So war es bei NACHTBLUT

26. Februar 2026, Hamburg, Knust
Support: Asenblut

Todschick und gnadenlos echt

Es gibt Bands, die provozieren um der Provokation willen. Und es gibt Bands, die provozieren, weil sie etwas zu sagen haben. Nachtblut, gegründet von Askeroth, gehören zur zweiten Kategorie. Seit Jahren verpacken sie gesellschaftliche Missstände in Dark Metal – blasphemisch im Ton, kompromisslos im Ausdruck, bei genauem Hinhören jedoch erschreckend präzise in ihrer Analyse. Ihre Texte wirken menschenfeindlich, sind es aber nicht.
Sie halten der Gesellschaft einen Spiegel vor – und die Fratze, die uns da anstarrt, kann Angst machen. Am 26.02.2026 steht das Hamburger Knust unter genau diesem Zeichen. – Restlos ausverkauft. Kein Zentimeter Luft zwischen den Körpern. Die „Todschick Tour Part II“ trägt den Namen des aktuellen Albums – und passend dazu finden gleich sieben Songs daraus ihren Weg ins Set. Schon vor Beginn liegt diese gespannte Erwartung im Raum, dieses kollektive „Heute wird’s laut“. Hier kommt niemand zum höflichen Kopfnicken, sondern, um sich das Innenleben durchschütteln zu lassen.

Der Sturm vor dem Sturm

Asenblut eröffnen den Abend wie ein Rammbock – nicht als Beiwerk, sondern wie eine Vorhut. Mit „Das Ende der Götter“ setzen sie sofort die Tonlage: schwer, episch, mit jener Mischung aus Pathos und Schlagkraft, die Melodic Death Metal im besten Sinne auszeichnet. „Unbesiegbar“ und „Seite an Seite“ ziehen das Tempo an – hymnisch im Refrain, aggressiv in den Strophen, genug Druck, um das Knust binnen Minuten auf Betriebstemperatur zu bringen. Später rollen „Entfesselt“ und „Bruderschaft“ wie ein gepanzerter Konvoi durch den Raum. Die Gitarren stehen breit, die Drums schlagen wie Hämmer auf Stahl. Mit „Wie ein Berserker“ wird der Titel zur Zustandsbeschreibung – Köpfe fliegen, Fäuste gehen hoch. „Wölfe des Meeres“ und „Berserkerzorn“ beenden das Set mit einer Wucht. – Damit legen Asenblut das Fundament für das, was folgt.

Todschick mit Kante

Ohne Umschweife kommen Nachtblut zur Sache: Ein Schlag – dann „Von Hass getrieben“. Der Einstieg kommt hart, kompromisslos, ohne Zeit zum Sammeln. Mit „Nachtgeweiht“ und „Kaltes Herz“ zieht die Band den Kreis enger, die Gitarren schneiden scharf, das Schlagzeug drückt unerbittlich nach vorn. Später lassen „Manchmal kommen sie wieder“ und der Titeltrack „Todschick“ – live noch bissiger als auf dem Album – keinen Zweifel daran, wer hier das Kommando hat. „Kalt wie Grab“ und „Amok“ erhöhen weiter den Druck, bevor mit „Mein ist die Hölle“ die Temperatur endgültig kippt. Hier wird mit Tabus gespielt wie mit Streichhölzern an einer Tankstelle. Das Publikum singt nicht nur mit – es brüllt. Askeroth steht da wie ein düsterer Zeremonienmeister, der seine Gemeinde durch eine kontrollierte Apokalypse führt. „Der Tod ist meine Nutte“ kommt provokant, schmutzig, bitterironisch. „Stirb langsam“ zieht das Tempo weiter an, treibt den Pit in Wallung, zwingt Bewegung in jede Ecke des Knust, während „Leierkinder“ die dunklere, fast zynische Seite betont – als würde die Band für einen Moment das Skalpell auspacken, statt nur den Hammer. Mit „Die Toten vergessen dich“ wird es später epischer. Der Song zieht wie ein kalter Wind durch die Reihen und trägt dennoch vorwärts. Man spürt diese Mischung aus Trotz und Tragik.

Kein Zurückrudern

Für die Zugabe kommt „Multikulturell“ – ein Song, der Diskussion provoziert und genau deshalb als Zündfunke funktioniert. Mit „Fürchtet, was geschrieben steht“ verdichtet sich die Stimmung erneut, fast wie eine Drohung aus dem Off. Die Riffs drücken schwer, die Worte hängen wie Warnschilder im Raum. Askeroth wirkt wie ein Erzähler, der genau weiß, dass Worte manchmal gefährlicher sind als Waffen. „Antik“ verändert die Temperatur der Halle. Die Wucht liegt nicht nur im Sound, sondern in diesem kollektiven Moment, in dem alle gleichzeitig „ja“ sagen, ohne es aussprechen zu müssen. „Lied für die Götter“ wirkt wie ein zeremonieller Schnitt, fast hymnisch – aber ohne Trost. Und dann dieser unerwartete Moment, als Tetzel von Asenblut erneut die Bühne betritt für „Wat is’ denn los mit dir“. Das Kollegah/Majoe-Cover kommt als dreckiges Augenzwinkern. Als krönender Abschluss endet das Konzert mit „Das Leben der anderen“. Das Lied baut sich auf, trägt Wut und Reflexion in einem Atemzug – und als der letzte Akkord fällt, wirkt es, als hätte jemand die Luft aus dem Raum gezogen. – Schließlich verlassen wir  das Knust mit brennenden Ohren und klarem Kopf. Eben so, wie es sein sollte.

Text & Photos: Thomas Friedel Fuhrmann

Setlist Nachtblut:
„Von Hass getrieben“ • „Nachtgeweiht“ • „Kaltes Herz“ • „Manchmal kommen sie wieder“ • „Todschick“ • „Kalt wie Grab“ • „Amok“ • „Mein ist die Hölle“ • „Der Tod ist meine Nutte“ • „Stirb langsam“ • „Leierkinder“ • „Apostasie“ • „Gegen die Götter“ • „Die Toten vergessen dich“ ••• „Multikulturell“ • „Fürchtet, was geschrieben steht“ • „Antik“ • „Lied für die Götter“ • „Wat is‘ denn los mit dir“ (Kollegah feat. Majoe Cover) • „Das Leben der anderen“

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