EIVØR im Interview (2/2)

Photo: Adam Wamsley

Die digitale Welt kann ein Fluch sein. Für Eivør und unseren Gesprächstermin zum kommenden Album „Tungl“ ist sie ein Segen. Denn die färöische Künstlerin schaltet sich nach einem Auftritt mit einem Symphonieorchester in Wien aus ihrem Hotelzimmer zu. Sie ist gut gelaunt und scherzt, dass sie bestmöglich versuchen wird, das übliche Reisechaos im Zimmer zu verbergen. Schnell zeigt sich, wie offen, warm und inspirierend Eivør über ihre Kunst und ihr Leben spricht. In den kommenden Minuten geht es um innere Kraft und darum, warum beim Arbeiten auch schon einmal ein Abendessen kalt wird … Den ersten Teil kannst Du hier nachlesen.

Orkus: „Walls“ hast du nach längerer Zeit erneut in die Hand genommen und die ganze vorherige Produktion entfernt. Was hat dich erkennen lassen, dass es sich lohnt, zu diesem Song zurückzugehen?
Eivør Pálsdóttir: So ist es oft mit Songs. Ich schreibe viele Lieder und viele von ihnen wandern einfach in eine Schublade. Aber meine Seele kommt nie zur Ruhe, bis ich sie fertigstelle. Ich hasse unfertige Songs. Ich kann damit nicht leben. Ich kann nicht schlafen. Also muss ich immer fertigstellen, was ich anfange, um in meinem Leben weitermachen zu können. Aber ich veröffentliche es nicht immer, ich lasse es irgendwo liegen. Dieser Song kam einfach immer wieder zu mir zurück, und ich habe gemerkt, dass ich ihn fertigstellen muss. Ich habe einfach versucht, den Kern des Songs wiederzufinden. Also habe ich alles entfernt, und da habe ich plötzlich den Refrain in meinem Kopf gehört. Er wurde so etwas wie einer der führenden Songs für mich auf diesem Album, vom Klang her, weil ich dieses Klanguniversum wirklich genossen habe.

O: Denkst du noch in Genres oder genießt du es einfach, frei zu sein und zu tun, was auch immer du tust?
EP: Das Zweite. Absolut. Es ist für mich immer wichtiger geworden, vollkommen frei zu sein. Ich mag die Vorstellung nicht, zu einem bestimmten Genre oder einer Schublade zu gehören. Es ist wichtig, Musik zu genießen und einfach aus deinem Herzen und aus deiner Seele heraus zu erschaffen. Manchmal können viele Welten in Musik vereint werden. Das ist für mich das Schöne daran.

O: „Dragon Maiden“ hast du als die ungezähmte, intuitive Kraft in uns beschrieben. Ist sie für dich eher wie eine Figur oder wie ein Geisteszustand?
EP: Ich glaube, sie ist beides. Sie ist wie diese furchtlose Seite in uns, die immer einfach wild und in der Lage ist, sich über jede Herausforderung zu erheben. Sie wird in der Lage sein, dich hochzuheben und zu sagen: Hey, wir können das schaffen. Sie ist diese Person in uns. Wir alle haben sie irgendwo. Manchmal schläft sie, und wir müssen sie einfach aufwecken.

O: Bist du gut darin, sie für dich selbst aufzuwecken?
EP: Ja, ich denke schon. Ich bin wie alle anderen. Ich kann manchmal Angst bekommen und mir Sorgen machen. Ich habe meine schlechten Tage. Aber diese Idee oder diese Kraft in mir, die ich auch habe, ist etwas, woran ich immer versuche, festzuhalten. Ich versuche, das wiederzufinden, wenn ich mich niedergeschlagen fühle.

O: Du hast einen Song mit deiner jüngeren Schwester Elingborg aufgenommen. Wie war es, mit ihr zu arbeiten?
EP: Es ist so schön. Zwischen uns ist ein ziemlicher Altersunterschied. Ich war 13 oder 14, als sie geboren wurde. Ich hatte eine eher mütterliche Rolle für sie. Als sie aufwuchs, wurden wir wirklich gute Freundinnen. Sie ist ebenfalls Musikerin. Ich fühle mich sehr glücklich, jemanden zu haben, mit dem ich Ideen teilen kann. Sie teilt auch Ideen mit mir. Wenn sie etwas schreibt, schickt sie es. Sie weiß, dass sie eine ehrliche Meinung bekommen wird. Und nicht immer eine angenehme. (lacht) Bei mir ist es genauso. Sie wird mir sagen, ob es scheiße ist oder nicht. Wir waren viel zusammen auf Tour und haben oft darüber gesprochen, etwas zusammen zu schreiben, aber wir sind nie dazu gekommen. Aber dann eines Abends, ganz spontan, es war nicht geplant. Ich habe bei mir zu Hause Abendessen gemacht, und sie hatte sich selbst eingeladen, wie sie das eben macht. (lacht) Dann saß sie am Klavier und spielte dieses kleine Ding. Ich sagte: ‚Das ist so cool. Was ist das?‘ Sie wusste es nicht. Ich habe aufgehört zu kochen, und wir sind in mein Studio gegangen, um ein bisschen herumzuspielen und haben diesen Track zusammen geschrieben. Ich hatte das Album da im Grunde fertiggestellt und entschieden, einen anderen Song auszulassen. Wir haben irgendwann um eins in der Nacht kaltes Abendessen gegessen (lacht).

O: Welches Gefühl soll nach dem Hören von „Tungl“ bleiben?
EP: Ich würde hoffen, dass ein gewisses Gefühl von Stärke und Hoffnung bleibt. Irgendeine Art von Gefühl, deine Reise mit Aufregung und Freude fortsetzen zu wollen.

O: Du machst Musik, seit du ein Teenager warst. Was hast du über dich selbst gelernt und was begeistert dich immer noch?
EP: Ich muss die Begeisterung immer wieder finden. Manchmal gibt es Zeiten, in denen du dich dafür nicht mehr begeistert fühlst. Dann stimmt etwas nicht. Du musst herausfinden, warum du es wolltest. Also gehe ich immer zurück zu dieser Teenager-Eivør, die wirklich begeistert von Musik war, um diese Begeisterung zu finden. Ich versuche immer, sehr mit dieser Seite von mir verbunden zu bleiben. Das ist es, was mich weitermachen lässt. Es gibt noch so viel Musik zu schreiben. Das Leben ist viel zu kurz für all die Musik, die ich noch schreiben möchte.

Katrin Hemmerling

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