So war es bei TARJA

1. Oktober 2026, Hamburger Markthalle
Support: Symphonity, Chaoseym

Opernabend? Am Arsch! Tarja zeigt Hamburg die Zähne

Stell Dir vor, Du möchtest deinen Lieblingsmenschen mit einem Konzertbesuch überraschen. Du erzählst von einer finnischen Sängerin, einer engelsgleichen Stimme, klassischer Opernausbildung und Melodien, die selbst einer Walküre feuchte Augen bescheren könnten. Klingt nach einem romantischen Abend voller musikalischer Anmut, oder? Könnte funktionieren. Zumindest bis Tarja Turunen die Bühne betritt, die Gitarren losprügeln und der Bass den letzten Rest gepflegter Konzertsaalatmosphäre aus der Hamburger Markthalle fegt. Willkommen bei Tarja. Hier trägt die Oper schwarze Stiefel. Und die haben verdammt schwere Sohlen.

Eine Stimme, die den Metal verändert hat

Wer sich irgendwann zwischen Gothic, Symphonic Metal und düsteren Klanglandschaften verloren hat, kommt an Tarja Turunen kaum vorbei. 1996 gehörte die klassisch ausgebildete finnische Sopranistin zu den Gründungsmitgliedern von Nightwish. Bis zur Trennung 2005 war sie die erste Frontfrau jener Band, die mit ihrer ungewöhnlichen Mischung aus harten Gitarren, orchestraler Dramatik und opernhaftem Gesang ein ganzes Genre mitprägte. Natürlich gab es schon vorher Metal mit klassischen Einflüssen. Aber Tarjas Stimme gab dieser Verbindung eine eigene Identität. Während andere Sängerinnen ihre Melodien mit rauer Rockstimme über die Gitarren trugen, stellte sie ihnen eine Stimme entgegen, die ebenso gut über einem Orchester hätte schweben können. Nur dass unter ihr eben keine Geigen allein spielten, sondern verzerrte Gitarren und donnernde Drums. Eine Kombination, die unzählige Fans begeisterte und vielen späteren Symphonic-Metal-Bands den Weg zeigte.

Seit ihrem Abschied von Nightwish geht Tarja ihren eigenen Weg. Nicht immer geradlinig, dafür musikalisch umso interessanter. Symphonic Rock, Metal, klassische Musik, dunkle Balladen und orchestrale Ausflüge gehören längst zu ihrer eigenen Welt. Mit „Frisson Noir“, erschienen im Juni 2026, zieht es sie wieder deutlicher zu den härteren Wurzeln. Sieben Jahre nach ihrem letzten regulären Metal-Studioalbum präsentiert die Finnin neues Material, das weniger auf gefällige Schönheit und stärker auf metallische Schärfe setzt. Der Erfolg gibt ihr recht: Platz zwölf in den deutschen Albumcharts.

Am Donnerstag, dem 1. Oktober, macht die „Frisson Live 2026“-Tour Station in Hamburg. Die Markthalle ist nicht ausverkauft, aber sehr gut gefüllt. Bemerkenswert, wie viele Frauen an diesem Abend den Weg in die Markthalle gefunden haben. Überhaupt scheint Tarjas Stimme keine Altersgrenzen zu kennen. Hier feiern Menschen verschiedener Generationen eine Sängerin, die den Metal seit drei Jahrzehnten mitprägt. Bevor Tarja das Kommando übernimmt, gibt es allerdings erst einmal zwei musikalische Aufwärmrunden.

Symphonity – tschechischer Metal mit einem deutschen Klassiker

Den Anfang machen Symphonity aus Tschechien. Ihr melodischer Symphonic- und Power Metal verbindet schnelle Gitarren, klassische Einflüsse und große Melodiebögen zu einem Sound, der durchaus zur heutigen Hauptdarstellerin passt.

Chaoseum – die Schweizer schütteln Hamburg

Chaoseum aus der Schweiz treten anschließend deutlich gröber auf das Gaspedal. Moderner Metal, Alternative- und Nu-Metal-Einflüsse, beißende Gitarren und eine wesentlich aggressivere Gangart sorgen für einen willkommenen Kontrast zum symphonischen Auftakt.

Eine Stimme zwischen Himmel, Hölle und Gitarrensaiten

Als Tarja die Bühne übernimmt, ist Schluss mit musikalischer Höflichkeit. „Frisson Noir“ eröffnet den Abend mit bissigen Gitarren, treibenden Drums und jener unverwechselbaren Stimme, die selbst dem härtesten Riff noch eine Portion Operndrama verpasst. „Lost Northern Star“ führt zurück in die frühen Solojahre, während „Neverlight“ die Gitarren wieder ordentlich von der Leine lässt. Mit „Serene“ wird es melodischer, bevor „Love to Hate“ die Stimmung verdunkelt und dem Ganzen eine bedrohliche Schärfe gibt. Tarja schwebt dabei nicht einfach engelsgleich über dem Metal. Sie packt ihn bei den Hörnern, lässt ihre klassisch geschulte Stimme gegen die Gitarren antreten und macht aus diesem scheinbaren Widerspruch ihre ganz eigene Kunst. Oper trifft Metal. Die Markthalle bekommt beides. Und zwar nicht gerade zimperlich.

„At Sea“ – raus aufs dunkle Meer

Mit „At Sea“ nimmt Tarja plötzlich den Fuß vom Gaspedal. Statt des nächsten schnellen Metalbretts folgt eine ausladende Komposition, die sich zwischen orchestraler Weite, düsteren Passagen und aufbrechenden Gitarren bewegt. Fast zehn Minuten, in denen die Musik wie ein Schiff über ein verdammt unruhiges Meer treibt. Mal liegt alles beinahe still, im nächsten Augenblick türmen sich die Instrumente auf, als würde hinter dem Horizont ein Gewitter losbrechen. Darüber zieht Tarjas Stimme ihre Kreise, majestätisch und gleichzeitig voller Melancholie. Kein Song für den schnellen Biernachschub. Hier lohnt es sich, zuzuhören. Mit „Ciarán’s Well“ geht es anschließend wieder deutlich ruppiger zur Sache. Die Gitarren bekommen Auslauf, bevor „Tears in Rain“ die Stimmung zurück ins Melancholische zieht. Harte Riffs und verletzliche Melodien liegen bei Tarja eben manchmal nur wenige Takte auseinander.

„I Walk Alone“ – ein Klassiker mit Narben

„I Walk Alone“ gehört zu den Songs, die Tarja seit ihren ersten Soloschritten begleiten. Und vermutlich wird dieser Titel für sie immer ein bisschen mehr sein als nur ein Stück Musik. Nach dem Ende ihrer Nightwish-Zeit stand sie plötzlich allein da – zumindest musikalisch. Der Song wurde zu einer Art persönlichem Bekenntnis, den eigenen Weg zu gehen, auch wenn dieser nicht immer bequem ist. In Hamburg trägt sie diese Botschaft mit ihrer unverwechselbaren Stimme durch die Markthalle. Der Refrain besitzt noch immer jene dunkle Schönheit, die schon 2007 hängen blieb. Fast zwanzig Jahre später ist aus dem damaligen Aufbruch längst eine eigene musikalische Geschichte geworden. Und die klingt alles andere als einsam.

Auch Engel haben dunkle Seiten

Nach so viel Metal zieht Tarja erst einmal den Stecker. Zumindest gefühlt. Es folgt ein akustischer Abschnitt, der die Markthalle für einige Minuten in eine andere Welt schickt. Keine Gitarren, die alles niederwalzen, keine donnernden Drums. Stattdessen Melodien, Zwischentöne und diese verdammte Stimme. „Boy and the Ghost“ eröffnet den ruhigeren Teil, „Montañas de silencio“ bringt eine spanische Note hinein. Mit „Calling Grace“ wird es beinahe zerbrechlich, bevor „The Living End“ und „Underneath“ das akustische Kapitel abrunden. Fünf Songs, die beweisen, dass Tarja keine Verstärkerwand braucht, um einen Raum zu füllen. Gerade in den leiseren Momenten bekommt ihr Gesang eine besondere Nähe. Jede kleine Veränderung, jeder dunklere Ton sitzt plötzlich direkt unter der Haut. Für die Metaller eine kurze Pause für die Nackenmuskulatur. Für die Romantiker endlich die versprochene engelsgleiche Walküre. Lange bleibt sie allerdings nicht friedlich.

Engel können auch beißen

Mit „Calling from the Wild“ fliegt die akustische Zurückhaltung über Bord. Die Gitarren dürfen wieder knurren, das Schlagzeug legt nach und Tarja schickt ihre Stimme zurück mitten ins metallische Getümmel. „I Don’t Care“ vom neuen Album zieht die Schrauben weiter an. Auf der Studioversion steht ihr dabei Dani Filth von Cradle of Filth zur Seite – eine ziemlich finstere Kombination, die zeigt, wie wenig Berührungsängste Tarja gegenüber den härteren Ecken des Metal besitzt. „Dead Promises“ setzt noch einen drauf, bevor „The Trace Outlives“ die dunklere, melodischere Seite des neuen Materials aufgreift. Hier treffen melodische Weite und eine dunklere Grundstimmung aufeinander, während Tarja ihre Stimme zwischen Zurückhaltung und dramatischer Größe bewegt, ohne dabei auch nur eine Sekunde nach klassischer Konzertsaal-Etikette zu klingen. Die Oper trägt wieder Stahlkappen und Schönheit darf hier durchaus Kratzer haben.

„Until My Last Breath“ – noch einmal tief Luft holen

Mit „Until My Last Breath“ nähert sich der Abend seinem Ende. Ein Song, der längst zum festen Inventar ihrer Solokarriere gehört und dessen Refrain noch immer erstaunlich hartnäckig im Kopf bleibt. Die Gitarren liefern den nötigen Dreck, Tarja zieht die Melodie darüber und zeigt noch einmal, warum diese ungewöhnliche Verbindung seit Jahrzehnten funktioniert. Ein letztes Mal tief Luft holen. Denn ganz fertig ist die Finnin noch nicht. „Against The Odds“ setzt den Schlusspunkt. Ein Titel, der zu Tarjas Geschichte passt. Nach dem Ende bei Nightwish hätte sie problemlos für immer im Schatten ihrer alten Band verschwinden können. Stattdessen hat sie sich ihre eigene musikalische Welt aufgebaut – mit Umwegen, Experimenten und einer ziemlich unerschütterlichen Portion Eigensinn. Der neue Song bündelt zum Abschluss noch einmal die großen Gegensätze ihres Sounds. Harte Gitarren, orchestrale Dramatik und darüber diese Stimme, die selbst nach drei Jahrzehnten nichts von ihrer Eigenständigkeit verloren hat. Kein zuckersüßes Finale. Eher ein musikalischer Mittelfinger gegen die Vorstellung, dass ihre Geschichte längst auserzählt sei. Die Markthalle verabschiedet ihre finnische Walküre. Und die hat an diesem Abend ordentlich Zähne gezeigt.

Fazit – Engel tragen manchmal Stahlkappen

Natürlich wird Tarja Turunen immer mit Nightwish verbunden bleiben. Sie hat den Sound der Band und damit einen guten Teil des Symphonic Metal entscheidend geprägt. Aber wer sie 2026 noch immer ausschließlich als ehemalige Nightwish-Sängerin betrachtet, hat verdammt viel verpasst. Mit „Frisson Noir“ kehrt sie hörbar zu ihren härteren Wurzeln zurück. In Hamburg treffen neue Metalstücke auf alte Soloklassiker, dunkle Melancholie und einen Akustikblock, der zeigt, wie viel diese Stimme auch ohne Gitarrengewitter erzählen kann. Nicht jeder Moment muss dabei bis an die Schmerzgrenze laut sein. Gerade die Wechsel zwischen dunkler Ballade, klassischem Gesang und harten Gitarren geben diesem Abend seinen Charakter. Tarja führt durch einen Abend, der zwischen Oper, Metal und schwarzer Romantik pendelt, ohne sich für irgendeine dieser Seiten entschuldigen zu müssen. Und was ist nun mit dem Lieblingsmenschen, den man mit einem vermeintlich romantischen Konzert überraschen wollte? Der dürfte inzwischen wissen, dass eine engelsgleiche Stimme nicht zwangsläufig einen sanften Abend bedeutet. Manchmal trägt der Engel eben schwarze Stiefel. Mit Stahlkappen. Und darunter steckt verdammt guter Metal.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann

Setlist:
• „Frisson Noir“ • „Lost Northern Star“ • „Neverlight“ • „Serene“ • „Love to Hate“ • „At Sea“ • „Ciarán’s Well“ • „Tears in Rain“ • „I Walk Alone“ • „Boy and the Ghost“ (Akustisch) • „Montañas de silencio“ (Akustisch) • „Calling Grace“ (Akustisch) • „The Living End“ (Akustisch) • „Underneath“ (Akustisch) • „Calling from the Wild“ • „I Don’t Care“ • „Dead Promises“ • „The Trace Outlives“ • „Until My Last Breath“ • „Against The Odds“

Höre Tarja in unserer „Female Metal Voices in Darkness“-Playlist auf Spotify:

Wir führten mit Tarja dieses Jahr ein ausfürhliches Interview:

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