THE HARDKISS im Interview (Teil 2/2)

Wir sprechen mit Julia Sanina von The Hardkiss in unserem zweiteiligen Interview über das neue Album „Grey Hound“, kalten Beton, das Konzept „Zeit“ und die Veränderungen, die sie im Laufe des 15-jährigen Bestehens der Band miterlebte. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.
O: Welcher Song auf „Grey Hound“ bedeutet dir persönlich am meisten und warum?
Julia Sanina: Ich glaube, jedes Bandmitglied würde diese Frage anders beantworten, aber für mich ist es „Opera“. Es ist eine sehr weitläufige Komposition, sowohl musikalisch als auch emotional. Als Sängerin gibt mir der Song viel Raum, mich auszudrücken, und auch der Text trägt viel Gefühl in sich.
Interessanterweise kam mir der Text sehr schnell. Das ist für mich meist ein gutes Zeichen. Ich liebe diese Momente, in denen sich ein Song fast von selbst schreibt und die Worte ganz natürlich entstehen. „Opera“ war einer dieser Songs.
O: Welche der neuen Songs haben sich bereits live als besonders stark erwiesen oder auf welche freust du dich auf der Bühne am meisten?
JS: Live machen meist die energiegeladenen Songs am meisten Spaß. Wir hatten bereits die Gelegenheit, mehrere der neuen Stücke beim Greenfield Festival zu spielen, und „I Love You“ ist dort förmlich explodiert.
O: The Hardkiss verfügt inzwischen über einen umfangreichen Katalog. Wie schwierig ist es heute, eine Setlist zusammenzustellen, die eure verschiedenen musikalischen Facetten widerspiegelt?
JS: The Hardkiss gibt es nun seit 15 Jahren, und in dieser Zeit haben wir mit vielen verschiedenen Sounds und Stilen experimentiert. Wir haben zahlreiche sanftere, melodischere Songs – besonders auf Ukrainisch –, die bei unserem Publikum sehr beliebt geworden sind.
Derzeit interessieren wir uns jedoch besonders für alternative und härtere Musik. Deshalb konzentrieren sich unsere Festival-Setlists eher auf die energiegeladenere Seite der Band.
Bei unseren eigenen Konzerten sieht das anders aus. Dort können wir das gesamte Spektrum dessen zeigen, wer wir sind. Wir spielen Songs auf Ukrainisch und Englisch und verbinden kraftvolle Rockmomente mit intimeren und emotionaleren Augenblicken. In gewisser Weise spiegeln unsere Konzerte immer noch die beiden Seiten wider, die The Hardkiss seit jeher definieren: das Hard und das Kiss.
O: Welche Momente während eines Konzerts genießt du am meisten?
JS: Mein Lieblingsmoment einer Show ist meistens die zweite Hälfte. Dann ist die Nervosität verschwunden, man ist ganz in der Performance angekommen, und auch das Publikum hat sich auf einen eingelassen. Genau dann entsteht eine echte Verbindung zwischen uns.
Und danach liebe ich es, die Geschichten der Menschen zu sehen und ihre Reaktionen zu lesen.
O: Das Tourleben hat viele schöne Seiten, aber auch Herausforderungen. Worauf könntest du dabei am ehesten verzichten?
JS: Ganz ehrlich: Auf Tabellenkalkulationen, Budgetplanung und logistische Organisation könnte ich gut verzichten. In der Ukraine übernimmt das normalerweise der Tourveranstalter. Als Musiker mussten wir uns nie wirklich selbst um diese Dinge kümmern. Man wird zur Location gebracht, spielt die Show und das war’s. So kann man sich vollständig auf die Musik konzentrieren.
In Europa funktioniert das System ganz anders, und dies war das erste Mal, dass wir es in diesem Ausmaß erlebt haben. Plötzlich beschäftigt man sich schon vor Tourbeginn mit Finanzplanung, Routen, Transport, Unterkünften, Zeitplänen und unzähligen anderen Details.
O: Wann wurde dir bewusst, dass Musik nicht nur eine Leidenschaft, sondern dein Lebensweg sein würde?
JS: Ich wusste mein ganzes Leben lang, dass ich Musikerin werden würde. Ich wurde in eine Musikerfamilie hineingeboren und stand bereits mit drei Jahren zum ersten Mal auf einer Bühne. Mit neun gewann ich schon Gesangswettbewerbe, daher stellte sich die Frage nach Musik für mich nie wirklich.
Sie war einfach immer da, ein natürlicher Teil meiner Persönlichkeit.
Ich fühle mich unglaublich glücklich, dass ich so viele Jahre mit dem verbringen durfte, was ich liebe, und dass ich die Möglichkeit hatte, in der Musik eine Karriere auf diesem Niveau aufzubauen.
O: Woran erinnerst du dich besonders bezüglich der Anfänge von The Hardkiss und welche Herausforderungen musstet ihr damals meistern?
JS: Val und ich begannen Musik zu machen, weil es uns einfach Freude bereitete. Ganz am Anfang trafen wir eine Vereinbarung mit uns selbst: Wir würden diesem Projekt drei Jahre geben und sehen, ob daraus etwas Größeres werden könnte.
Ich kann ehrlich sagen, dass unser Start relativ reibungslos verlief. Von Anfang an machten wir alles selbst – vom Schreiben und Produzieren der Musik bis hin zu den visuellen Konzepten und Musikvideos. Kreativ waren wir nie von anderen abhängig, und ich denke, genau diese Unabhängigkeit hat unsere Identität als Band geprägt. Unser Auftreten in der ukrainischen Musikszene blieb definitiv nicht unbemerkt.
Heute konzentrieren wir uns darauf, innerhalb der europäischen Musikszene zu wachsen, und das ist eine deutlich größere Herausforderung. Wir verfügen zwar über viel Erfahrung, aber sie stammt aus einem anderen Markt. Die europäische Musikindustrie funktioniert nach ganz anderen Regeln, und wir lernen noch immer und passen uns an. In vielerlei Hinsicht fühlt es sich wie ein neues Kapitel für die Band an.
O: Wie hat sich das Leben als Musikerin in den letzten Jahren verändert und welche Herausforderungen bringt die heutige Musikindustrie mit sich?
JS: Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es heute viel schwieriger ist, Musiker zu sein als noch vor zehn Jahren. Einerseits gibt es soziale Medien und unabhängige Plattformen, über die Künstler ihr Publikum direkt erreichen können. Andererseits wird jeden Tag so viel Content veröffentlicht, dass man leicht in der Masse untergeht.
Auch Tourneen sind unglaublich teuer geworden, und immer mehr Künstler sprechen darüber, wie schwer es geworden ist, überhaupt auf Tour zu gehen. Gleichzeitig ändern sich die Algorithmen sozialer Netzwerke scheinbar alle paar Monate. Man kann sich nicht mehr ausschließlich auf die Musik konzentrieren. Um sein Publikum zu erreichen, muss man gleichzeitig Entertainer, Content Creator und Social-Media-Manager sein.
O: Ihr tretet bald wieder in Deutschland auf. Welche Vorstellungen oder Klischees über deutsche Fans und die deutsche Kultur sind euch begegnet?
JS: Was die Klischees betrifft, die wir gerne widerlegen würden: Ich habe gehört, dass das Publikum sehr ernst, extrem anspruchsvoll und schwer zu begeistern sei. Außerdem wurde mir erzählt, dass wir zum Frühstück, Mittag- und Abendessen Würstchen essen würden und dass alles strikt nach Regeln ablaufen müsse, ohne Raum für Improvisation.
Aber ehrlich gesagt bin ich mir ziemlich sicher, dass das nur Klischees sind, die wenig mit der Realität zu tun haben. Ich habe bereits einmal ein Akustik-Set beim Wacken Open Air gespielt, und das Publikum war unglaublich herzlich und offen. Deshalb hoffe ich, dass wir genau das wieder erleben werden.
O: Was gibt dir in der heutigen Zeit Kraft und Zuversicht für die Zukunft?
JS: Ich schöpfe viel Energie aus dem Optimismus anderer Menschen, aus dem Lächeln meines Sohnes und aus den lieben Nachrichten, die wir über unsere Musik erhalten. Solange ich weiß, dass unsere Musik den Menschen etwas bedeutet und dass das, was wir tun, einen Sinn hat, gibt mir das immer Kraft und Freude – ganz egal, was passiert.
Annabelle Reiter
Line-up:
Julia Sanina – Gesang
Valeriy „Val“ Bebko – Gitarre
Klym Lysiuk – Bass
Zhenya – Schlagzeug
Höre The Hardkiss in unserer „Current Issue“-Playlist auf Spotify:
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