturen, klarer, harter Bass, eine Spur Kälte im Sound.
Die Beats greifen schneller, das Licht wird härter, erste Körper beginnen sich im Takt zu wiegen. Wir sind jetzt wach und atmen im Rhythmus.

Redux – Herzschlag ohne Panzer

Ein leises Intro, dann „Drifter“ – und sofort liegt diese besondere Mischung aus Melancholie und Energie in der Luft. Nicht laut, nicht aufdringlich, sondern wie ein vertrauter Gedanke, der zurückkehrt. Mit „Addict“ und „Rage“ zieht Druck ein, kontrolliert, fokussiert, ohne die emotionale Linie zu verlieren. Hier wird nichts überzeichnet, nichts künstlich aufgeblasen – jede Note wirkt bewusster gesetzt. „I’m Not Dreaming of You“ öffnet den Abend nach innen, fast wie ein stilles Selbstgespräch. Danach setzen „Flavour of the Week“ und „Free from Cares“ helle Kontraste in den Nebel, lassen Bewegung entstehen, ohne die Intimität zu brechen. Später folgen „I Regret“ und „Time to Be Alive“, zwei Songs, die zwischen Selbstreflexion und Aufbruch pendeln. Mit „Dress Me When I Bleed“ wird es intimer, beinahe verletzlich, bevor „Blue Moon“ und „Dinner without Grace“ die emotionale Tiefe weiter ausleuchten und zeigen, wie viel Substanz in diesen Stücken steckt. „Deliver Me“ zieht die Energie wieder nach oben, treibt nach vorn, während „Your Hands On My Skin“ Nähe beinahe greifbar macht – nicht inszeniert, sondern ehrlich, unmittelbar. „Synchronize“ bringt schließlich alles zusammen – Bewegung, Erinnerung, kollektives Mitsingen. Der Saal pulsiert geschlossen, nicht wild, sondern bewusst. Kein ekstatischer Ausbruch, sondern ein gemeinsamer Herzschlag.

Zugaben, die bleiben

Mit „Strange Affection“ kehren De/Vision zurück – und plötzlich liegt dieser alte Zauber im Raum, dieser bittersüße Sog zwischen Sehnsucht und Tanzfläche. Die Stimmen im Publikum tragen den Refrain weiter, fast zärtlich, fast trotzig, als wollten sie ihn festhalten. Im Anschluss „Try to Forget“. Der Titel wirkt wie ein Widerspruch, denn niemand hier will vergessen. Der Song wächst langsam, baut sich Schicht für Schicht auf, ohne Eile, ohne Drängen, und löst sich schließlich in einem letzten gemeinsamen Moment. Kein großes Finale. Kein dramatischer Schlussakkord. – Eher ein bewusstes Ausklingen – wie ein einzelner langer Atemzug, der noch im Raum hängt, als das Licht bereits heller wird.

Nachhall

De/Vision zeigen mit ihrem Projekt Redux in Hamburg, dass Reduktion keine Schwäche ist. Im Gegenteil: Wenn elektronische Klassiker ihre dichte Produktion ablegen, bleibt das, was sie immer getragen hat – kontrollierte, konzentrierte Ehrlichkeit. De/Vision haben an diesem Abend nichts neu erfunden. Sie haben freigelegt, was immer schon da war: Emotion ohne Panzer, Melodie ohne Ablenkung, Nähe ohne Distanz. Vielleicht ist das die eigentliche Stärke von Redux: Nicht lauter zu sein, sondern ehrlicher. Und manchmal reicht genau das.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann

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