CRÁ CROÍ im Interview (1/2)

Aus dem irischen County Cork stammt das Duo Crá Croí. Wir sprechen in unserem zweiteiligen Interview mit RG und CD über ihr Debütalbum „Tá Brón Orm“, die tiefgründige Bedeutung der irischen Sprache, die Vergänglichkeit des Lebens und die befreiende Kraft der Traurigkeit. Außerdem erzählen sie, warum für sie der kreative Prozess wichtiger ist als der Erfolg und wie aus musikalischen Experimenten ein ganz eigenes Klanguniversum entstand.
Die Anfänge
Orkus: Fangen wir ganz am Anfang an. Wie und wann wurde Crá Croí gegründet?
RG: Das ist eigentlich eine längere Geschichte, aber um sie in wenigen Sätzen zusammenzufassen: Alles begann damit, dass ich mit unterschiedlichen Klängen und generell mit verschiedenen Möglichkeiten experimentierte, Songs zu schreiben und aufzunehmen. Ich spiele seit fast 40 Jahren in unterschiedlichen Bands und Genres und schreibe wahrscheinlich seit etwa 30 Jahren kreativ Musik und Texte. CD macht das seit ungefähr 25 Jahren.
Bevor wir Crá Croí gründeten, war ich von meinem eigenen musikalischen Weg und meiner Kreativität ein wenig desillusioniert. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich dachte, dass ich eigentlich nichts mehr zu sagen hätte, nachdem ich in der Vergangenheit mit verschiedenen Bands an ungefähr 30 Alben mitgewirkt, sie eingespielt und auf Tourneen präsentiert hatte. Anstatt jedoch ganz aufzuhören, begann ich einfach für mich selbst zu experimentieren. Im Grunde schloss ich mich in meinem eigenen Aufnahmestudio ein, ohne konkrete Ziele oder den selbst auferlegten Druck, etwas erschaffen zu müssen, das ich der Öffentlichkeit präsentieren könnte. Was ich allerdings bereits hatte, waren unzählige Akkordfolgen und Harmonien sowie Textfragmente und kurze Gedichte, die ich über mehrere Jahre hinweg geschrieben hatte. Ich fing also nicht völlig bei null an. Und dann geschah es einfach, dass sich die Songs nach und nach zusammenfügten.
Für mich persönlich war diese Magie der Musik noch immer da: Klänge, Harmonien und Melodien tauchten wie aus dem Nichts auf. Als ich die ersten Songs fertiggestellt hatte, fragte ich meinen guten Freund CD, der praktischerweise ganz in meiner Nähe wohnt, ob er sie einsingen würde. Und der Rest ergab sich von selbst. Wir hörten uns die Stücke gemeinsam an und beschlossen noch an Ort und Stelle, etwas Neues zusammen zu beginnen – etwas, das sich vollkommen von unseren bisherigen Bands unterscheiden sollte, auch wenn wir unabhängig voneinander weiterhin in anderen Bands aktiv sind.
Crá Croí wurde zu etwas, von dem wir glauben, dass es sich von vielen anderen Bands und Künstlern unterscheidet. Wir haben das Projekt nie ins Leben gerufen, um Aufmerksamkeit zu erlangen oder das Interesse der sogenannten Musikindustrie zu wecken. Deshalb ist Crá Croí zu 100 Prozent DIY und bewegt sich innerhalb der sehr begrenzten Möglichkeiten, die uns persönlich hinsichtlich Budget und anderer Ressourcen zur Verfügung stehen. Alles wird vollständig in Eigenregie produziert und von Hand geschaffen. Der kreative Prozess selbst – das Erschaffen der Musik, der Cover-Artworks und der visuellen Elemente – ist der eigentliche Zweck. Das ist auch einer der Gründe, warum wir nur unsere Initialen statt unserer vollständigen Namen verwenden. Die Kunst selbst steht im Mittelpunkt. Es geht nicht um uns als Individuen.
Der Name
O: Wie seid ihr auf den Namen gekommen, und inwiefern bringt er perfekt zum Ausdruck, wer ihr seid?
RG: Wie du und deine Leser wahrscheinlich wisst, ist es mittlerweile sehr schwierig geworden, einen gut klingenden und passenden Bandnamen zu finden. Seit den 1950er-Jahren wurden im Laufe der Geschichte der modernen Musik bereits alle guten, großartigen Namen vergeben. Wir wussten, dass wir unsere irischen Traditionen und unsere alte, indigene Sprache würdigen wollten. Deshalb habe ich mich tage- und wochenlang in dieses Thema vertieft und bin schließlich auf Crá Croí gestoßen. Die englische Lautschrift lautet ungefähr „Craw Cree“.
O: Was bedeutet Crá Croí?
RG: Der Ausdruck kann verschiedene Bedeutungen haben, denn Irisch – oder Gaeilge, wie die Sprache auf Irisch heißt – ist eine sehr beschreibende Sprache. Sie bildet häufig zusammengesetzte Wörter und Wendungen, indem sie konkrete Elemente miteinander verbindet oder mehrere Wörter verwendet, anstatt beispielsweise einzelne abstrakte Verben zu nutzen. Crá Croí bedeutet also „Qual des Herzens“ oder im weiteren Sinne „Herzeleid“, kann aber auch „seelische Qual“ beschreiben. Gemeint ist damit etwa ein tiefgreifender innerer Aufruhr, emotionales Leid oder die bittere Frustration darüber, Dingen nachzujagen, die keine dauerhafte Bedeutung haben. All diese Bedeutungen sind für die menschliche Natur im Allgemeinen charakteristisch. Deshalb war der Name perfekt für eine Band, deren Texte und künstlerischer Ausdruck genau das widerspiegeln. Außerdem klingt er einfach schön. Und man kann sich damit für einen Moment von diesem „Kunst-Kunst-Kunst“-Getue oder übertrieben prätentiösen Kunstanspruch lösen.
Debütalbum
O: Euer Debütalbum trägt den Titel „Tá Brón Orm“, was so viel bedeutet wie „Traurigkeit liegt auf mir“. Wie seid ihr auf diesen Titel gekommen?
RG: Der Titel geht in dieselbe Richtung wie Crá Croí und die meisten Songtitel. Er beschreibt etwas, das einen wesentlichen Bestandteil des Menschseins ausmacht. Viele Texte auf dem Album beschäftigen sich damit, dass nichts für immer bleibt, mit dem gegenwärtigen Zustand und den Veränderungen menschlicher Gesellschaften sowie mit der Aussicht, dass die Menschheit sich eines Tages selbst zerstören könnte – oder dies vielmehr langsam, aber stetig tut. Der Albumtitel kann deshalb sowohl als Klage verstanden werden als auch als Beschreibung eines vorübergehenden Zustands. Ich würde sagen, er passte einfach perfekt zum Gesamtkonzept. Außerdem war von Anfang an klar, dass wir aus denselben Gründen auch einen Titel in irischer Sprache wollten.
Traurigkeit
O: Traurigkeit muss nicht immer bedrückend sein. Sie kann auch befreiend wirken. Wie gehst du mit Traurigkeit um?
RG: Ich persönlich glaube, dass Traurigkeit überhaupt nicht bedrückend sein muss – jedenfalls nicht, wenn man sich als Mensch bewusst macht, was im eigenen Inneren vor sich geht. Man muss gewissermaßen genau auf die eigene innere Stimme hören. Diese Emotion gehört zum Leben und ist ein wichtiger Bestandteil davon. Ohne Traurigkeit wüssten wir beispielsweise gar nicht, wie sich ihr Gegenteil anfühlt. Die Frage ist natürlich, wie man mit diesem Zustand umgeht, wenn man sich gerade darin befindet. Und hier kommt die irische Sprache wieder ins Spiel. In unserer sehr beschreibenden Sprache sind Traurigkeit und alle anderen Emotionen immer vorübergehende Zustände. Die wörtliche Übersetzung ins Englische lautet „sadness is on me“ – die Traurigkeit liegt auf mir. Sie liegt also „auf mir“ und ist deshalb kein Teil meines eigentlichen Selbst und definiert mich auch nicht. Sie kann meine Gedanken und meine Gefühlswelt einnehmen, aber irgendwann wird sie wieder verschwinden. Es ist letztlich nur eine Frage der Zeit. So gehe ich normalerweise mit Traurigkeit um. Ich versuche, sie anzunehmen, auch wenn sie in meinem Leben sehr oft äußerst unangenehm war und es teilweise noch immer ist. Gleichzeitig weiß ich inzwischen, dass sie nur vorübergehend ist und wieder verschwinden oder von einer anderen vorübergehenden Emotion abgelöst werden wird. Wahrscheinlich braucht man einige Jahrzehnte Lebenserfahrung, um das zu verstehen. Aber als ich es schließlich begriffen hatte, machte ich diese Erkenntnis zu meiner persönlichen Art, das Leben im Allgemeinen zu betrachten.
Wir setzen in Kürze unser Interview fort.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Line-up:
RG – Bass, Gitarre, Synths, Musik, Lyrics
CD – Gesang
Sieh Dir das Video zu „Just Another Day“ an: