THE MEMORY OF SNOW im Interview (1/2)

Wir sprechen in unserem zweiteiligen Interview mit Albin Wagener über sein neues Album „Inside“ und verfolgen dabei eine spannende Detektivgeschichte.

Orkus: Das erste Album von The Memory of Snow erschien 2023. Wie kam es zur Idee bzw. dem Bedürfnis, The Memory of Snow zu gründen?
Albin Wagener: Eigentlich ist The Memory of Snow eine Art musikalische Wiedergeburt. Ich hatte zuvor mit verschiedenen Projekten Musik gemacht, bis ich irgendwann keine einzige Melodie mehr schreiben konnte … Ich hatte eine völlige Blockade. The Memory of Snow entstand nach einer zehnjährigen musikalischen Pause. Ich hatte einfach das Gefühl, wieder Musik machen zu müssen, und dieses Gefühl war plötzlich wieder da. Ich musste alles selbst machen, um wirklich die Kontrolle über die künstlerische Vision und den gesamten Prozess zu haben. Im Grunde geht es also um einen Menschen, der nach zu vielen Jahren des Schweigens wieder Musik macht …

O: Was hat es mit dem Namen des Projekts auf sich?
AW: The Memory of Snow hat viele Bedeutungen. Zum einen geht es um Schnee als Erinnerung. Ich denke dabei an meine Kindheit in Luxemburg, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Dort hatten wir jedes Jahr zu Weihnachten Schnee – etwas, das verschwand, als die ganze Familie nach Frankreich zog. Gleichzeitig hat der Name eine sehr düstere Bedeutung im Hinblick auf die Klimakrise, die für mich ein wichtiges Thema ist. Es geht um das Verschwinden von Dingen, die uns lieb und selbstverständlich waren – vor allem um das Verschwinden des Winters, meiner liebsten Jahreszeit! Und dann gibt es noch eine weitere Bedeutung: eine Reise, die ich vor einigen Jahren nach Finnland machen durfte. Ich bin in den Norden des Landes gereist, nach Oulu und Rovaniemi, und habe diese riesigen Mengen an Schnee und Eis gesehen … Es war ein magischer Moment, den ich nicht vergessen kann. Diese kalte Stille hatte etwas Friedliches, etwas, das größer war als das Leben. Entschuldige die lange und komplizierte Antwort, aber zumindest bekommst du so einen Eindruck von der Welt und den Themen, die ich in meine Musik einfließen lasse.

O: Was löst Schnee in dir aus?
AW: Schnee steht für eine Art kalte Gelassenheit, die wir im Leben nie wirklich erreichen. Ich stelle mir gerne vor, dass der Tod vielleicht friedlicher ist, und Schnee erinnert auch an eine langsame, sanfte Form des Sterbens … Sorry, das klingt nicht gerade positiv, aber hey, auch das gehört zum Leben. Gleichzeitig hat Schnee etwas Beruhigendes, Tröstliches: Dieses leise Geräusch, das einen umgibt, wenn die Welt unter einer Schneedecke liegt. Ich liebe die kalten Jahreszeiten und die Art, wie sie die Natur bedecken … Das ist eigentlich ziemlich poetisch und natürlich auch mit Kindheitserinnerungen verbunden, wie ich bereits erklärt habe. Ich liebe die Kälte – was sich wahrscheinlich auch in meiner Musik widerspiegelt!

O: Das neue Album trägt den Titel „Inside“. Wie ist dieser Song entstanden und warum wurde er zum Albumtitel?
AW: „Inside“ ist tatsächlich eine direkte Anspielung auf das Album „Outside“, das David Bowie 1995 produziert hat – übrigens ein Album, das ich sehr liebe. Ich dachte, dass es interessant sein könnte, ein Album mit einem ähnlichen experimentellen Ansatz zu machen, ebenfalls über einen Detektiv, der den Mord an einem Mädchen untersucht. Doch je weiter ich mit der Produktion vorankam, desto mehr entfernte ich mich von dieser ursprünglichen Idee. „Inside“ entwickelte sich zu einem eigenständigen Projekt – natürlich keine Kopie und auch kein zweites Kapitel. Wie könnte ich mich ehrlich gesagt auch mit Bowie vergleichen! Vielmehr ist es eine Hommage auf seine ganz eigene Art. Dazu kamen verschiedene andere Einflüsse: Man hört natürlich hier und da David Lynch heraus, aber auch eine stärker nordische Atmosphäre, beeinflusst von dänischen Serien und deren Noir-Kriminalgeschichten. Am Ende wurde daraus etwas völlig Eigenständiges. „Inside“ versucht, die schmutzigen Geschichten aufzudecken, die sich hinter scheinbar perfekten Häusern verbergen. Es geht um die Monster, die wir zu Hause haben, um Gewalt und darum, wie Verbrechen meist direkt vor unseren Augen verborgen bleiben – insbesondere wenn es um verletzliche Wesen wie Kinder geht.

O: Es ist ein ausgeklügeltes Konzeptalbum, bei dem wir Detective Stern dabei begleiten, wie er einen Mord aufzuklären versucht …
AW: Wie gesagt, die ursprüngliche Idee entstand aus dem Wunsch heraus, eine Art Fortsetzung zu Bowies „Outside“ zu produzieren. Gleichzeitig schrieb ich das Album, während ich „Twin Peaks“ von David Lynch erneut ansah und über Serien wie „Bron/Broen“ und „The Killing“ nachdachte. Ich wollte etwas stärker Nordisches, Düstereres und musikalisch Konzentrierteres. Detective Jonas Stern sollte einen schmutzigen Fall untersuchen: den grausamen Mord an einem Teenager-Mädchen durch ihren Stiefvater. Ich wollte, dass diese Ermittlungen ihn schließlich selbst in den Wahnsinn treiben und am Ende dazu führen, dass er zum Mörder wird. Es ist wirklich ein Konzeptalbum: Es erzählt eine Geschichte wie ein Roman, und jeder Song ist ein Kapitel. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Aber ja – es ist definitiv keine fröhliche Geschichte.

O: „Noise in the Basement“ beschert einem Gänsehaut. Gibt es eine Geschichte dahinter?
AW: Ich wollte mit diesem Song eine Mordszene aus der Sicht der Ermittler beschreiben. Der Detektiv und seine Kollegen betreten das Haus und betrachten die Räume und das, was sich darin befindet. Es ist eine kalte Beschreibung intimer Details und des abrupten Endes des Alltags in diesem Haus. In gewisser Weise ist der Song fast chirurgisch: Man kann die Farben der Wände beinahe sehen, sich das Obergeschoss vorstellen und spüren, wie dort plötzlich alles zum Stillstand gekommen ist. Ein Leben ist zum Stillstand gekommen. Der Titel „Noise in the Basement“ bezieht sich auf das Geräusch, das der Detektiv aus dem Keller hört, während seine Kollegen dort den Tatort untersuchen – den Ort, an dem das Mädchen ermordet wurde.

Claudia Zinn-Zinnenburg

In Kürze setzen wir unser Interview fort.

Sieh Dir das Video zu „Inside“ an:

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