JEANNE D’ARTE im Interview (2/2)

Mit „Am Ufer der Welt“ veröffentlicht Jeanne D’Arte aus Wien ihr Debütalbum. Musikalisch bewegt sie sich zwischen Ethereal, düsterem Pop und Electronica, die sie zu einer mystischen Klangreise verwebt. Wir sprechen mit der sympathischen Künstlerin in unserem zweiten Interview-Teil über Risse in der Erde und Stadt- vs. Landleben.
Risse in der Erde
Orkus: Sehr mitreißend ist auch „Regen schwimmt auf Erde“. Gibt es eine Hintergrundgeschichte dazu?
Jeanne D’Arte: Uh, das freut mich – das ist mein Favorit auf dem Album. „Regen schwimmt auf Erde“ ist inspiriert von einer brutalen Szene in der Naturdoku „Our Planet“ (2023), wo eine Flamingokolonie auf der Suche nach frischem Wasser weiterziehen muss. Dabei lassen sie viele vom Salz verkrustete, aber sonst gesunde Jungtiere zurück und überlassen sie damit dem sicheren Tod. Dieses Bild des Verlassenwerdens und den äußeren Umständen derart ausgesetzt zu sein, habe ich mit Kindheitserinnerungen in „Regen schwimmt auf Erde“ verbunden. Die Weinviertler Bodenbeschaffenheit ist im Sommer geprägt von tiefen Rissen in der lehmigen Erde, wodurch plötzlicher, starker Regen aufschwimmt und nicht versickern kann. So fühlt es sich an, auf unempfänglicher Erde gedeihen zu wollen oder gegen das Unveränderliche ankämpfen zu müssen. Man versucht Halt zu finden, durchzudringen und die eigene Wachstumsform hervorzubringen, doch der Untergrund lässt es nicht zu und führt so zum Absterben davon, was hätte sein können.
O: Regen, Meer und generell Wasser sind allgegenwärtig auf „Am Ufer der Welt“. Welche Bedeutung hat das für dich?
J: Mir entzieht sich innerlich oft der Boden unter den Füßen, wodurch sich das Leben und die Welt um mich herum surreal anfühlen und schwer zu begreifen sind. Fließendes Wasser sprudelt vor Leben und Selbstverständlichkeit. Die Geräusche eines rauschenden Flusses oder brechender Wellen am Strand und der Anblick ihrer stetigen Bewegung gibt mir Zuversicht, Seelenfrieden und ein Momentum, mich wieder ins Leben mit einzuklinken. Wenn ich das Meer sehe oder Regen auf mir spüre, kommt mir der Boden unter den Füßen wieder näher. Ich liebe Wasser und ich weiß, ich sollte für mein Herz eines Tages an einem Gewässer wohnen. Am liebsten am Meer.
Stadt vs. Land
O: Du kommst ja aus Wien, oder? Würdest du sagen, dass dich die Stadt in gewisser Weise auch geprägt hat?
J: Ich bin hier geboren und bestimmt hat Wien mich geprägt, so wie mein Aufwachsen in Niederösterreich. Ich liebe die Bescheidenheit und Ruhe des Landlebens genauso wie die dichte Bebauung einer lebendigen Stadt. In Wien haben mich der Tiergarten, die Museen, die Graphische (Kolleg für Grafikdesign), die mir nicht nachvollziehbare Titelobsession und meine hier gefundenen, großartigen Freunde wohl am meisten geprägt … und das Café Savoy. Ich glaube aber, um zu verstehen, wie stark und inwiefern mich Wien und das Weinviertel geprägt haben, muss ich das Gewohnte auch erstmal verlassen, um andere Facetten von mir an anderen Orten kennenzulernen. Ich war schon als Kind davon geprägt, ins Unbekannte ziehen zu wollen und nach Selbstfindung zu streben. Meine Tante wohnt in NYC und meinte mal zu mir: Wien ist eine Stadt zum Heimkehren.
Küssende Musen
O: Falls man das überhaupt zu verallgemeinernd sagen kann: Wo findest du Inspiration? Gibt es einen bestimmten Ort oder eine besondere Stimmung, in die du dich versetzt, um kreativ zu sein, oder kann dich die Muse überall küssen?
J: Ich finde ständig und überall Inspiration und würde meine Zeit am liebsten ausschließlich mit kreativen Projekten verbringen. Ein Projekt inspiriert in der Regel schon das nächste und es gibt so viele Adern der Musik, die ich erkunden will. Ich sehne mich nach etwas mehr Freiheit, meinem Schaffensdrang auch immer folgen zu können und einfach zu tun. Ich suche da noch nach einem besseren Umgang mit meinen kreativen Energien und zeitlichen Ressourcen. Für mich kommt Inspiration über Beobachtung, Intuition, Tagträumen und meine Leidenschaft, Welten zu bauen und Geschichten zu schreiben. Am besten kreiere ich aber nachts, ab 18:00 kommt mein Geist eigentlich erst in die Gänge, haha. Wenn ich mir ein ideales Setting fürs Musikmachen einrichte, dann ist es jedenfalls ein Raum mit vielen sanften Lichtquellen, Kerzen, Kaffee, Tee, und viel Platz am Boden, für Dancebreaks. Ich produziere gerne alleine und gemeinsam mit Musikerinnen und Musikern, die meine musikalische Sprache teilen oder verstehen. As long as the rivers can flow.
Musik als Gesamtkunstwerk
O: Wir sind ja ein Magazin der schwarzen Szene. Was verbindet dich mit dieser?
J: Ich glaube ein bisschen muss ich das selbst auch erst herausfinden. In meiner Schulzeit habe ich Enya, Tokio Hotel, Lady Gaga, t.A.T.u. und einen ganzen Regenbogen verschiedenster Artists bewundert und schon früh eine Vorliebe für Musik als Gesamtkunstwerk entdeckt. Das zeigt sich auch in meinem visuellen Auftritt, auf der Bühne und digital. Ich liebe es mit Kleidung und Make-up zu experimentieren und den ästhetischen roten Faden zu entwickeln, der sich durch die Welt von Jeanne D’Arte zieht. Diese Welt umarmt das Hexen- und Elfenartige, das Anderssein, die Schwere in uns und sehnt sich nach echtem, gesellschaftlichem Zusammenhalt. Ich persönlich finde es wichtig für Menschenrechte aufzustehen, sowie für die Chancengleichheit aller zu appellieren. Ich will damit auch nicht ruhen, ehe jeder Mensch dieser Welt ein erfülltes Leben erfahren darf, demnach trage ich in mir wohl ein ewig loderndes Feuer. Die Welt von Jeanne D’Arte ist mein Calling und existiert, um ihren Tribe zu finden und um unsere einmalige Existenz gemeinsam zu ehren.
Scharf, stark und schlau
O: Wie sieht die nahe Zukunft von Jeanne D’Arte aus?
J: Live Shows! Ich hoffe bald auch außerhalb von Wien zu spielen und werde die nächsten Monate die Geburt meines Albums „Am Ufer der Welt“ feiern. Gleichzeitig juckt es mir schon unter den Fingern für mein nächstes Album und musikalisch … I want to bring more edge and dance and english back to the lyrics. Jeanne D’Arte with sharp teeth, sharp movements and sharp fashion.
Sieh Dir das Video zu „Tiefe Meere sind schwarz“ an:
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