AUGER im Interview (2/2)

Auger wurde 2017 von Kyle Blaqk im britischen Blackpool gegründet. Heute lebt Kyle in Deutschland, genauer gesagt in Fürstenwalde. Wir sprechen mit dem sympathischen Briten in unserem zweiteiligen Interview nicht nur über den Grund für die Wahl seiner neuen Heimat, sondern natürlich über sein neues Album „The Old Arcade“ und lernen, dass durch Zufall manchmal die besten Dinge entstehen. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.
Orkus: Lass uns über das neue Album sprechen! Der Titelsong wurde vorab als Single veröffentlicht. Du hast geschrieben, dass es vielleicht dein bisher persönlichster Song ist. Würdest du sagen, dass das auf das ganze Album zutrifft?
Kyle Blaqk: Oh, auf jeden Fall. Dieses Album ist definitiv ein Album, bei dem man „sein Herz auf der Zunge trägt“. Mit vielen Emotionen und persönlichen Erfahrungen, die darin verwoben sind. Es entstand, nachdem ich den Song „The Old Arcade“ geschrieben hatte. Ich war wirklich tief in mich hineingegangen und hatte mich bemüht, poetische Masken oder Fassaden zu vermeiden und stattdessen direkt und verletzlich zu sein. Als wir diesen Song dann live spielten, hatte ich das Gefühl, dass das Publikum wirklich zuhörte, was ich zu sagen hatte. Ich war natürlich sehr dankbar dafür, aber es zeigte mir auch, dass die Leute diese Verletzlichkeit, diese Offenheit schätzen. So wurde das zur Richtung des Albums: mich wirklich auf die Texte zu konzentrieren.
O: Und wie kam es dazu? Fiel es dir schwer oder leicht, deine Gefühle auf diese Weise auszudrücken?
KB: Es war eigentlich ein bisschen von beidem! Je offener ich war, desto leichter fiel es mir, einfach zu sagen, wie ich mich fühle, anstatt zu versuchen, eine komplexe Metapher zu finden, um es zu verschleiern … je ehrlicher ich jedoch sein wollte, desto mehr wollte und musste ich sagen. So wurde es ziemlich knifflig, die Gefühle auf nur einen Vers zu verdichten.
O: Wie bist du auf den Album- bzw. Songtitel „The Old Arcade“ gekommen?
KB: Es gibt einen Ort, an den ich gehe, wenn mir alles etwas zu viel wird. Ich fuhr mitten in der Nacht mit dem Fahrrad dorthin, um etwas Freiraum, frische Luft und Platz zu finden, um einfach nur für einen Moment zu sein. Mein ältester Bruder hatte, solange ich mich erinnern kann, ein Foto, das er von einem der Gebäude an diesem Ort gemacht hatte, als Hintergrundbild auf seinem Laptop, und es hat mich immer fasziniert; darauf war eine alte (verwitterte) Uhr auf der Markise eines Gebäudes zu sehen. Darunter standen ein paar Spielautomaten, an denen wir als Kinder gespielt haben. Der vollständige Text war ein Wortspiel mit der Redewendung „Selbst kaputte Uhren zeigen zweimal am Tag die richtige Zeit an“, wobei ich in meinem Fall „Feiglinge“ („cowards“) stattdessen sang; und um das Bild des Vergleichs zu vervollständigen, beschrieb ich diese Uhr so: „even cowards are right two times a day, like weathered clocks above the old arcade.“ Da dies der Ort war, an den ich ging, wenn ich mich am Boden zerstört fühlte, war es auch der Ort, an den ich ging, als ich diesen Song schrieb.
O: Im Song kommt es so rüber, als würdest du nicht an Happy Ends glauben. Stimmt das?
KB: Doch! Natürlich tue ich das, und ich bin ziemlich stolz darauf, dass ich es endlich geschafft habe, das Wort „doch“ zu verwenden. Nein, meine Texte mögen düster und emotional sein, aber ehrlich gesagt bin ich ein unglaublich positiver und glücklicher Mensch … und wurde schon als „der unseriöseste Mann der Welt“ beschrieben. Aber ich glaube, ich verdanke es meinen Songs, dass ich so sein kann. Weil unsere wunderbaren Fans zuhören, wenn ich etwas zu sagen habe, und mich nicht verurteilen, wenn ich in meinen Texten offen bin, kann ich die Musik nutzen, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Und dadurch fühle ich mich glücklich und verstanden.
O: Der erste Track, „Goodbye“, ist auch sehr bewegend. Welche Geschichte steckt dahinter?
KB: Ich hatte das Glück, jemanden kennenzulernen, der wohl der positivste Mensch ist, den ich kenne. Immer einfühlsam, immer optimistisch und immer voller Lebensfreude. Als er mir seine Geschichte erzählte – wie er aufgewachsen ist und beide Eltern so jung verloren hat, und das inmitten so vieler weiterer Widrigkeiten –, konnte ich kaum glauben, wie voller Lebensfreude und Positivität er trotz alledem ist. Und so fühlte ich mich inspiriert, einen Song über seine Geschichte zu schreiben, aus meiner Sichtweise heraus. Ein Song, der so viele Hürden beschreibt, darunter auch das „zweimalige Abschiednehmen“ – einmal von jedem Elternteil –, der ihm aber versichert, falls er irgendwo da oben zuhört: „Ich werde zu Ende bringen, was ich begonnen habe, es liegt mir im Blut.“ Er wird positiv bleiben, weiterkämpfen und weiterwachsen.
O: „Pretty When You Cry“ ist völlig anders und unglaublich tanzbar. Wie ist dieser Track entstanden?
KB: Also, das ist ein Cover. Ein Cover von einem der besten Songwriter, von einem der großartigsten Alben, von dem so viele Menschen noch nie gehört haben. Natürlich kennen es viele, aber meiner Meinung nach bei weitem nicht genug. Ich hätte jeden Song von VASTs „Visual Audio Sensory Theatre“ wählen können, aber dieser hier hatte eine Energie, von der ich dachte, dass sie der perfekte Einstieg wäre, um neue Leute von diesem meisterhaften Album zu überzeugen.
O: Wie würde deine Antwort auf „Where Do We Go?“ lauten?
KB: Ich sollte es eigentlich wissen, aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich wünsche mir nur, dass es derselbe Ort ist wie für alle, die wir geliebt und verloren haben. Aber wenn du „jetzt“ meinst, sollten man auf jeden Fall Auger live auf ihrer großartigen Tour sehen.
O: Das Album endet wunderschön mit „No One Plans (To Make Mistakes)“. Ist das etwas, das du selbst lernen musstest?
KB: Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine gesunde Einstellung ist, das zu wissen. Wir neigen dazu, etwas, das durchaus ein Fehler sein könnte, vorschnell als Böswilligkeit abzutun. Und diese Fehler sind Teil des Erwachsenwerdens, Teil des Lernens und Teil des Menschseins. Ich habe sicherlich viele gemacht, und ich komme damit klar – auch wenn die Texte auf dem gesamten Album etwas anderes suggerieren.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Sieh Dir das Video zu „The Old Arcade“ an:
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