So war es bei HOLLYWOOD VAMPIRES

30. August 2026, Hamburg, Barclays Arena
Support: Cassyette 

Rock’n’Roll besitzt ein verdammt gutes Gedächtnis. Er erinnert sich an seine Helden, seine Abstürze und besonders gern an diejenigen, die irgendwann zu früh gegangen sind. Hollywood Vampires haben daraus gleich eine ganze Band gemacht. Eigentlich ist es erstaunlich, dass ausgerechnet Alice Cooper zu denen gehört, die noch da sind. Der Name führt zurück ins Los Angeles der frühen Siebziger. Im Rainbow Bar & Grill versammelte Alice Cooper einen berüchtigten Kreis trinkfester Rockstars, dessen Aufnahmeritual ungefähr so gesund war wie der Rest dieser Dekade: Wer dazugehören wollte, musste die anderen unter den Tisch trinken. Keith Moon, Harry Nilsson, Ringo Starr, Micky Dolenz und gelegentlich John Lennon gehörten zum harten Kern oder bewegten sich in seinem Umfeld. Viele überlebten diese Ära nicht. Jahrzehnte später holte Cooper den Namen aus der Gruft, um verstorbenen Freunden und musikalischen Weggefährten Tribut zu zollen. Gemeinsam mit Aerosmith-Gitarrist Joe Perry und Johnny Depp entstand daraus 2015 eine All-Star-Supergroup, die längst mehr ist als ein prominentes Coverprojekt. Die Besetzung liest sich entsprechend unverschämt: Alice Cooper am Mikrofon, Joe Perry von Aerosmith und Hollywoodstar Johnny Depp an den Gitarren, beide ebenfalls am Gesang. Dazu Tommy Henriksen, langjähriger Gitarrist bei Alice Cooper, Mitglied bei Crossbone Skully und einst Bassist bei Warlock. Glen Sobel sitzt am Schlagzeug, Chris Wyse bedient den Bass, Buck Johnson Keyboards und Gitarre. Mehr Rockbiografie auf einer Bühne geht fast nur noch mit Anbau. Auf ihrer Europatour 2026 spielten die Hollywood Vampires lediglich drei Deutschlandshows.

Cassyette – erst schreien, dann beißen

Bevor die Hollywood Vampires losbeißen, gehört die Bühne Cassyette. Die Britin bekommt rund 30 Minuten und verschwendet davon keine. Alternative Rock, Metal, dunkler Pop und elektronische Schichten krachen aufeinander; darüber eine Stimme, die eben noch zerbrechlich wirkt und Sekunden später die Zähne fletscht. „September Rain“ und „Ipecac“ eröffnen den kurzen Angriff, „Metamorphosis“ und „Feel Like Me“ ziehen die Schrauben weiter an. „Splinter“ und „Do You Think of Me“ halten den Pegel oben, bevor „Boyfriend“ noch einmal Gift verspritzt. Mit „Petrichor“ ist Schluss.

Bauhaus öffnet die Gruft

21 Uhr. Licht aus. Und ausgerechnet Bauhaus wecken die Vampire. „Bela Lugosi’s Dead“ läuft als Intro durch die Arena, auf den Videowänden erscheinen Friedhofsbilder und verstorbene Musiker. Vier Särge öffnen sich. Subtil ist anders. Aber wer Hollywood Vampires heißt, darf verdammt noch mal auch Särge zeigen. Mit „I Want My Now“ und „Raise the Dead“ starten Cooper, Depp, Perry und ihre Mitstreiter mit eigenem Material. Gerade „Raise the Dead“ bringt das Konzept der Band ziemlich präzise auf den Punkt: Die Toten werden nicht still betrauert. Ihre Musik wird ausgebuddelt, eingestöpselt und laut gedreht. „I’m Eighteen“ führt tief zurück in Alice Coopers eigene Geschichte. Mit 78 steht der Mann dort vorne, als hätte er dem Alter irgendwann Hausverbot erteilt. Die Stimme kratzt, die Gesten sitzen – und der schwarze Humor sowieso. „My Dead Drunk Friends“ ist beinahe das Manifest der Hollywood Vampires, „The Boogieman Surprise“ zeigt sich ebenfalls mitreißend.

Hollywood kann draußen bleiben

Natürlich ist da dieser eine Mann. Johnny Depp. Hollywoodstar. Weltberühmt. Und heute Abend Gitarrist. Bei anderen Schauspielern würde spätestens hier der Verdacht aufkommen, jemand erfülle sich mit genügend Geld seine Rockstarfantasie. Depp macht es einem schwer, dieses Klischee aufrechtzuerhalten. Er spielt sich nicht in den Vordergrund. Natürlich wird die Arena lauter, sobald sein Gesicht auf den Videowänden auftaucht. Depp könnte das problemlos ausschlachten. Stattdessen bleibt er Teil der Band, konzentriert sich auf seine Gitarre und übernimmt Gesang, wenn es musikalisch passt. „Venus in Furs“ von The Velvet Underground zieht den Abend tiefer in den Dreck. Schleppend, dunkel, unangenehm schön. „People Who Died“ von der Jim Carroll Band bekommt mit Depp am Mikrofon eine rohe Kante. Nicht schönpoliert, denn das soll es nicht sein.

Aerosmith, Thunders und eine schmutzige Kneipe

Mit „Livin‘ on the Edge“ kommt Joe Perrys Vergangenheit unüberhörbar ins Spiel. Das Aerosmith-Stück sitzt hier genau richtig – bluesiger Straßendreck zwischen all den Toten. „Who’s Laughing Now“ führt zurück zum eigenen Material, bevor „Baba O’Riley“ The Who durch die Arena jagt. Tommy Henriksen lässt dazu Pete Townshends berühmte Windmühle über die Gitarre kreisen. Später wird es mit Johnny Thunders persönlicher. „You Can’t Put Your Arms Round a Memory“. Schon der Titel könnte über diesem gesamten Abend stehen. Man kann Erinnerungen nicht umarmen, aber man kann sie verdammt laut spielen. „Roadhouse Blues“ holt anschließend The Doors aus der Gruft. Alice Cooper greift zur Mundharmonika, die Gitarren werden staubiger und plötzlich riecht die Barclays Arena musikalisch eher nach einer versifften Kneipe kurz vor Sperrstunde.

Jeff Beck – und plötzlich Killing Joke

„Beck’s Bolero“ gehört dem 2023 verstorbenen Jeff Beck. Worte braucht es hier nicht. Depp, Perry und Henriksen lassen die Gitarren reden. Kurz darauf wird es schwarz mit „The Death and Resurrection Show“ von Killing Joke. Johnny Depp übernimmt den Gesang und der Song schiebt schwer, finster und fast ritualistisch durch die Halle. Für ein paar Minuten ist vom klassischen Arena-Rock wenig übrig. Das hier riecht nach Keller, Rauch, kaltem Beton und einer Tanzfläche, auf der niemand Weiß trägt. „Bright Light Fright“ reißt die Türen anschließend wieder Richtung Aerosmith auf. Joe Perry übernimmt selbst das Mikrofon und liefert genau jene Rockkante, die man von ihm erwartet.

„Heroes“ braucht keinen Captain Jack

Plötzlich wird es stiller mit David Bowies „Heroes“. Einen solchen Song anzufassen, ist gefährlich. Das Original ist zu groß, Bowies Stimme zu eigen und die Geschichte dahinter längst größer als ein gewöhnlicher Rocksongs. Johnny Depp tritt ans Mikrofon. Und macht das einzig Richtige: Er versucht nicht, Bowie nachzuahmen. Seine Stimme liegt tiefer, rauer, etwas abgenutzt auf der Melodie. Auf den Videowänden erscheinen Bilder des Mauerfalls, während sich der Song langsam durch die Arena schiebt. Depp macht daraus keine sterile Ehrfurchtsübung, sondern seine eigene Version. Dunkel, kantig und erstaunlich nah. Für diese Minuten verschwindet der Hollywoodstar fast vollständig. Da steht einfach ein Musiker und singt Bowie.

Direkt auf den Highway

Mit „Walk This Way“ reißt Joe Perry das Lenkrad wieder herum. Eines der bekanntesten Aerosmith-Riffs fliegt durch die Arena – dreckig, breitbeinig und komplett immun gegen sein eigenes Alter. Danach geht es ohne Umweg auf den „Highway to Hell“. Tommy Henriksen übernimmt den AC/DC-Klassiker. Bon Scott zu imitieren wäre Selbstmord auf Raten, also lässt Henriksen es bleiben und singt die Nummer mit eigener Stimme und ordentlich Rotz. Hier zeigt sich erneut, wie wichtig dieser Mann für die Vampires ist. Henriksen steht zwar neben drei gewaltigen Namen, wirkt aber keine Sekunde wie Personal in der zweiten Reihe, sondern ist Teil des Motors.

„School’s Out“ – Unterricht beendet

Irgendwann muss Alice Cooper natürlich die Schulglocke läuten. Mit „School’s Out“ bekommt Hamburg das, worauf es gewartet hat. Doch die Vampires legen noch einen drauf und verschmelzen „School’s Out“ mit Pink Floyds „Another Brick in the Wall“. Zwei Generationen musikalischer Auflehnung knallen aufeinander. Riesige Ballons treiben über die Köpfe des Publikums. Cooper jagt sie über die Bühne und bringt sie zum Platzen, während mehrere Tausend Menschen den Refrain brüllen. Feingeistiger Kulturabend? Heute nicht. – Das ist Rock’n’Roll, der schwitzen, grölen und manchmal einfach Spaß machen darf. Die Vampire verschwinden kurz. Für die einzige Zugabe kehren sie mit „The Train Kept A-Rollin’“ zurück. Der alte Tiny-Bradshaw-Song wurde über Jahrzehnte von Generation zu Generation weitergereicht, von den Yardbirds bis Aerosmith. Als letzter Titel könnte er kaum besser gewählt sein. Alice Cooper greift noch einmal zur Mundharmonika. Gitarren nach vorne.

Fazit – Rock’n’Roll lässt sich schlecht beerdigen

Hollywood Vampires versuchen nicht, die Vergangenheit nachzustellen. Sie buddeln sie aus, hängen ihr eine Gitarre um und schicken sie noch einmal ins Licht. Hamburg bekommt deshalb keine Geschichtsstunde, sondern knapp 100 Minuten lauten, dreckigen, morbiden und erstaunlich warmherzigen Rock’n’Roll. Als „The Train Kept A-Rollin’“ endgültig ausläuft, bleibt nur noch eines: Die Vampire leben. Und ihre Toten machen noch immer verdammt gute Musik.

Text & Fotos: Thomas Friedel Fuhrmann

Setlist:
„I Want My Now“ • „Raise the Dead“ • „I’m Eighteen“ • „My Dead Drunk Friends“ • „The Boogieman Surprise“ • „Venus in Furs“ • „People Who Died“ • „Livin‘ on the Edge“ • „Who’s Laughing Now“ • „Baba O’Riley“ • „You Can’t Put Your Arms Round a Memory“ • „Roadhouse Blues“ • „Beck’s Bolero“ • „The Death and Resurrection Show“ • „Bright Light Fright“ • „Heroes“ • „Walk This Way“ • „Highway to Hell“ • „School’s Out / Another Brick in the Wall“ • „The Train Kept A-Rollin'“ • „Bela Lugosi’s Dead“

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