UNTER NULL: „Coming Up to Breath“

Ritual der Wunden
Aus der US-amerikanischen Dark-Electro- und Industrial-Szene erhebt sich Unter Null mit „The Rise from Ruin [and the Ritual of Becoming]“ – einem Werk als emotionale Exhumierung, das am 26. Juni 2026 erscheint. Schon der Titel deutet an: Hier wird nicht archiviert, hier wird verwandelt. „Es fühlt sich in gewisser Weise an wie das Wiederaufreißen alter Wunden“, sagt Erica Dunham, „aber auch als Erinnerung daran, wie weit ich gekommen bin.“ Was damals Schmerz, Wut und Verlust war, sei heute ein Spiegel von „Resilienz, Wachstum und Transformation“.
Zwischen Ruin und Erkenntnis
Die alten Aufnahmen beschreibt sie als „Tagebuch einer sehr intensiven Zeit“. Musik sei damals „meine Art gewesen, alles zu verarbeiten – Schmerz, Enttäuschung, Verlust“. Heute höre sie darin nicht nur die Verletzung, sondern auch die Entwicklung: „Die Musik hat sich nicht verändert, aber ich habe mich verändert.“ Rückblickend erkenne sie Muster von Selbstaufgabe und emotionaler Überforderung. „Ich dachte, ich liebe einfach nur tief – heute sehe ich, wie viel ich von mir selbst dafür geopfert habe.“ Genau darin liege die eigentliche Erkenntnis dieses Releases: nicht Nostalgie, sondern Klarheit.
Die Wahrheit der Überforderung
Besonders deutlich wird diese emotionale Rohheit in den Texten. Über „Destroy Me“ sagt Dunham: „Das kam aus einer sehr ungesunden Beziehung, in der ich immer mehr gegeben habe, als ich zurückbekam.“ Es sei kein plakativer Schmerz, sondern „Erosion – Stück für Stück verliert man sich selbst“. Auch „Martyr“ beschreibt sie rückblickend nicht als Provokation, sondern als „emotionale Verblutung“. Keine Gewaltfantasie, sondern das Gefühl, „die eigenen Grenzen für jemanden verloren zu haben, der sie nie gesehen hat“. Wichtig sei ihr heute die Erkenntnis: „Ich habe damals Loyalität mit Selbstaufgabe verwechselt.“
Ritual des Werdens
Rückblickend versteht Erica diese Phase heute als Prozess: „Musik war damals Überleben.“ Sie habe vieles nicht aussprechen können und deshalb in Songs verwandelt. „Das waren die Worte, die ich im echten Leben nicht sagen konnte.“ Der Titelzusatz „and the Ritual of Becoming“ steht für diesen Wandel: „‚Becoming‘ ist kein Moment, es ist ein lebenslanges Ritual aus Verlust und Neubeginn.“ Heute hört sie diese Vergangenheit mit Mitgefühl: „Ich würde meinem früheren Ich sagen: Du musst dir Liebe nicht verdienen durch Schmerz. Vertrau dir. Du bist stärker, als du glaubst.“
Jan Schütz (Meersein)
Line-up:
Erica Dunham – Gesang, Keyboard
Krz Souls – Schlagzeug
Sieh Dir das Video zu „Coming up to Breathe“ an: