L‘0nde N0IRe im Interview (2/2)

Was passiert, wenn jemand drei Jahrzehnte lang EBM, Industrial, Synthpop und Dark Wave im Kopf hat, sich von Phonk inspirieren lässt und schließlich die KI zum musikalischen Werkzeug macht? Bei L‘0nde NOIRe entsteht daraus weit mehr als irgendein KI-Musikprojekt. Hinter den düsteren Klangwelten steckt ein ausgeklügeltes Konzept aus Philosophie, Gesellschaftskritik und der Frage, was den Menschen eigentlich zu Menschen macht. Lies hier den zweiten Teil unseres Interviews. Du hast den ersten Teil verpasst? Kein Problem, Du kannst ihn hier nachlesen.

Orkus: Es ist besonders interessant, dass keine vollständigen Sätze notwendig sind. Allein die Stichworte, fast wie ein Mantra, reichen aus, um die jeweiligen Themen zu vermitteln. Wie bist du an die Texte herangegangen?
L’0nde N0IRe:
Ich wollte, dass die Tracks auf „Tech N0ir“ alle derselben Formel folgen: fragmentierte, sich wiederholende Wörter, viele davon aus der psychiatrischen Terminologie. Dafür gab es zwei Gründe. Erstens sollte die Fragmentierung der Sprache die mentale Fragmentierung und den allmählichen Zusammenbruch sowohl unserer Welt als auch unserer selbst andeuten. Zweitens wollte ich nicht, dass konventionelle Sätze und erzählerische Texte den unerbittlichen, tanzorientierten Techno-Rhythmus stören. Die Worte funktionieren also fast wie Symptome, Befehle oder Mantras. Man braucht keinen vollständigen Satz, um zu verstehen, was sie mit einem machen.

O: Auch „Addiction“ ist faszinierend. Gibt es eine Geschichte hinter dem Song?

L’0nde N0IRe: Es gibt keine bestimmte persönliche Geschichte hinter „Addiction“, abgesehen von der Geschichte der menschlichen Natur selbst. Unsere Süchte, Obsessionen, Komplexe und Eigenheiten – selbst wenn die Experten sie nicht gutheißen – gehören zu den Dingen, die uns als Menschen ausmachen und uns von Maschinen unterscheiden. Wie ich bereits erwähnt habe, glaube ich nicht, dass die größte Gefahr unserer Zeit darin besteht, dass Skynet plötzlich die Weltherrschaft übernimmt, wie manche Menschen befürchten. Die interessantere und beunruhigendere Möglichkeit ist, dass Menschen selbst zunehmend darauf trainiert, erzogen, konditioniert und geformt werden, sich wie seelenlose Maschinen zu verhalten. Für mich ist das eine weitaus beängstigendere Form der technologischen Dystopie.

O: Das Motto „Happy music for sad people“ ist klasse! Auch wenn es zum Album „Music for the Mass“ gehört … Würdest du dich selbst als „traurig“ bezeichnen?
L’0nde N0IRe:
Ich denke, jeder Mensch, der auch nur ein minimales Bewusstsein für die Realität besitzt, hat Gründe, traurig zu sein. Selig sind, die arm im Geiste sind, wie man so sagt. (lacht) Aber ich sehe Traurigkeit nicht unbedingt als etwas Schlechtes. Traurigkeit kann zu Bewusstsein, Handeln und Veränderung führen. So verstehe ich auch den Existenzialismus: Unter der Dunkelheit entsteht ein Humanismus, der Glaube daran, dass der Mensch immer noch handeln und Dinge verändern kann.

Die Idee von „Music for the Mass“ ist ziemlich simpel: Wir bringen dich zum Tanzen und vielleicht sogar dazu, „glücklich“ zu werden, während wir tief in unserem Inneren möglicherweise alle unglücklich bleiben. Elektronische Musik gibt auch einem unglücklichen Menschen einen Grund, Freude zu empfinden, wenn auch nur vorübergehend – oder zumindest eine Möglichkeit, seine Ängste und seine Traurigkeit in etwas Schönes zu verwandeln.

O: Du kommst aus Griechenland, aus Athen, wenn ich mich nicht irre. Wie sieht die Dark- und Alternative-Musikszene dort aus?
L’0nde N0IRe:
Ich würde nicht sagen, dass sie besonders gut dasteht, zumindest was die Clubszene betrifft. In Athen gibt es praktisch zwei Clubs, die sich der Electro-/Gothic-Szene widmen, einen, der hauptsächlich auf Techno ausgerichtet ist, einige Metal-Clubs und zwei oder drei weitere Locations, die gelegentlich alternative Abende veranstalten. Die Menschen sind da, die Bands sind da und auch die Ideen sind definitiv vorhanden. Aber was die eigentliche Clubkultur betrifft, hat sich nicht besonders viel entwickelt. Es sind weitgehend dieselben Orte, die es schon immer gab, und ich vermute, dass sie noch ziemlich lange dieselben bleiben werden.

O: Und inwiefern haben dein Heimatland und die Stadt Athen dich und deine Musik beeinflusst?
L’0nde N0IRe:
Nun, ich lebe seit meiner Geburt in diesem Land, also hat es offensichtlich meine Denkweise beeinflusst, selbst wenn vieles davon unbewusst geschehen ist. Ich finde viele Aspekte des heutigen Griechenlands zutiefst frustrierend – den Lebensstandard, Nationalismus, Rassismus, politische Korruption und so weiter. Was mich betrifft, sind wir dafür bei Essen, Stränden und Wetter deutlich besser. (lacht) Unweigerlich hat das Leben in diesem Umfeld meine Sicht auf die Welt geprägt und damit auch die Musik, die ich mache.

Gleichzeitig denke ich, dass Griechenland tatsächlich ein wunderbarer Ort ist, um Inspiration für dunkle, melancholische Musik zu finden. Es hat etwas geradezu absurd Passendes, Dunkelheit unter einer sengenden mediterranen Sonne zu erschaffen, die gnadenlos auf einen herunterbrennt – ein wenig wie die Sonne in Camus‘ „Der Fremde“.

Claudia Zinn-Zinnenburg

Höre L’0nde N0IRe in unserer „Schwarze Szene“-Playlist auf Spotify:

Schon unseren Newsletter abonniert?

Wähle Deine Wunsch-CD als Abo-Prämie: