L‘0nde N0IRe im Interview (1/2)

Was passiert, wenn jemand drei Jahrzehnte lang EBM, Industrial, Synthpop und Dark Wave im Kopf hat, sich von Phonk inspirieren lässt und schließlich die KI zum musikalischen Werkzeug macht? Bei L‘0nde NOIRe entsteht daraus weit mehr als irgendein KI-Musikprojekt. Hinter den düsteren Klangwelten steckt ein ausgeklügeltes Konzept aus Philosophie, Gesellschaftskritik und der Frage, was den Menschen eigentlich zu Menschen macht. Lies hier den ersten Teil unseres Interviews.
Orkus: Beginnen wir ganz am Anfang: Dein Projekt heißt L’0NDE N0IRe – „die schwarze Welle“. Was bedeutet dieser Name für dich?
L’0nde N0IRe: Meine Wurzeln liegen in der Electrogoth-Szene, deshalb war mein erster Gedanke etwas in Richtung „Vague Noir“. Allerdings waren praktisch alle ähnlichen Namen bereits vergeben, sodass ich schließlich bei der französischen Version gelandet bin. Mir gefiel sie dann aber auch wegen der Bilder, die sie hervorruft: eine dunkle Welle zu überqueren, fast wie die Überquerung des Acheron – der Übergang von einer Existenzform in eine andere, letztlich hin zum Tod. So wurde der Name nach und nach zu mehr als nur einer Anspielung auf Dark-Wave-Musik. Er schien zur Atmosphäre und Philosophie des gesamten Projekts zu passen. Tatsächlich bedeutet „passer l’onde noire“ auf Französisch „sterben“.
O: Wie und wann entstand der Wunsch, dieses Projekt ins Leben zu rufen?
L’0nde N0IRe: Ich höre seit ungefähr 30 Jahren EBM, Industrial, Synthpop, Dark Wave und verwandte Musik. Die eigentliche Idee für L’0nde N0IRe entstand allerdings erst vor etwa sechs Monaten. Ich beobachtete meinen zwölfjährigen Sohn dabei, wie er Phonk hörte, und plötzlich kam mir der Gedanke, dass die heutige Generation auf seltsame Weise einen Teil der kalten, industriellen und nihilistischen Energie des Old-School-EBM in diese neue, extrem körperliche Form von Musik verwandelt hat. Das hat mich fasziniert. Dann dachte ich: Ich habe keine klassische musikalische Ausbildung – warum also nicht KI als Werkzeug nutzen, um meine eigene Musik zu erschaffen? Mit KI hatte ich ohnehin schon seit mehreren Jahren gearbeitet. Natürlich bin ich aufgrund all dessen, was ich über die Jahre gehört habe, irgendwann bei Dark Wave, Synthpop, EBM und Industrial gelandet. Aber auch Phonk findet sich in dem Projekt wieder, neben zahlreichen anderen Einflüssen. Die Wahrheit ist: Ich liebe praktisch jede Form elektronischer Musik.
O: Deine Musik wird von KI unterstützt, aber natürlich gibt man nicht einfach ein paar Begriffe ein und bekommt einen fertigen Song. Dahinter steckt viel Arbeit und Herzblut. Kannst du erklären, wie der kreative Prozess bei deinen Songs abläuft?
L’0nde N0IRe: Wenn du möchtest, verrate ich dir mein kreatives Rezept. (grinst) Alles beginnt mit der zentralen Idee – dem Konzept. Alle meine Alben sind Konzeptalben. Sie haben symbolische, allegorische und philosophische Dimensionen, die sich sowohl in der Musik als auch in den Texten widerspiegeln. Jedes Album versucht, etwas über die heutige Realität auszusagen, häufig aus der Perspektive von Denkern wie Orwell, Baudrillard und Guy Debord, aber auch beeinflusst vom Existenzialismus und einer grundsätzlicheren Kritik an der Moderne. Im Grunde geht es um eine Kritik an der Gegenwart und an der Welt, in der wir leben.
Aber ich sehe den Existenzialismus – und sogar den Nihilismus – nicht ausschließlich pessimistisch. Im Kern steckt meiner Meinung nach etwas zutiefst Humanistisches darin: Unter der anfänglichen Dunkelheit liegt ein Optimismus, die Möglichkeit, dass der Mensch letztlich doch bestehen kann. „L’existentialisme est un humanisme“, wie Sartre sagte. Sobald die ursprüngliche Idee und der Titel feststehen, kommt die Struktur. Das Album stellt eine Reise dar – normalerweise von dunkel zu noch dunkler – und jeder Track trägt zu dieser Reise bei. Jeder Song hat eine bestimmte Bedeutung und eine eigene musikalische Sprache, die seinem Zweck dient. Auch das Artwork des Albums und der einzelnen Tracks ist Teil desselben Prozesses. Kurz gesagt: Ich denke gerne, dass nichts zufällig geschieht.
Was die eigentliche musikalische Umsetzung betrifft, bin ich inzwischen ziemlich gut darin, Prompts zu formulieren. Dadurch kann ich dem Genre, der Atmosphäre und dem Stil, den ich suche, sehr nahekommen. Für jeden Abschnitt eines Tracks verwende ich ausführliche Anweisungen und lege sogar fest, welche Art von Gesang ich in den jeweiligen Passagen haben möchte. Normalerweise entstehen zunächst 20 oder 30 Versionen jedes Songs. Ich höre sie mir ausführlich an, wähle diejenige aus, die die ursprüngliche Idee am besten ausdrückt, und dann folgt noch ein umfangreicher Bearbeitungsprozess, bevor die endgültige Version entsteht, die schließlich bei euch ankommt.
O: Sprechen wir über das Album „Tech N0ir“. Es endet mit dem Titeltrack, der besonders faszinierend ist. Wie ist dieser Song entstanden und warum findest du, dass er das Album so gut repräsentiert?
L’0nde N0IRe: Die ursprüngliche Idee hinter „Tech N0ir“ – offensichtlich inspiriert vom fantastischen Tech-Noir-Nachtclub in „The Terminator“ – war, unsere Welt als eine Welt darzustellen, die zunehmend von Technokratie, Experten, Manipulation, äußerer Kontrolle und Propaganda beherrscht wird. Es ist eine zerfallende Welt, und das Album folgt einer Reise durch diese Welt. Wir beginnen mit der Erkenntnis unserer eigenen Situation in „Existence“, dem Eröffnungstrack, und bewegen uns anschließend über Obsession, Unordnung, Sucht, Therapie, Schmerz, Trauma, Angst und Zusammenbruch in Richtung Tod. Doch im Zentrum des Albums steht ein Paradoxon. Unsere Obsessionen, Süchte, Komplexe und Unvollkommenheiten sind gleichzeitig ein Teil dessen, was uns menschlich macht. Die zunehmende Psychiatrisierung von allem, verbunden mit dem Versprechen, dass alles „behandelt“ werden kann und sollte, führt letztlich zu unserem vollständigen Zusammenbruch. Das Album schlägt deshalb eine andere Form der Therapie vor: Musik. Genauer gesagt die körperliche Erfahrung von Techno und Trance – daher auch der Untertitel „Therapy for Urban Trauma.“ Und nach unserem symbolischen Tod gibt es nur noch ein mögliches Ziel: endloses, totales Tanzen im ewigen Club – „Tech N0ir“. Deshalb beendet der Titeltrack das Album. Er ist nicht einfach nur der letzte Song. Er ist das Ziel der gesamten Reise.
Claudia Zinn-Zinnenburg
Höre L’0nde N0IRe in unserer „Schwarze Szene“-Playlist auf Spotify:
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