VIRTUAL PERISH im Interview (2/2)

Wir sprechen in unserem zweiteiligen Interview mit Virtual Perish über ihr neues Album „Virtual Parish“, das am 23. Oktober 2026 erscheint. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.

Orkus: Gab es auch ein Stück, das euch besonderes Kopfzerbrechen bereitet hat? Woran lag es?
Aurelio: Auf diesem Album ist es auf jeden Fall der Titeltrack. Der Refrain war lange Zeit zu sehr wie ein Kinderlied gehalten und wir mussten sehr viel ausprobieren, damit er so gut klingt, wie er jetzt klingt. Die Arbeit hat sich gelohnt, da es sogar mein Lieblingssong auf dem Album sein könnte. „Doomscroll“ war auch eine persönliche Herausforderung, da es der einzige Song auf dem Album ist, in dem ich den kompletten Gesang übernehme.
Iris: Für mich war das definitiv ein Song, welcher erst in der Pipeline ist – eine grenzgeniale Inkarnation des High-End-Industrial, dieses Genre ist ohnehin meine Homebase. Das Problem lässt sich mit „Jammern auf hohem Niveau“ ganz gut beschreiben: Ich fand das Instrumental von Anfang an bereits so perfekt, dass ich es partout nicht mit Gesang „ruinieren“ wollte. (grinst) Nach ein paar Mal Hören hat sich meine innere Sängerinnen-Rampensau dann doch durchgesetzt, und – zumindest aus meiner Sicht – ganz brauchbare Vocal-Lines gezaubert. Das könnt ihr ja dann in einiger Zeit selbst beurteilen 😉
William: Für mich war es definitiv „Roleplay“, unser Tribut zur Band Mushroomhead. Gleich drei Sänger auf einmal zu verkörpern war schon schwer genug, aber die geschrienen Parts von Jeffrey Nothing haben mich echt dazu gezwungen, eine neue Gesangstechnik zu lernen. Ich hab’s aber immer noch nicht ganz raus.

O: Das Album wird schon kraftvoll mit „MAD“ eingeleitet. Gibt es eine Entstehungsgeschichte?
Aurelio: Der Song war angedacht als durch und durch Nu-Metal-Song und das ist auch daraus geworden. Der Duett-Aspekt ist vor allem sehr gut gelungen, womit wir auch das Talent von unserer Iris voll darbieten konnten.
Iris: Meine erste, in Iris-Manier absolut aussagekräftige und vollumfänglich beschreibende, Reaktion lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Oida!“ (übersetzt bedeutet das so viel wie „Alter!“, und sollte meiner unbändigen Freude über dieses Rhtythmus-Masterpiece Ausdruck verleihen). Etwas ausführlicher wurde dann die Beschreibung des von mir favorisierten Gesangsstils: Rap-Metal. Prägnante, aggressive Vocals gepaart mit provokanten Aussagen soll ein Gefühl von „Try me, you won’t stop me“ erzeugen. Die crazy Riffs waren dann wohl namensgebend für diesen Atomblitz aus Emotionen – „MAD“ ist allein aufgrund dessen einer meiner bisherigen Favorites. Außerdem der erste Song, den ich mit meinen Distortion-Skills ein wenig verfeinern konnte. (lächelt)

O: Mit „Doomscroll“ sprecht ihr natürlich ein triftiges Problem der heutigen Zeit an … wie geht es euch mit dem Doomscrollen?
Aurelio: Ich kann mich noch gut erinnern, wie früher YouTube, Facebook und Instagram noch keine Kurzvideo-Funktion hatten und TikTok diese exklusiv besaß. Die Plattformen waren angenehmer und unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht trainiert, um immer kürzer zu werden. Mittlerweile habe ich es besser im Griff, aber gerade als die Funktion neu war und auf allen Plattformen ausgerollt wurde, hatte ich einige Probleme mich davon loszulösen. Irgendwann gerät man auch leicht in ein Fahrwasser, wo man vom Algorithmus Content vorgeschlagen bekommt, der nicht mehr gesund für einen ist, und spätestens dann ist es Zeit, dass man sich etwas anderem und wichtigerem widmet.
William: Ich glaube, ich bin dagegen immun … haha! Ich war genau davon eigentlich noch nie süchtig … liegt vielleicht daran, dass das nur der neueste digitale Suchtfaktor ist und ich gegen den ganzen Rest schon eine Toleranz aufgebaut habe (Videospiele, YouTube, Binge-Watching…). Wenn du davon wirklich wegkommen willst, investier in eine Fähigkeit, für die Leute tatsächlich Geld bezahlen (mach online ein paar Kurse) und lass dich davon in eine Karriere führen, die sich auch lohnt. Geh ins Fitnessstudio und trainier, damit du nicht so schnell aus der Puste kommst und dich so fit wie möglich hältst (Bonus: Du lernst Leute kennen, die an sich arbeiten, und daraus ergeben sich neue Chancen für Jobs, Dating, Gesundheit oder Freizeit). Geh raus und unterhalte dich mit Menschen … Lern, wie man sympathisch rüberkommt und wie du dich so präsentierst, dass die Leute positiv auf dich reagieren. Es gibt großartige Bücher dazu – „Wie man Freunde gewinnt“ von Dale Carnegie ist immer noch eine super Wahl. Eigne dir bessere Gewohnheiten an … „Atomic Habits“ von James Clear kann ich empfehlen. Hab endlich genug von der Stagnation und dem Verfall, die dir diese Tatenlosigkeit einbrocken, und TU aktiv etwas dagegen. Geh raus aus dem Internet. Das Internet ist nicht die Realität.

O: All die negativen Nachrichten können einen ziemlich fertig machen … was baut dich im Gegensatz dazu dann doch wieder auf?
Aurelio: Ich finde Trost in der Musik, die ich mache und höre, meine alltägliche Arbeit, meine Familien, unser Familienhund und meine geliebte Lebenspartnerin. Die dunkle Musik, die wir kreieren, birgt ebenfalls Trost, auch wenn das nicht immer plausibel erscheint. Wir fühlen uns nicht mehr allein, wenn wir hören und spüren können, wie eine andere Person dasselbe fühlt und erlebt wie wir selbst.
William: Ich erschaffe Dinge. Ich repariere Dinge. Ich löse Rätsel. Und ich halte immer Ausschau nach noch besseren Wegen für das, was ich ohnehin schon tue. Vor dem Schlimmsten bin ich geschützt und gleichzeitig offen dafür, das Beste zu genießen. Außerdem habe ich einen „Comedy-Kopf“, der einfach nie stillsteht. Ich bin im Grunde so gepolt, in so ziemlich allem etwas Humorvolles oder Amüsantes zu finden.

O: Besonders hypnotisierend fand ich auch das Schlussstück „Virtual Parish“. Wie ist es entstanden und warum passt er so perfekt als Albumtitel?
Aurelio: Seit unserer EP „Beneath the Tracks” hat sich eine Tradition eingebürgert. Es gibt eine inoffizielle „Kill Yourself“ Reihe und dies ist der sechste Teil. Es sind immer die düstersten Tracks der Alben. Zu dieser Reihe gehören unsere alten Songs „Kill Yourself“, „Abide“, „Day of Horus“, „Hatred Society“ und „Jadestone“. Das Lied repräsentiert auch das Album perfekt in all seinen Facetten; es ist düster, dunkel, eingängig, brutal aber auch melodisch.

William: Das schließt im Grunde an das an, was ich vorhin gesagt habe: Geh raus aus dem Internet. Der zwischenmenschliche Kontakt dort ist völlig anders als das, was du im echten Leben mit Menschen erlebst, die direkt vor dir stehen. Die meisten realen Gruppen sind keine Sekten – Online-Communitys hingegen wirken oft extrem sektenartig. Und jede einzelne gehört einem Konzern, der dir vorschreibt, was du sagen, denken und tun darfst… völlig ohne Grundlage in den Gesetzen deines Landes. Ich habe jede einzelne Online-Community verlassen, in der ich je war, und ich könnte nicht glücklicher sein. Du KANNST das Glück wirklich bei den Menschen direkt um dich herum finden – ich musste nur lernen, wie ich sympathischer auf andere wirke.
Iris: Aus meiner Sicht ein klassischer Fall von „Und was genau soll ich dazu singen?“, der sich in kürzester Zeit in „Mir fällt schon wieder eine Harmonie in höherer Lage ein“ verwandelt hat. Alle meine Melodie-Skills aus meinen Chorzeiten wurden gebündelt – so entstand ein Chorus, der gesanglich so vertrackt war, dass ich jede Line unabhängig von den anderen einsingen musste, um mein eigenes Gehör nicht absolut zu verwirren. (grinst) Das Endergebnis stellt so ziemlich alles an Mehrstimmigkeit in den Schatten, was bisher meiner klanglichen Feder entsprungen ist.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Line-up:
Aurelio Rami – Gesang, Programmierung, Schlagzeug, Komposition
William „Edge Case“ Warden – Gesang, Komposition
Iris Rebecca – Gesang

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