So war es bei DIORAMA

11. April 2026, Hamburg, Markthalle
Support: Wiegand

Tanzbare Dunkelheit in Hamburg

Es gibt Abende, die ziehen einen langsam in sich hinein, bis man merkt, dass der eigene Puls längst im Takt läuft. Diorama gehören seit Ende der Neunziger zu jenen Bands, die elektronische Dunkelheit nie als bloße Kulisse verstanden haben. Das Projekt um Frontmann und Mastermind Torben Wendt steht für einen Sound, der sich zwischen Dark Wave, Electronica, Alternative Pop, Club-Energie und innerem Ausnahmezustand bewegt. Mal kühl, mal fiebrig, mal fast zerbrechlich – aber immer mit dieser besonderen Spannung zwischen Kontrolle und deren Verlust. Unterstützt wird dieses Klangbild live unter anderem von Felix Marc an den Keyboards – vielen natürlich ebenso als Stimme von Frozen Plasma und als Solokünstler bekannt. Gemeinsam entsteht diese Diorama-DNA: emotionale Tiefe mit elektronischem Druck, Kopfkino mit Tanzflächenpotenzial. Die Hamburger Markthalle bekommt am 11. April 2026 eines von zwei exklusiven Release-Konzerten zum neuen Album „A Substitute for Light“, das erst am Vortag erscheint. Angekündigt waren dafür neue Stücke, Evergreens und Specials, darunter auch lange ersehnte Nummern wie „Apocalypse Later“ und „Leaving Hollywood“. Die Erwartung im Raum ist entsprechend spürbar. Die Markthalle passt dafür fast zu gut. Kein steriler Raum, kein glattes Schwarz. Eher ein Ort, der Klang annimmt, Schweiß speichert und diese besondere Szene-Mischung aus Erwartung, Nähe und Tanzdrang kennt. Diorama liefern an diesem Abend keine reine Release-Präsentation. Sie bauen Dir einen dunklen Stromkreis. Und Hamburg hängt dran.

Ein Vorlauf, der längst kein Vorlauf mehr ist

Mit Wiegand steht ein Support auf der Bühne, der nicht einfach nur die Zeit bis zum Headliner füllt. Hinter dem Projekt steht Helge Wiegand – Sänger, Songwriter, Produzent, Frontmann und Namensgeber zugleich. In der elektronischen Szene ist sein Name längst ein Begriff. Musikalisch bewegt sich Wiegand zwischen Synth Pop, melancholischer Elektronik und dieser clubnahen Klarheit, die nicht auf Effekte setzt, sondern auf Atmosphäre und Substanz. An den Keyboards steht Jens Domgörgen, ruhig, konzentriert, präzise – das Gegenstück zur offenen Bühnenpräsenz von Helge. Während Wiegand die Songs nach vorne trägt, Blickkontakt sucht und den Raum spürbar führt, legt Domgörgen darunter das stabile Fundament aus sauberem elektronischem Druck. Genau aus diesem Zusammenspiel entsteht live ihre Stärke.

Der Einstieg mit „One World“ und „Get Informed“ wirkt direkt, aber nicht aufdringlich. Danach führen „Connected“ und „The Quiet Thief“ tiefer hinein – dichter, dunkler, mit mehr emotionalem Gewicht, ohne den Bewegungsfluss zu verlieren. Mit „Pied Pipers“ und „Alive“ greift das Set noch deutlicher Richtung Tanzfläche. Die Songs schieben spürbar nach vorne, die ersten Reihen reagieren sofort, Bewegung entsteht ganz natürlich. Gerade hier funktioniert das Zusammenspiel der beiden besonders stark: vorne Stimme und Dynamik, hinten Kontrolle und Struktur. Im Anschluss führen „Down the Memory Lane“ und „Waiting in Line“ stärker in diese bittersüße Zone, in der Wiegand besonders überzeugt. Elektronisch genug für den Club, emotional genug für den Nachhall. „Floating Away“ setzt schließlich den passenden Schlusspunkt – kein lauter Abgang, eher ein kontrolliertes Loslassen. Ein letzter Schwebezustand, bevor Diorama übernehmen.

Hamburg am Strom, im Strom … unter Strom!

Dann Diorama. Schon mit dem Opener „Patchwork“ im Gasoline-Remix ist klar, dass dieser Abend nicht auf Distanz laufen wird. Der Song kommt wie ein kalter Stromstoß. Kein vorsichtiges Herantasten, sondern direkter Zugriff auf Körper und Nervensystem. Torben Wendt steht dabei nicht einfach am Mikro – er arbeitet mit jeder Bewegung, mit jeder kleinen Spannung im Körper. Diese leicht nervöse, kontrollierte Energie gehört seit jeher zu seiner Bühnenpräsenz: nicht große Gesten, sondern Intensität.

Hinter ihm hält Felix Marc an den Keyboards das elektronische Rückgrat zusammen. Und genau da zeigt sich sofort seine Bedeutung. Seine Flächen, Sequenzen und Übergänge geben den Songs ihre Tiefe, ihre Fallhöhe, oft sogar ihren eigentlichen Druck. Wer ihn nur als Sänger von Frozen Plasma kennt, merkt hier schnell: Er ist nicht nur Teil des Sounds – er ist ein zweites Zentrum. Danach schlägt „Apocalypse Later“ ein. Ein Song, auf den viele gewartet haben. Torben trägt ihn nicht nostalgisch, sondern mit spürbarer Dringlichkeit, fast so, als würde der Track sich jedes Mal neu schreiben. Später treibt „Gasoline“ in der Remix-Version die Markthalle endgültig Richtung Club. Hier arbeitet Felix besonders stark – die Beats sitzen präzise, die elektronische Schärfe greift sofort, und plötzlich wird aus Zuhören Bewegung. Mit „Million Dollar Smile“ rückt einer der neuen Songs ins Zentrum. Als frische Single des Albums zeigt der Track genau den neuen Diorama-Puls: zugänglicher, direkter, aber nie glatt. Torben spielt den Song nicht wie eine Single, sondern wie ein Statement. Felix legt darunter diese elegante Synth-Struktur, die das Stück gleichzeitig offen und kontrolliert wirken lässt. Danach zieht „E Minor“ die Temperatur wieder herunter. Nicht als Pause, sondern als bewusster Kontrast. Diorama beherrschen genau dieses Wechselspiel: nach vorne drücken – und im nächsten Moment eine innere Tür öffnen.

„Exit the Grey“ führt diesen Sog weiter. Elektronische Schwere trifft auf emotionale Offenheit. Im Anschluss folgt „Leaving Hollywood“ in der akustischen Version – und plötzlich verändert sich der ganze Saal. Weniger Beat. Mehr Atem. Hier zeigt sich besonders stark, wie gut Torben als Erzähler funktioniert. Felix hält mit wenigen, präzisen Keyboardflächen alles offen. Kein Pathos. Kein unnötiger Überbau. Gerade deshalb trifft es härter. Mit „Isolated“ kehrt das Set zurück in die neue Albumwelt, bevor „The Same Ghost“ diese geisterhafte Kühle weiterträgt. Felix arbeitet hier fast unsichtbar und ist gerade deshalb so präsent – kein Vordergrundspiel, sondern Atmosphäre, die sich langsam festsetzt. „HLA“ bringt wieder Nervosität in den Körper. Kantig, leicht unruhig, mit Druck unter der Oberfläche. Danach folgt „Why“, das weniger über Explosion funktioniert als über Spannung. Nicht alles muss laut sein, um zu treffen. Mit „No Complications“ zieht Diorama den Clubfaktor wieder nach oben. Der Song gehört klar zu den beweglicheren Momenten des neuen Albums und funktioniert live sofort. Torben treibt sichtbar nach vorne, Felix hält den Beat scharf und präzise. Im Anschluss drückt „Iisland“ im Faderhead-Remix die Markthalle endgültig in Richtung Tanzfläche. Jetzt wird nicht mehr analysiert. Jetzt wird getanzt. „Off“ beendet den regulären Teil mit Härte. Trocken. Dunkel. Klar. Ein Song wie ein Schnitt. Kein versöhnlicher Abschluss, sondern Spannung auf Anschlag.

Zugabe: Kunstblut, Polaroids und der synthetische Herzschlag

„Kunstblut“ eröffnet den ersten Encore und zieht sofort eine rote Linie durch den Raum. Neues Material, aber live bereits mit Gewicht. Der Song verbindet kalte Elektronik mit emotionalem Stich – genau diese Diorama-DNA, die nie nur Oberfläche bleibt. Danach folgt „Polaroids“, fast wie ein kurzer Lichtblitz aus einer anderen Zeit. Eine Erinnerung, die nicht weichgezeichnet ist, sondern scharf bleibt. Weniger Angriff, mehr Nachdruck.

Mit „Synthesize Me“ kippt alles wieder in Richtung Tanzfläche. Hier zeigt sich das Zusammenspiel von Torben und Felix vielleicht am stärksten: vorne die Stimme, hinten die Maschinen, die alles tragen. Ein Song wie Szene, Körper und Sehnsucht in einem einzigen Impuls.

Zweite Zugabe: Ignite und Belle

Mit „Ignite“ beginnt die letzte Runde. Der Name ist Programm. Jetzt geht es nicht mehr um Aufbau, sondern um Entladung. Torben drückt noch einmal alles nach vorne, Felix hält das elektronische Fundament messerscharf. Die Markthalle ist komplett drin. Zum Schluss „Belle“ in der Oldschool-Version als feiner, fast liebevoller Rückgriff. Das Stück wirkt wie ein Blick in einen alten Spiegel: vertraut, leicht entrückt, aber immer noch lebendig. Und genau deshalb funktioniert dieser Abschluss so gut. Nicht alles muss explodieren. Manchmal reicht ein Song, der bleibt, wenn das Licht wieder angeht.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann

Setlist Wiegand:
„One World“ • „Get Informed“ • „Connected“ • „The Quiet Thief“ • „Pied Pipers“ • „Alive“ • „Down the Memory Lane“ • „Waiting in Line“ • „Floating Away“

Setlist Diorama:
„Patchwork“ (Gasoline Remix) • „Apocalypse Later“ •  „Gasoline“ (Gasoline Remix) •  „Million Dollar Smile“ •  „E Minor“ •  „Exit the Grey“ • „Leaving Hollywood“ (Acoustic) •  „Isolated“ • „The Same Ghost“ • „HLA“ • „Why“ • „No Complications“ • „Iisland“ (Faderhead Remix) •  „Off“ ••• „Kunstblut“ • „Polaroids“ • „Synthesize Me“ ••• „Ignite“ • „Belle“ (Oldshool Version)

In unserer Mai/Juni-Ausgabe führen wir ein Interview mit Diorama:

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