GRAVE DANCE COMPANY im Interview (2/2)

Aus den „Ruins“ der österreichischen Band Jack Frost ist etwas völlig Neues entstanden: Grave Dance Company. Was als emotionaler Abschlussabend begann, entwickelte sich zur neuen musikalischen Verbindung mit Michelle Darkness (end of green). In unserem zweiteiligen Interview erzählt Mournful Morales von der ungewöhnlichen Entstehung des Debüts, seinen düsteren Themen und der Frage, warum GDC trotz ihrer Wurzeln keine Fortsetzung von Jack Frost ist. Den ersten Teil kannst Du hier nachlesen.
Orkus: Wie kam es zu dem Song „Lon Chaney“ und was fasziniert dich an ihm und seiner Fähigkeit, das Unheimliche und Tragische miteinander zu verbinden?
Mournful Morales: Im Song geht es um Lon Chaney jr., der eine wahrhaft faszinierende und auch tragische Geschichte hatte. Da kommt alles zusammen, was einen Mann kaputtmachen kann und ihn vermutlich auch zerstört hat. Dass er im Schatten seines Vaters unverhofft ebenfalls eine Karriere als Horrordarsteller gemacht hat, ist hier nur schmuckes, fast schon ironisches Beiwerk. Er hatte eine bewegende Familiengeschichte, war schwerer Trinker und hat am Filmset regelmäßig für Eskalation und Schlägereien gesorgt. Er soll mal gesagt haben: Holt am Vormittag alles aus mir raus, danach kann ich für nichts mehr garantieren. Das sind die Geschichten, die mich persönlich bewegen.
O: Wie können wir uns den Entstehungsprozess von „Ruins“ vorstellen?
MM: Die Art und Weise, wie dieses Album entstand, war für uns alle etwas völlig Neuartiges. Zu Beginn hatten wir auch gar keinen Plan, wie wir gemeinsam Songs schreiben könnten, wo wir doch mehr als 500 Kilometer voneinander entfernt wohnen. Es war die Rede von Ideen hin und herschicken, aber das hörte sich für uns alle zu mühsam an. Schließlich stellten sich die verbliebenen Mitglieder von Jack Frost in den Proberaum in Österreich und schrieben und arrangierten einen ersten Song, ohne eine Ahnung zu haben, an welchen Stellen genau und wie lange Gesangsparts sein könnten. Wir haben das kurzerhand aufgenommen und Michelle Darkness geschickt, Lyrics dazu und zurück kam „Lon Chaney“. Da wussten wir, dass es klappen kann und so sind auch alle anderen Songs entstanden. Geschrieben, arrangiert und aufgenommen in Linz, Gesang und Bass kam in Michelle Darkness‘ Studio dazu. Und es war so, dass wir die Songs sehr spontan im Studio fertig arrangiert haben. Das Grundgerüst entstand im Proberaum, aber die meisten Gitarrenspuren erst im Studio. Alle Songs sind daher Momentaufnahmen des Tages, an dem sie entstanden. Das stellt sich jetzt gerade in Vorbereitung für die Live Shows als mühsam heraus und wir sind damit konfrontiert, rekonstruieren zu müssen, was zur Hölle wir damals gespielt haben. Und dann gab es Songs, die erst in Michelles Studio zu dem wurden, was sie sind. „Where Are You Now“ war im ersten Recording nicht mehr als ein Rudiment aus ein paar Gitarren- und Drumspuren. Die gesamte Atmosphäre dieses Songs hat Michelle produziert.
O: Gab es ein Stück, das irgendwie Probleme bereitet hat, bis es so klang, wie es das jetzt tut?
MM: Eigentlich nicht. Es gab nur einen Song, der nicht funktionierte, aber der kam in die Tonne. Man muss sich das so vorstellen, dass die Bandkommunikation über Whatsapp stattfindet. Michelle bekommt die Spuren aus Linz, singt drüber und schickt Takes über Whatsapp. Und es war tatsächlich immer so, dass es beim ersten Mal zündete. Und wenn es nicht zündete, dann war der Song nicht gut. Bei allen anderen wussten wir sofort: Genau so muss das.
O: „Ruins“ fühlt sich einerseits melancholisch, andererseits sehnsuchtsvoll an. Kannst du diese Assoziationen nachvollziehen?
MM: Durchaus. Es sind ja die düsteren Seiten des Lebens, die uns und die Musik auf dem Album prägen. Und wir reden von den echten Themen, die Menschen wie uns im dritten Viertel ihres Lebens beschäftigen. Da ist immer die Frage im Vordergrund, ob man wirklich gelebt hat, was man verpasst hat, welche Menschen man verloren oder verlassen hat. Und es geht um die Schicksale anderer Menschen, die uns beschäftigen – Menschen, die wir persönlich kennen oder kannten, oder wie im Fall von Lon Chaney jr. nur deren Geschichte.
O: Besonders düster fühlt sich „Give Myself Away“ an. Wie ist dieser Song entstanden?
MM: Das ist auch einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. Musikalisch ist er der einzige Song, der tatsächlich beim spontanen Jammen im Proberaum entstanden ist. Er war in zehn Minuten so gut wie fertig. Der Text ist wie andere auch aus einer eher ungewöhnlichen Beziehungsgeschichte entstanden.
O: Inspiriert vom gleichnamigen Song … Was wäre für dich persönlich „The Loneliest Place“?
MM: The Loneliest Place ist – und so ist das auch in dem Song gemeint – oft jener, an dem man von vielen Menschen umgeben ist und sich doch einsamer fühlt als jemals zuvor.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Auch in unserer Oktober/November-Ausgabe kannst Du mehr über Grave Dance Company erfahren.

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