KÁRYYN im Interview (2/2)

Photo: Jenna Marsh

Die in Los Angeles Lebende Künstlerin KÁRYYN mit syrisch-armenischen Wurzeln begann mit ihrem Soloprojekt 2017. Lies hier den zweiten Interview-Teil mit der Künstlerin über ihr neues Album „Physics Universal Love Language (Pull)“. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.

Frequenzen für den Körper

Ein zentrales Element des Albums ist seine physische Wirkung. Rund 60 Prozent der Songs sind auf 432 Hz gestimmt. „Diese Frequenz wirkt beruhigend auf den Körper“, erklärt sie. „Mich interessiert, wie man diese Tiefe in einen Pop-Kontext bringt – sodass man selbst in intensiven Momenten gehalten wird.“ Im Kontrast dazu stehen Stücke, die auf 440 Hz basieren – subtil verschiebt sich so die emotionale Wahrnehmung. Es ist ein feines, fast unsichtbares Spiel mit Resonanz.

Zwischen Herkunft und Gegenwart

KÁRYYNs Klangwelt speist sich aus vielen Quellen: syrische, armenische, westliche Pop- und Clubmusik. Doch nichts daran wirkt wie ein Zitat. „Diese Einflüsse sind nicht bewusst gesetzt – sie sind einfach Teil von mir“. Sie erinnert sich an ihre Kindheit zwischen syrischen Satellitenfernsehkanälen und amerikanischer Provinz. „Ich habe R&B gehört, während im Hintergrund der Gebetsruf lief.“ Später kamen elektronische Musik und Studien bei Avantgarde-Komponisten hinzu. All das fließt zusammen – als organisches Ganzes.

Zeit, Kontrolle und Hingabe

Auch konzeptionell stellt das Album Gewissheiten infrage. Zeit sei für sie nicht linear. „Ich habe erst spät verstanden, dass andere Menschen sie so wahrnehmen“, sagt sie. Ähnlich verhält es sich mit Kontrolle und Loslassen. „Das sind keine Gegensätze. Im Loslassen steckt Kontrolle, und in Kontrolle steckt Hingabe.“ Am Ende läuft alles auf einen Begriff hinaus: Transformation. „Das ist alles, was mich interessiert“, sagt KÁRYYN. „Es geht darum, Erfahrungen wirklich zu fühlen, bei ihnen zu bleiben und sie in das zu integrieren, was man als Nächstes wird.“ Diese Haltung macht „Physics Universal Love Language (Pull)“ zu einem radikal offenen Album. Es fordert Teilnahme des Hörers.

Musik als Erfahrung

Was bleibt nach dem Hören? Für KÁRYYN ist die Antwort klar: „Ich möchte, dass die Menschen alles fühlen – auch das, was sie verdrängt haben. Und vor allem Hoffnung. Dass sie erkennen, welche Kraft sie haben, sich zu verändern.“ Es ist ein ambitionierter Anspruch. Doch dieses Album trägt ihn. Denn „Physics Universal Love Language (Pull)“ ist kein Werk, das sich erklärt. Es wirkt. Wie eine unsichtbare Kraft.

Jan Schütz (Meersein)

In unserer Mai/Juni-Ausgabe sprechen wir ebenfalls mit der Künstlerin.

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