ANGELZOOM im Interview (1/2)

Von 1995–2007 war Claudia Uhle Teil der Band X-Perience. 2004 gründete sie ihr Soloprojekt Angelzoom. X-Perience wurde zum 20-jährigen Jubiläum wiederbelebt, aber 2024 trennte man sich erneut. Wir sprechen mit Claudia Uhle und Produzent Bernd Wendlandt über das neue Album „Grey Devotion“.
Orkus: Wie kam es denn zu dem Wunsch oder Bedürfnis, Angelzoom wieder aufleben zu lassen?
Claudia Uhle: Den Anstoß gab ein wenig das „20th Anniversary Double Vinyl“-Album, das zum 20-jährigen Jubiläum des ersten Albums erschienen ist und zudem wir fünf neue Songs als Bonus produziert hatten. Die Arbeit daran, Angelzoom wieder aufleben zu lassen, war ein tolles Gefühl. Es fühlte sich vollkommen normal und richtig an, einfach hier weiterzumachen. Das Feedback der Fans über alle Plattformen hinweg war auch ganz toll und bestärkte uns hier weiter zu schreiben. Musikalisch lief es Ende 24 und bis Mitte 25 mit meiner Band X-Perience gemeinsam überhaupt nicht mehr. Unterschiedliche Auffassungen von inhaltlicher und musikalischer Richtung ließen mich die Band Ende 2025 wieder verlassen. Seitdem ist viel Druck im Angelzoom-System. Wir haben innerhalb der letzten zwei Jahre weitere Songs geschrieben und auch Singles veröffentlicht, u. a. das wunderbare Duett mit Jester Mullholland „The Darkness Behind Me“, sodass wir quasi vor einem fast schon fertigem Album standen. „Grey Devotion“ war geboren und wir mussten nur alle Puzzleteile ergänzen.
O: Also hat das viel mit deinem erneuten Ausstieg von X-Perience zu tun?
CU: Das war ein ganz entscheidender Auslöser. Musikalisch und inhaltlich lief nicht mehr viel zusammen, die Jungs wollten einfach was anderes und dabei spielte ich keine Rolle. Es gab nach der Single „I’ll Remember“ (Frühjahr 2024) keinen wirklichen gemeinsamen Aufbruch, das siebte Album zu produzieren. Entgegen der Arbeit an Album 5 und 6, „555“ und „We Travel the World“ wo wir immer Demos vorproduzierten, Bernd und Matthias schon viele Ideen zur Diskussion vorgestellt hatten, gab es diesmal so eine Art Stillstand und eine Abkapselung. Matthias entdecke die Kraft der KI und wollte kaum auf notwendige z. B. Tonart-technische oder inhaltliche Belange meinerseits eingehen. Ich sollte das singen, was er dort generiert hatte. Ohne übliche Diskussion, ohne Absprache, einfach nur „Sing das doch.“ Mein emotionaler Tiefpunkt war die Vorstellung solcher Demo-Songs, gegen meinen Willen, ohne Absprache und ohne meine Stimme, bei unserem Jubiläumskonzert live vor dem ausverkauften Kesselhaus-Publikum in Berlin. Präsentiert als „hört mal unsere neuen Songs für Album 7.“ Auch bestand aus ihrer Sicht kein Interesse mehr, mit Bernd als Produzent und Label zu arbeiten. Obwohl ein Großteil unseres Comebacks 2020 auf seiner Idee, Aktivität, Produktionen und der Label-Arbeit beruht. Aber KI kostet kein Produktionsgeld, hält alle Lizenzen und im Writing ist man autark. Band bedeutet Teamarbeit, Zusammenarbeit, Entwicklung. Das hatte leider komplett aufgehört. Zusammenfassend: Es war wohl einfach wieder an der Zeit, denn diesen Zustand hatten wir auch ohne KI 2007 fast genauso schon einmal. Aus meiner Sicht fehlt einfach der Respekt der Jungs und die Anerkennung, dass mein Anteil auch ein Teil des Erfolges ist. Nicht nur die Komposition, es gehört alles dazu, meine Stimme, die Wiedererkennung, auch die Produktion. Die auch 1996 u. a. von Bernd stammte. Sehr schade ist, dass wir jetzt über fünf Jahre seit 2020, die Band für die Fans und Medienpartner wieder aufgebaut haben und das als Vierer-Team mit Bernd. Wir waren zielstrebig, sehr effektiv und fleißig. Dies ist nun leider endgültig in dieser Form vorbei.
O: Wie kamt ihr auf den Albumtitel „Grey Devotion“?
Bernd Wendlandt: Es war ein recht langer Prozess der Findung. Wir wollten was Klares in der Ausrichtung und Wiedererkennbarkeit. Wir wollten, dass man schon am Titel erkennt, was es tendenziell musikalisch sein könnte. Es sollte was sein, was mit Angelzoom verbunden wird, selten oder sogar einzigartig ist, der Hashtag funktioniert. (zwinkert) Wir wollten Wiedererkennbarkeit und etwas Geheimnis. Dazu kommt ja heutzutage auch die mediale Komponente. Wie Grafik, Schrift, Auffälligkeit, Einzigartigkeit, funktionale Schubladen. Die Korridore der Aufmerksamkeiten sind eng. Ich glaube, ein großes Plus ist, der Name ist leicht zu merken. Das Bild des Covers ist auch ungewöhnlich mit viel Geheimnis und Fragen. Grautöne mit den roten Farbakzenten symbolisieren: Die Welt ist nicht schwarz/weiß, dich selbst halten Gefühle und dein Herz im Mittelpunkt. Hoffnung gibt es in den meisten Phasen, ob es dunkel oder hell wird.
CU: Mich beschäftigen in meinen Songs vor allem die Zwischenräume: die Momente, in denen man weder ganz stark noch ganz schwach ist. Entstressen, loslassen, seinen Weg probieren. Grau ist unentschlossen, nicht eindeutig schwarz und weiß. Genau das, was auch im Leben so passiert. „Grey Devotion“: das nicht ganz Eindeutige faszinierte uns und hat genau die Messerspitze Depeche Mode, die viel im Kopf verknüpft.
O: Wie viel Depeche Mode steckt da bereits im Titel?
CU: Klar, das mit der Anmutung sollte so sein. Aber finde mal was, was nicht schon benutzt wurde und gut ist. (zwinkert) und auch den richtigen Blickwinkel skizziert, ohne eine Kopie zu sein. Auf Album 1 und 2 hatten wir ja zwei recht erfolgreiche Coverversionen von Depeche Mode und auch unsere musikalische Liebe und Historie hat viel damit zu tun. Insofern ein liebevolles Augenzwinkern mit im Titel. „Grey Devotion“ – eine reduzierte, aber emotional intensive Kraft, musikalisch-thematisch passt der Titel perfekt zur 80s-Synth-Ästhetik mit meinen melancholischen Texten. „Grey“ symbolisiert diese Zwischentöne zwischen Licht und Dunkel, Hoffnung und Verzweiflung und ist kurz genug für Merkbarkeit und Wiedererkennung. Hauptaspekt war, es muss eigenständig sein, um u. a. bei Google und Co. sofort Angelzoom zuzuordnen.
O: Eure Videos habt ihr ja auch unter Zuhilfenahme von KI erstellt. Die ist ja ein zweischneidiges Schwert: Einerseits ein nützliches Werkzeug, aber andererseits kommen immer mehr die Befürchtungen auf, dass dies letztlich den Künstler selbst ersetzen könnte. Wie seht ihr das? Inwiefern habt ihr KI zum Arbeiten an Angelzoom eingesetzt – und seid aber gleichzeitig trotzdem authentisch „Angelzoom“ geblieben?
BW: Ja, ein sehr nützliches Werkzeug, ich nutze schon seit einiger Zeit KI. Anfänglich für Beats, neue „Samples“, und viele kleine Hilfestellungen. Mittlerweile auch Instrumente, Chöre, Arrangements, Ideen. Dazu Grafik, Bilder, Videos. Man kann hier unglaublich kreativ seine Ideen umsetzten. Es gibt wohl aktuell kaum einen relevanten Künstler, der diese Möglichkeiten nicht nutzt. Wichtig ist – und das ist das Entscheidende – deine eigene Kreativität und dein Geschmack, sowie die Weiterverarbeitung im Studio. Ich sehe diese Tools als einen der besten Mitarbeiter, die gerne helfen sollen, aber nicht bestimmen wo’s lang geht. Neuen Technologien konnten wir uns noch nie entziehen. Wie lange war der „Streit“ in den Studios, was besser klingt? Analoges Band oder digitales Recording – davon spricht keiner mehr. C64, ATARI, MAC, PC, Drummaschinen, DAW Computerprogramme, Autotune, Sampler, Plug-Ins, alles Bausteine, die letztendlich fast bis zur vollständigen Automatisierung geführt haben. Dem kann man sich kaum entgegenstellen, es bleibt die Einzigartigkeit und die Kreativität, diese Tools zu nutzen. Es hat mich letztlich auch dazu in die Lage versetzt, ganze Videowelten zu erschaffen, zu schneiden und zu kreieren.
CU: Wie alle neuen Technologien sollte das Beste draus genutzt werden. Wichtig jedoch sollte sein, dass es immer du selbst bleibt. Dass man als Stimme und vor allem als einzigartige Person erkennbar ist. Letztendlich kann mittlerweile jeder beliebig oft auf einen „Generieren“-Knopf drücken und sich Songs in allen möglichen Arten erstellen lassen. Sage der KI mit einem Prompt: „Analysiere mir den Song XY, schreibe einen neuen passenden Prompt dazu, generiere aus diesem Prompt einen ‚neuen‘ Song der ähnlich ist“ – ist ja wirklich nicht kompliziert. Aber ist das noch Kreativität? Ist das noch der Künstler? Kann der Hörer das noch unterscheiden, will der Hörer das? Das Besondere, das Außergewöhnliche, das Einzigartige – macht den Unterschied und wird immer wichtiger werden, um eigene Identität zu wahren. Letztendlich identifizieren sich Fans mit dem Künstler, seiner Musik und seinen Inhalten, nicht mit der Hülle dessen.
O: „Trap in Time“ wurde als Single ausgekoppelt. Ein etwas sachterer Song, der trotzdem im Ohr bleibt. Wie kam es zu der Wahl und gibt es eine Geschichte hinter dem Stück?
CU: Wir wollten einen Song wählen, der auffällig ist, Radio ist bei uns ja eh kein Thema, so setzten wir lieber auf ungewöhnliches, nicht so gleichförmiges Format. Ein Stundenglas rinnt, doch die Zeit hält inne. Die ausgewählte Single zur Album-VÖ fängt diesen Moment ein, wo Vergangenheit und Gegenwart kollidieren, mit stampfendem Loop, sphärischen Vocals und einem hypnotischem Beat, der wie ein Herzschlag pulsiert. Es geht um die Fallen, die wir uns selbst stellen und die Schönheit darin, sich nicht zu befreien. Ein Track für alle, die zwischen damals und jetzt gefangen sind. Nutze Zeit, sie verrinnt.
BW: Auch das schön schräge Video hat uns ermutigt, diesen Song zum Album zu bringen, um Aufmerksamkeit auf „Grey Devotion“ zu lenken. Gebe deinem Leben einen Sinn, nutze jeden Tag. Das soll der Hammer im Video symbolisieren, der dich bzw. die Figur ermahnt aufzuwachen. Praktisch ein gigantischer Weckruf. (zwinkert)
O: Sehr schön ist auch der Song „The Darkness Behind Me“ mit Jester Mullholland. Gibt es eine Entstehungsgeschichte dazu?
CU: Geplant war der Song mit einem Duettpartner in deutscher Sprache, etwas angelehnt an „Back in the Moment“ von 2004. Jedoch hat sich das leider nicht ergeben, sodass Bernd den Sänger seiner aktuellen Produktion Jester Mullholland gefragt hat, ob er einspringen möchte. Und, ja mit einigen Modifikationen hat es auch wunderbar funktioniert und ist ein wundervoller Song geworden. Die Stimmen wurden per Internet gesendet und Bernd hat den Song zusammen gemischt. Etwas ähnlich wie 2004 mit den Cellos von Apocalyptica. Da wurde auch nur per Telefon und Internet kommuniziert und musiziert.
BW: Jesters raue, leicht stechende, markante Stimme trifft auf Angelzooms sphärischen Gesang, ein Kontrast, der die innere Zerrissenheit perfekt einfängt. Er singt die Wut, sie die Feinheit. Auch hier das Thema, wie im Video dann visualisiert. Lass dich nicht aufhalten, mach dein Ding, egal was dich verfolgt, es ist immer hinter dir.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Im nächsten Teil führen wir unser intensives Interview fort.
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