ENTGEIST im Interview (2/2)

Mit „Welk“ widmet sich die Black-Metal-Band Entgeist intensiv den Themen Vergänglichkeit, Leben und Tod – und verbindet dabei atmosphärische Klangwelten mit der Kälte des klassischen Black Metal. Im zweigeteilten Gespräch erzählen Sergej, Tim und Randy von der Entstehung des Albums, persönlichen Emotionen hinter den deutschen Texten und der aktuellen Situation der Metal-Szene. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, du kannst ihn hier nachlesen.

Orkus: Besonders gelungen ist der Einstieg mit „Am Rande der Finsternis“. Wie ist dieser Song entstanden?
Tim: Ich kann mich erinnern, dass der Text für den Song fast wie von alleine entstanden ist. Schon beim Hören der ersten kleinen Demo hatte ich den Textfetzen „unter dem Mondlicht“ im Kopf. Was mich zu dieser Zeit auch sehr viel beschäftigt hat, war das Gefühl, unzulänglich zu sein. Ich hatte oft das Gefühl meine Mitmenschen zu blenden und nicht die Person zu sein, für die mich andere halten. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mich immer wieder auf einem schmalen Grat zwischen Licht und Dunkelheit zu bewegen und damit einhergehend die Angst, wieder in die Dunkelheit zu fallen und zu verschwinden. Ich bin aber davon überzeugt, dass dieser Song und auch der Text für jemanden anderen als mich auch etwas ganz anderes bedeuten kann. Ich habe die Hoffnung und den Wunsch, dass jeder der möchte, seine ganz eigene Interpretation meiner Texte für sich findet.
Sergej: Das Intro von „Am Rande der Finsternis“ ist eines der wenigen, bei denen ich bewusst gesagt habe, dass ich ein langes Instrumentalintro schreiben möchte. Grundsätzlich bin ich ein Fan von aufbauenden Intros, da sie dem Hörer eine gewisse Geduld abverlangen, bis der Song „richtig“ beginnt. Gerade als Albumintro leitet der Song langsam ein und baut eine gute Atmosphäre auf, die die Stimmung für das gesamte Album vorgibt. Auf dem Album ist dies, mit Ausnahme von „Funkenspiel“, einmalig, da die weiteren Songs unmittelbar beginnen. Entstanden ist der Song bereits 2022. Wie auch die anderen Songs habe ich ihn auf der Gitarre geschrieben, anschließend hat Lars das Schlagzeug und die Sampler ergänzt. 2025 haben wir die Struktur des Songs noch etwas abgeändert, nachdem der Gesang ergänzt wurde und wir ihn mit der Band geprobt haben. Das Resultat lässt sich nun auf dem Album hören.

O: Auch „Lethargie weicht Wut“ sticht heraus. Was war Inspirationsquelle?
Sergej: Instrumental gab es für diesen Song, wie auch für die meisten anderen, keine spezielle Inspirationsquelle. Die Grundidee zum Intro ist damals spontan im Proberaum entstanden, während der Rest der Band eine Raucherpause machte. Auf Basis dieser Idee habe ich den Song instrumental ausgearbeitet. Nach dem Intro war klar, dass der Song eine spezielle Atmosphäre erzeugt, und diese habe ich versucht, über den gesamten Song zu erhalten, aber auch etwas untypische Teile einzubauen, um für Abwechslung zu sorgen.
Tim: Dank der Musik, die in „Lethargie weicht Wut“ schon alleine eine unglaubliche Atmosphäre erzeugt, ist mir auch hier das Texten leicht gefallen. Der Text folgt der Geschichte, die die Musik erzählt. Es beginnt langsam, getragen und traurig. Ich habe versucht, für den Anfang das Gefühl von Lethargie und absoluter Hoffnungslosigkeit einzufangen, das langsam immer unerträglicher wird und letztendlich in Wut umschlägt. Diese Wut ist fast noch schwerer auszuhalten als die Lethargie, aber sie kommt mit Aktionismus und körperlicher Erregung. Einem Gewaltexzess, der alles mit sich reißt. „Lethargie gebrochen von Wut schlägt er auf sein Leben ein“ ist da für mich bezeichnend für die Stimmung des Songs.

O: Was macht dich so richtig wütend?
Tim: Bis heute leider viel zu viel. Wut hat mich lange begleitet, mir manchmal geholfen und oft auch geschadet, und bleibt auch in Zukunft ein Teil von mir. Wenn mich die Lethargie packt, steigt auch immer recht schnell die Wut mit auf. Aber um die Frage zu beantworten: Politik, soziale Ungerechtigkeit, oder wenn mir etwas nicht gelingt rangieren da auf jeden Fall in den Top-3.

O: Stimmungsvoll endet „Welk“ mit „Funkenspiel“. Was waren eure Gedanken dahinter?
Tim: „Funkenspiel“ ist unserer Meinung nach der perfekte Abschluss für das Album. Der Chorus geht ins Ohr, die Struktur nimmt einen mit auf die Reise und die Lyrics stürzen einen in einen Abgrund. Musikalisch hat Sergej einen unglaublichen Song abgeliefert. Lyrisch habe ich versucht, meinen Teil dazu beizutragen. Der Chorus hatte mich von Anfang an mitgerissen und trotzdem habe ich eine erste Textidee verworfen. Dann entstand in meinem Kopf die Zeile „In mir ist keine Heimat mehr“ und damit auch die Erinnerung an eine Kurzgeschichte, die ich mit 20 Jahren in meiner abgeranzten Ein-Zimmer-Wohnung im 4. Stock eines großen Wohnblocks geschrieben hatte. Den habe ich mir nochmal durchgelesen und dann das Gefühl und ein paar der Motive in einem Text zu verarbeiten. In der Kurzgeschichte geht es um das Gefühl von innerer Leere und dem kurzen, aber beängstigenden Impuls, sich vor die einfahrende Bahn zu werfen. Im Text ist vor allem die innere Leere geblieben.

O: Sind die Texte für euch eher eine Möglichkeit, konkrete Gedanken auszudrücken, oder entstehen sie stärker aus Bildern, Stimmungen und Emotionen?
Tim: Ich schreibe die Texte immer aus einem Gefühl heraus. Manchmal passiert es einfach von alleine, manchmal muss ich bewusst einem bestimmten Gefühl nachgehen. Hinzu kommt, dass ich schon immer eher einen visuellen Zugang zu Gedanken und Gefühlen gefunden habe. In meinem Kopf entstehen schnell Bilder, ich nutze in meinem alltäglichen Sprachgebrauch auch oft Metaphern. Beides hilft mir sehr, die Bilder in Worte zu verpacken, die – so hoffe ich – klar genug sind, um sie für die Zuhörer lebendig zu machen, ohne dabei peinlich oder plump zu wirken.

O: Eure Texte sind deutschsprachig. Warum ist das für euch die richtige Sprache und stand jemals eine andere zur Debatte?
Tim: Das stand für uns niemals zur Debatte. Deutsch ist meine Gefühlssprache, in ihr kann ich sagen, was ich sagen will, ohne nach Umschreibungen, Synonymen oder Übersetzungen suchen zu müssen. Für mich fühlt es sich einfach natürlicher an, meine Gedanken und Gefühle auch in meiner Muttersprache auszudrücken.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Line-up:
Tim – Gesang
Randy – Bass‘
Lars – Gitarre
Oleg – Giarre
Godvaser – Schlagzeug

Höre „Funkenspiel“:

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