So war es bei GIRLS UNDER GLASS

Hamburg, Markthalle, 10. Oktober 2026
Support: Trauma, Insect Skin

Als unsere Nächte noch auf Kassetten passten

Jede Geschichte hat einen Anfang. Und wer heute 40 Jahre Bandgeschichte feiert, ist vermutlich alt genug, um sich an 1986 zu erinnern. Wir litten damals mit „Jenny“, zählten „The Final Countdown”, knutschten „Ohne Dich“ in einer damals für uns „Wonderful World“ als gäbe es kein Morgen und tanzten richtig „Geil“ zum „Holiday Rap“. Wir flogen mit “Top Gun” Überschall, besuchten „Crocodile Dundee“ in der Wildnis und „Das Parfüm“ verschlangen wir, konnten es aber gar nicht riechen. Musikkassetten waren damals unser Ding – Lieblingssongs wurden mühsam aus dem Radio mitgeschnitten und die schönsten Stellen so oft zurückgespult, bis das Band irgendwann Bandsalat produzierte. Wer sich verabreden wollte, musste telefonieren. Mit einem richtigen Telefon, wohlgemerkt. Liebeserklärungen dauerten häufig Stunden, Trennungen noch länger. Und wenn die Eltern plötzlich die Leitung brauchten, war die große Romanze erst einmal beendet. Smartphones, Internet? Das war für uns noch Science-Fiction, und wer 1986 bereits ein Modem besaß, gehörte zu einer ziemlich überschaubaren Spezies technikverliebter Sonderlinge. Trotzdem war das Leben alles andere als langsam. Musikalisch gärte es gewaltig. Punk hatte längst seine Spuren hinterlassen, New Wave und Post-Punk öffneten neue Türen, und aus den dunkleren Ecken der Clubs kroch ein Sound, der mit dem glattgebügelten Pop der Hitparaden herzlich wenig anfangen konnte.

Mitten in diesem Durcheinander beschlossen drei Hamburger, ihre eigene musikalische Geschichte zu schreiben. Thomas „Tom“ Lücke, Hauke Harms und Volker Zacharias gründeten im Frühjahr 1986 Girls Under Glass. Vierzig Jahre später stehen wir wieder in der Hamburger Markthalle. Die Haare sind bei manchen etwas grauer geworden, die Knie möglicherweise weniger belastbar. Aber die Musik? Die hat verdammt gut überlebt. Am Samstag, dem 10. Oktober 2026, Girls Under Glass in ihrer Heimatstadt ihren vierzigsten Geburtstag. Die Markthalle ist sehr gut gefüllt. Wer an diesem Abend gekommen ist, erwartet keine nostalgische Kaffeefahrt mit ein paar alten Liedern. Schließlich haben Girls Under Glass nie besonders viel von musikalischer Altersmilde gehalten. Und die beiden Gäste des Abends gehören ohnehin zur Familiengeschichte.

Trauma – elektronische Geister aus der Vergangenheit

Mit Trauma kehren Hauke Harms und Volker Zacharias zu einem gemeinsamen Projekt zurück, das seit rund drei Jahrzehnten nicht mehr live zu erleben war. In den Neunzigern hatten sie damit die elektronischen Möglichkeiten abseits von Girls Under Glass ausgelotet. Weniger Gitarren, dafür mehr synthetische Klangflächen, hypnotische Rhythmen und Ausflüge in Richtung Trance. „Synthesis“ eröffnet den Auftritt und gibt die Richtung vor. „In the Shadow of the Sun“ und „Trust Me“ führen tiefer in die elektronischen Klangwelten, während „Control“ die kühlere, rhythmischere Seite des Projekts aufgreift. Mit „Wonderworld“ und „Before the Silence“ schließt sich ein Kreis, der für viele Fans vermutlich längst als abgeschlossen galt.

Trauma wirken an diesem Abend wie eine wiedergefundene Kassette aus einer Zeit, in der elektronische Musik noch nach Experimentierfreude und nicht nach fertig programmiertem Streaming-Erfolg klang.

Insect Skin – ein weiterer Zweig des dunklen Stammbaums

Auch Insect Skin sind alles andere als zufällig auf dieser Bühne gelandet. Hinter dem Projekt stehen Hauke Harms und Predrag „Gonzo“ Vulin, der erste Sänger von Love Like Blood. Zwei Musiker, deren Namen tief in der Geschichte der deutschen Gothic-Szene verwurzelt sind. Ihr Auftritt führt in eine dunkle, elektronisch geprägte Welt, in der sich Wave-Melancholie und eine ungemütliche Grundstimmung begegnen. „In My Inspiration“ und „Neither Love nor Peace“ eröffnen das Set, bevor „Hades“ und „We are Lost (Again)“ die finstere Richtung weiterzeichnen. „Half Lost“, „Sick (Of Remembering You)“ und „Silence Under the Skin“ führen durch die zweite Hälfte, ehe „King Death“ den Schlusspunkt setzt. Schon die Songtitel lassen wenig Zweifel daran, dass hier niemand fröhliche Geburtstagsständchen im Sinn hat. Und das passt ausgezeichnet zu diesem Abend.

Girls Under Glass – Vier Jahrzehnte dunkel – und keinen verdammten Tag brav

Mit „Deliverance“ eröffnen Girls Under Glass schließlich ihren Jubiläumsauftritt. Die Gitarren greifen zu, elektronische Elemente halten dagegen und Volker Zacharias führt durch einen Sound, der sich seit vier Jahrzehnten jeder bequemen Schublade entzieht. „When I Think About You“ bringt die melancholischere Seite ins Spiel, während „We Feel Alright“ vom Album „Backdraft“ die jüngere Bandgeschichte vertritt. „Hate“ wird kantiger, „Erinnerung“ greift die deutschsprachige Vergangenheit auf und „Reach for the Stars“ öffnet den Sound wieder stärker in Richtung melodischen Dark Rock. Mit „Never Go“ geht es zurück zu den frühen Gothic-Wurzeln. Dieser Song besitzt noch immer jene besondere Schwermut, die früher aus einem gewöhnlichen Clubabend eine verdammt lange Nacht machen konnte. „Die Zeit“ passt anschließend beinahe unverschämt gut zum Anlass, bevor Girls Under Glass Madonnas „Frozen“ einen eigenen dunklen Anstrich verpassen. „Endless Nights“ und „Sugar & Honey“ führen durch die nächsten Kapitel der Bandgeschichte. Bis hierhin haben die Hamburger bereits ordentlich in ihrem musikalischen Archiv gewühlt. Jetzt kommt einer zurück, der von Anfang an dabei war.

Zeitreise durch den dunklen Underground

Mit Thomas „Tom“ Lücke betritt der ursprüngliche Sänger die Bühne. Einer der drei Männer, die 1986 den Grundstein für Girls Under Glass legten. Für die Jubiläumsshow ist seine Rückkehr weit mehr als ein nostalgischer Gastauftritt. „Humus“ führt zurück zum gleichnamigen Debütalbum von 1988. Roh, düster und tief in der frühen Gothic-Rock-Ära verwurzelt. „Some Kind of Stranger“ knüpft daran an, bevor mit „Listening Wind“ eine Verbeugung vor den Talking Heads folgt. „Lucky“ und „Dream Yourself Away“ schlagen die Brücke zu anderen Kapiteln der Bandgeschichte, während „Sometimes“ die melancholischere Seite aufgreift. Mit „Ohne Dich“ wird es noch einmal besonders emotional. Ein Titel, der nach vierzig Jahren voller Begegnungen, Trennungen und Wiedersehen durchaus seine eigene Bedeutung bekommt. Bei „Body Electric“ von The Sisters of Mercy lassen Girls Under Glass schließlich die frühen Gothic-Geister von der Leine. Kantige Gitarren, Post-Punk-DNA und eine ordentliche Portion musikalischer Dreck erinnern daran, wo die Wurzeln dieser Szene liegen.

Fünf Zugaben – die alten Geister wollen noch nicht gehen

Mit „Down in the Park“ von Tubeway Army beginnt der Zugabenblock. Der düstere Klassiker von Gary Numan passt hervorragend zu den elektronischen Wurzeln der Hamburger. „In die Einsamkeit“ führt anschließend zurück zum eigenen deutschsprachigen Repertoire. Für „Doomsday“ kommt Predrag „Gonzo“ Vulin hinzu. Der ehemalige Love-Like-Blood-Sänger bringt damit ein weiteres Stück deutscher Gothic-Rock-Geschichte auf die Bühne. Dass sich die musikalischen Wege dieser beiden Bands nach Jahrzehnten noch einmal kreuzen, macht diesen Auftritt zu einem besonderen Moment des Jubiläums. Mit „Tomorrow Evening“ greifen Girls Under Glass tief in ihre Anfangsjahre. Ein Song aus der Frühphase, der fast vier Jahrzehnte später wieder auf einer Hamburger Bühne erklingt. Wer die Band seit damals begleitet, dürfte bei dieser Nummer einige Erinnerungen aus den hintersten Winkeln seines Gedächtnisses gekramt haben. Für die letzten beiden Stücke kehrt Tom Lücke zurück. „Great Feet“ lässt noch einmal die frühe Bandgeschichte aufleben, bevor „Du Tier (Eines unter vielen)“ den endgültigen Schlusspunkt setzt. Ausgerechnet ein Stück aus den Anfangsjahren beschließt die große Geburtstagsfeier. Nach all den elektronischen Experimenten und stilistischen Richtungswechseln führt der Weg noch einmal dorthin zurück, wo alles begann. Ein verdammt schöner Kreis, der sich hier schließt.

Fazit – Vier Jahrzehnte, tausend Erinnerungen und eine verdammt gute Band

Vierzig Jahre Girls Under Glass. Wer hätte 1986 ernsthaft darauf gewettet? Damals war die schwarze Szene noch dabei, ihre eigenen Konturen zu entwickeln. Viele Bands verschwanden nach wenigen Veröffentlichungen wieder, andere wurden irgendwann zur bloßen Erinnerung auf vergilbten Konzerttickets. Girls Under Glass sind geblieben. Nicht ununterbrochen, nicht ohne Brüche und schon gar nicht immer auf demselben musikalischen Kurs. Vielleicht liegt genau darin ihr Geheimnis. Die Hamburger haben sich nie besonders darum geschert, ob ein neuer Song nun Gothic Rock, Dark Wave, Industrial oder Crossover heißen sollte. Sie haben ausprobiert, verändert, verworfen und weitergemacht. Mal mit Gitarren, die ordentlich kratzten, mal mit Elektronik, die bis tief unter die Haut kroch. Die Jubiläumsshow in der sehr gut gefüllten Markthalle führt diese unterschiedlichen Kapitel zusammen. Trauma und Insect Skin eröffnen den Abend als musikalische Verwandtschaft, während Girls Under Glass anschließend ihre eigene Geschichte aufrollen. Mit Tom Lücke und Gonzo stehen zudem Musiker auf der Bühne, die eng mit den Anfängen und dem Umfeld der Band verbunden sind. Das ist keine sterile Rückschau auf vierzig Jahre Musikgeschichte. Dafür steckt zu viel Leben darin. Und während wir 1986 noch stundenlang am Telefon hingen, unsere Kassetten zurückspulten und glaubten, die Welt würde sich niemals grundlegend verändern, entstanden in Hamburg Songs, die uns bis heute begleiten. Die Telefone haben sich verändert. Kassetten sind längst Liebhaberstücke. Und manche Haare, die damals noch wild in alle Richtungen standen, haben sich inzwischen verabschiedet. Girls Under Glass sind noch da. Vierzig Jahre später. Immer noch dunkel. Immer noch eigensinnig. Und erfreulich weit davon entfernt, brav zu werden.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrman

Setlist Trauma:
• „Synthesis“ • „In the Shadow of the Sun“ • „Trust Me“ • „Control“ • „Wonderworld“ • „Before the Silence“

Setlist Insect Skin:
„In my Inspiration“ • „Neither Love nor Peace“ • „Hades“ • „We are Lost (Again)“ • „Half Lost“ • „Sick (Of Remembering you)“ • „Silence Under the Skin“ • „King Death“

Setlist Girls Under Glass:
• „Deliverance“ • „When I Think About You“ • „We Feel Alright“ • „Hate“ • „Erinnerung“ • „Reach for the Stars“ • „Never Go“ • „Die Zeit“ • „Frozen“ (Madonna Cover) • „Endless Nights“ • „Sugar & Honey“ • „Humus“  • „Some Kind of Stranger“  • „Listening Wind“ (Talking Heads Cover)  • „Lucky“  • „Dream Yourself Away“  • „Sometimes“  • „Ohne Dich“  • „Body Electric“ (The Sisters of Mercy Cover)  ••• „Down in the Park“ (Tubeway Army Cover) • „In die Einsamkeit“ • „Doomsday“ (Love Like Blood Cover) • „Tomorrow Evening“ • „Great Feet“  • „Du Tier (Eines unter vielen)“

Höre Girls under Glass in unserer „Schwarze Szene“-Playlist auf Spotify:

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